Zum Tod von Paul Newman

Seine Augen brachten die Leinwand zum Leuchten

Von Verena Lueken

Ein Mann zum Dahinschmelzen - und doch ein Charakterdarsteller: Paul Newman

Ein Mann zum Dahinschmelzen - und doch ein Charakterdarsteller: Paul Newman

29. September 2008 Paul Newman ist tot. Die Nachricht kam, wenn auch seit vielen Wochen erwartet, am Samstag als Schock. Eine Zeit ist zu Ende gegangen. Nicht die Zeit der Stars (da gibt es noch einige), nicht die Zeit von Männern, die ohne machistisches Gehabe, ernsthaft und mit Witz männlich sein können (hoffentlich wachsen da ein paar nach), nicht die Zeit von irgendetwas Allgemeinerem als diesem ganz besonderen Mann. Dass es Paul Newman gab, war immer eine Selbstverständlichkeit, es hatte etwas Aufregendes, von ihm zu wissen, etwas Lichtes, ohne das wir, das heißt mit allem Pathos: die Welt, jetzt zurechtkommen müssen.

Ikone, Legende, Superstar - das sind Etiketten, die an Leuten kleben, die Paul Newman nicht das Wasser reichen können. Sagen wir also: Er war einzigartig. Als Schauspieler vor allem auf der Leinwand - obwohl er vom Theater und vom Fernsehen kam - wurde er weltberühmt mit Filmen, von denen einige Meisterwerke genannt werden können, manche von solider Mittelmäßigkeit waren, ein paar vergessenswert und nicht alle besonders erfolgreich. Er hat sehr passabel selbst Regie geführt, im Theater und im Film, und als Geschäftsmann baute er ein Soßenimperium auf, mit dem er sehr viel Geld verdiente (mehr als mit seinen Filmen, was er zu bedauern schien), das er sofort an wohltätige Einrichtungen weitergab, bis er zuletzt die gesamte Firma „Newman's Own“ einer Organisation überschrieb, die sich um krebskranke Kinder kümmert. Seine Spenden liegen im dreistelligen Millionenbereich. Dass er auf der Feindesliste von Richard Nixon ziemlich weit oben stand und dass er Autorennen fuhr wie ein Profi, dafür liebten ihn auch Menschen, die nicht so oft ins Kino gehen.

Er wollte ein Privatmann bleiben

Ebenfalls einzigartig war die Art, wie er mit seinem Starsein umging. Er blieb als Privatmann unsichtbar. Hollywoods Spiel der Prominenz, der Ausschweifungen und Intimitätsverletzungen hat er nie gespielt. Auch in seinen Rollen spüren wir immer einen Rest Distanz, Takt, wenn man so will, der Figur gegenüber, die er verkörpert, und gegenüber seinem Publikum. Es gibt keine Skandale, von denen zu berichten wäre, keine Auffälligkeiten außer der, dass er fast fünfzig Jahre lang mit derselben Frau verheiratet war, der Schauspielerin Joanne Woodward. Keine Klatschgeschichten, keine Paparazzifotos. Bis vor einigen Monaten ausgerechnet der Blog einer Bekannten von ihm, der amerikanischen Einrichtungsqueen Martha Stewart, die Welt mit der Nase darauf stieß, dass Paul Newman krank sei. So erschienen plötzlich wieder Fotos, aufgenommen von Leuten, die sich vor Krankenhäusern hinter Bäumen versteckten, und weit vor der Zeit nachrufähnliche Geschichten, die das Sommerloch füllten. Er muss das gehasst haben, verhindern konnte er es nicht.

Es führt kein Weg daran vorbei, eine Würdigung des Filmstars Paul Newman damit zu beginnen, dass er deutlich besser aussah als die meisten Menschen. Er brachte die Leinwand zum Leuchten, nur indem er ins Bild marschierte, und je nach Temperament mag man von seinen blauen Augen schwärmen, dem klassischen Profil oder Newmans unverschämter Lässigkeit. Sie verband ihn mit Marlon Brando und James Dean, in deren Windschatten sein Aufstieg begann - es gab eine Zeit, da wusste jeder, dass Newman die Hauptrolle in „Die Faust im Nacken“ hatte spielen wollen, die dann Brando bekam, und dass in dem Film „Somebody Up There Likes Me“, mit dem Newman berühmt wurde, und auch in „The Left-Handed Gun“ eigentlich James Dean vorgesehen war.

Seine Schönheit ging ihm auf die Nerven

Auch Newman lernte die „Methode“ im Actor's Studio in New York bei Lee Strasberg und Elia Kazan. Aber er benutzte sie mit weniger Drama als andere, eher als praktische Anleitung zur Rollenvorbereitung. Und so hat man (fast) immer den Eindruck, dass er mit großem Spaß, mit seinem ganzen Körper, seiner ganzen Persönlichkeit bei der Sache ist - aber ohne dass er Entscheidendes von sich selbst preisgeben würde, was er eine Weile damit camouflierte, dass er übertrieb, sich Manierismen angewöhnte, manchmal zu viel zappelte. Er stellte seine Attraktivität nicht aus (das taten seine Regisseure und Setfotografen), gab nicht mit ihr an (oder nur ein bisschen), litt aber auch nicht spürbar darunter, auf den ersten Blick Schauobjekt zu sein und erst auf den zweiten Schauspieler. Freunde sagen, es sei ihm immer mächtig auf die Nerven gegangen, aber den Filmen sieht man das nicht an.

Als die Zeit sehr langsam seine Schönheit einzuholen begann, suchte er sich entsprechende Rollen aus, in denen die Kerben, die das Leben so schlägt, zum Thema wurden. Aber als es so weit war, dass er mittelalte Männer in Krisen spielen wollte, war er längst ein Star in einer eigenen Liga, über sich niemanden (jedenfalls nicht mehr, seit sich Marlon Brando für den Weg in die Selbstzerstörung entschieden hatte), neben sich für eine Weile Robert Redford, unter sich lange nichts. Wenn man sich heute seine Filme anschaut, ist er gerade in jenen am interessantesten, die nicht zu seinen berühmtesten zählen. Da er vom Theater und vom Live-Fernsehen kam, arbeitete er besonders gut mit Regisseuren zusammen, die diese Erfahrung teilten und in ihre Filmarbeit aufnahmen. Das heißt: die so lange probten, bis jeder seine Rolle im Schlaf abrufen und beim Drehen zu jedem Zeitpunkt an jede Stelle der Geschichte springen konnte.

Einer, der seine Rollen bewohnte

Arthur Penn zum Beispiel hat so gearbeitet („The Left-Handed Gun“, 1958), Sydney Pollack („The Absence of Malice“, 1981) und Sidney Lumet („The Verdict“, 1982), und Newman versetzte das in die Lage, die komplizierten Rollen in diesen Filmen tatsächlich zu bewohnen. In den Filmen aber, die jeder kennt, in „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ oder „The Sting“ (Der Clou), ist es einfach eine Freude, ihn anzusehen, völlig eins mit sich. Ob es hohe Schauspielkunst ist, vor der Kamera zu genießen, Paul Newman zu sein, ist eine müßige Frage.

Er sei „wunderschön, von innen wie von außen“, hat Sidney Lumet über Newman gesagt. In „The Verdict“ gab er ihm die Rolle des verwahrlosten Anwalts Frank Galvin, der den Tag mit einem Drink und einer Runde am Flipperautomaten beginnt, um zu sehen, ob das Schicksal ihm geneigt ist. Galvin ist ein „ambulance chaser“, ein heruntergekommener Jurist, der sich auf Beerdigungen herumdrückt und seine Visitenkarten verteilt. Bei einem Kunstfehlerfall allerdings, den sein letzter Freund ihm zuschustert, regt sich sein Gewissen wieder, und er erstreitet Recht, wo es doch nur ums Geld gehen sollte.

Ein Bindeglied zwischen der goldenen Zeit und den Rebellen

Man kann sich fragen, ob Newman der Richtige ist, auf seinen Schultern die Last der Gerechtigkeit zu tragen. Mit dem breitbeinigen Gang des Alkoholikers schleppt er sich durch die ersten zwei Drittel des Films, sein Haarschnitt ist jämmerlich, sein Anzug billig, und er tut alles, um die schwer zu maskierende Noblesse seiner Erscheinung herunterzuspielen. Er verliebt sich in eine Frau - die sehr junge Charlotte Rampling -, die aus dem Nichts kommt. „The Verdict“ ist eine Erlösungsgeschichte wie später „Die Farbe des Geldes“, und dass Newman das glaubwürdig hinkriegt, macht ihn, der selbst immer wieder an seinem Talent gezweifelt hat, zu einem außergewöhnlichen Darsteller. Newman begriff die Rolle als Herausforderung, denn er wollte einen Charakter zeigen, dessen Gegenwart und Zukunft verstellt sind, weil er von seiner Vergangenheit nicht lassen kann, einen Mann, den die Geister von gestern jagen. Hätte Ben Kingsley im selben Jahr nicht den „Gandhi“ gespielt, wäre die Rolle Frank Galvins wohl Newmans erster Oscar geworden.

Paul Newman gehört in eine spannende Epoche des Kinos. Er war eine Art Bindeglied zwischen der goldenen Ära der Diven und Matinee Idols, zu denen er sich, wäre er fünfzehn Jahre älter gewesen, umstandslos hätte gesellen können, und der Zeit der dreckigen Helden, Rebellen und Außenseiter, von denen er eine ganze Reihe gespielt hat. Er sah aus wie der strahlende Heros, aber seine Rollen waren selten danach. Für Robert Rossen war er 1961 der Spieler Eddie („The Hustler“ / Haie der Großstadt), ein Zyniker, den Martin Scorsese fünfundzwanzig Jahre später in der „Farbe des Geldes“ gealtert wieder auftreten ließ. Mit dieser Rolle gewann Newman 1986 seinen einzigen Schauspiel-Oscar. Ein Jahr zuvor hatte die Academy ihm den Ehren-Oscar zugesprochen, nach bis dahin sieben Nominierungen offenbar verzweifelt bemüht, ihn endlich einmal auszuzeichnen. Später kam noch der Oscar für außergewöhnliche humanitäre Leistungen dazu.

Für schlechte Rollen entschuldigte er sich mit Zeitungsannoncen

Für Martin Ritt spielte Newman 1966 einen modernen Masochisten, der den Glauben an seine Ideale verloren hat („Hombre“) und im selben Jahr für Jack Smith den Privatdetektiv Lew Harper, einen nicht ganz so hartgesottenen Nachfolger von Humphrey Bogarts Philip Marlowe („Harper“); für Stuart Rosenberg 1967 einen Kleinkriminellen im Straflager, der die anderen Gefangenen bezaubert, bevor er am Ende ins Mündungsfeuer der Polizei tritt („Cool Hand Luke“) und ebenfalls für Rosenberg 1975 noch mal Lew Harper („The Drowning Pool“). Sydney Pollack besetzte ihn 1981 in „Absence of Malice“ als Lagerhausbesitzer, Sohn eines lange toten Mafioso, dessen Leben durch den Ehrgeiz einer Sensationsreporterin vollkommen auf den Kopf gestellt wird. Das ist der erste Film, in dem Newman von allen Manierismen frei und ungeheuer stilsicher agiert, wie er es von nun an immer tun wird, bis hin zu seiner Rolle des Mafiabosses in „Road to Perdition“ von Sam Mendes aus dem Jahr 2002.

Paul Newman wurde am 26. Januar 1925 in Cleveland geboren und wählte als ersten Beruf Volkswirt, bevor er Anfang der fünfziger Jahre an der Yale Drama School Schauspielunterricht nahm und dann nach New York ging. Am Broadway debütierte er 1953 mit „Picnic“, auf der Leinwand im Jahr darauf in „The Silver Chalice“. Das war eine bizarre Religions- und Sandalenklamotte, die Newman für den schlechtesten Film aller Zeiten hielt und für die er sich damals in selbstbezahlten Anzeigen in den Branchenblättern entschuldigte. Kein gerade glänzender Start, sollte man meinen, für eine Filmkarriere, die dann länger als ein halbes Jahrhundert gedauert hat und mit legendären Filmen gespickt ist, gedreht von Regisseuren wie John Huston, Otto Preminger und Alfred Hitchcock.

Man hätte sich gewünscht, dass Paul Newman am Ende seines Lebens unbeobachtet geblieben wäre, so wie er es als Privatmann immer wollte. Dass keine Bilder von ihm um die Welt gegangen wären, die einen von der Krankheit Gezeichneten zeigen. Am vergangenen Freitag ist er gestorben.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche