Guillaume Depardieu ist tot

Die Kindheit des Ikarus

Von Michael Althen

Guillaume Depardieu, 1971 - 2008

Guillaume Depardieu, 1971 - 2008

14. Oktober 2008 Guillaume Depardieu war bei Dreharbeiten in Rumänien, als er sich einen Virus einfing. Am Wochenende war er nach Paris verlegt worden. Akute Lungenentzündung. Es gab Komplikationen. Am Montagabend ist er gestorben. Er war nur siebenunddreißig Jahre alt. Der Titel des Films, der gerade abgedreht war, lautet: „Die Kindheit des Ikarus“. Und wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über diese Koinzidenz vielleicht schmunzeln. Denn Guillaume Depardieu war ein Kind, das sich beim Erwachsenwerden mehr als einmal die Flügel verbrannt hatte, ein junger Mann, der so oft abgestürzt war, dass seinem jähen Tod nun eine bittere Tragik zukommt.

Ikarus, dessen Ende Ovid so beschrieb: „Jener schwingt die nackten Arme, und da er keinen Flugapparat mehr hat, bekommt er keine Luft zu fassen, und sein Mund, der den väterlichen Namen ruft, wird durch das blaue Wasser aufgenommen, das von ihm seinen Namen bekam.“ Wer das Buch „Im Schatten meines Vaters“ (Heyne, 2004) gelesen hat, in dem Guillaume Depardieu dem Journalisten Marc-Olivier Fogiel auf 270 Seiten freimütig Auskunft gibt, weiß, dass das Gespräch ein einziger erstickter Schrei nach dem Vater ist, dem Schauspieler Gérard Depardieu. Und dass Guillaume ein Mensch war, der ein Leben lang damit gerungen hatte, „Luft zu fassen“ zu bekommen.

Siebzehn Operationen

Im Original heißt das Buch „Tout donner“ – „Alles geben“, und natürlich ist ihm jener Gestus eingeschrieben, mit dem auch anderen Frühvollendeten ihr schnelles Leben zum Verhängnis wurde. Mit siebenunddreißig war er nicht mehr ganz so jung wie River Phoenix oder James Dean, und von Letzterem unterschied ihn auch der Umstand, dass Depardieu seinen schweren Unfall überlebt hat. 1996 war er mit seinem Motorrad unterwegs, als sich vom Wagen vor ihm ein Koffer löste und Depardieu in voller Fahrt erwischte. Das rechte Bein war halb abgetrennt, zwei Finger weg, Arm- und Schlüsselbeinbruch. Er wurde wieder zusammengeflickt, aber das Bein musste in den kommenden Jahren siebzehn Mal operiert werden, weil es sich infiziert hatte.

Er hinkte, spielte unter Schmerzen und lebte unter Schmerzen, bei denen jeder Schritt war, „als würde er in eine offene Säge laufen“. 2003 zog Guillaume Depardieu einen Schlussstrich und ließ das Bein über dem Knie amputieren. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Er beschrieb es damals als Befreiung – lieber sei er ein freier Mann auf einem Bein als weiterhin gefangen im Schmerz. Alle Versuche seiner Familie, ihn davon abzuhalten, empfand er als Zumutung. Und wenn man das Buch liest, hat man den Eindruck, dass er mit den Konsequenzen viel weniger hadert als damit, dass seine Nächsten in ihm nicht den Mann für harte Schnitte sehen wollten, den er in sich selber sah.

Früh auf Kollisionskurs

Guillaume Depardieu wurde 1971 in Paris geboren, als die Karriere seines Vaters noch in den Startlöchern stand. Als es dann losging, war der Vater vorwiegend abwesend, während die Mutter Elisabeth, die ebenfalls Schauspielerin war und Chansontexterin, zu Hause mit ihrem Schicksal haderte. Der Sohn ging früh auf Kollisionskurs, was einerseits die Aufmerksamkeit des Vaters herausforderte, andererseits den Vielbeschäftigten völlig überforderte – entweder drückte er sich vor den Konflikten, oder er überreagierte. Der Junge riss von zu Hause aus, nahm Drogen und prostituierte sich, übersäte seinen Körper mit Narben „wie Sid Vicious seinen Bass“ und landete mehrfach im Gefängnis – über all dies gab er 2004 detailliert Auskunft, und je schonungsloser er das tat, desto klarer wurde, dass er einfach nichts ausließ, um sich an seinem abwesenden Vater zu reiben.

Sie haben trotzdem zusammen gespielt, erstmalig 1991 in dem Gamben-Stück „Die siebente Saite“, in der Guillaume den jungen und Gérard den alten Marin Marias spielte. Guillaume war damals zwanzig, und natürlich konnte man nicht umhin, seine jugendlich schmalen Züge der Korpulenz seines Vaters gegenüberzustellen. Und tatsächlich waren die beiden schauspielerisch aus unterschiedlichen Hölzern geschnitzt. Es war geradezu so, dass der Sohn auf die immer größere Gefräßigkeit seines Vaters mit immer asketischeren Rollen zu reagieren schien. Man hatte den Eindruck, dass er schon aus Opposition zur bulimischen Art seines Vaters, sich Rollen anzueignen, immer noch ausgemergelter wirken wollte.

Die jugendliche Version des Vaters

1995 gewann Guillaume für „Die Anfänger“ den César als größte männliche Schauspielhoffnung. Im Hintergrund hatte sich der Vater in der Sache mit der Akademie angelegt, aber vordergründig verweigerte er dem Sohn das Lob, nach dem der sich sehnte. Der nahm weiterhin Kokain, Heroin und Crack und ließ sich auch durch seinen Unfall nicht von seiner Karriere abhalten, auch wenn er in „Der Graf von Monte-Christo“ oder „Les misérables“ schon wieder die jugendliche Version seines Vaters geben musste.

1999 spielte er die Hauptrolle in „Pola X“ von Leos Carax, der damals als die größte Hoffnung des Weltkinos galt. Das Projekt hatte alles, wovon ein Schauspieler träumen kann – und wurde ein gigantischer Flop. Aber der hinkende Depardieu, der in inzestuöser Liebe zu seiner Mutter Catherine Deneuve gefangen ist und in seiner Beziehung zum Lumpenkind Katerina Golubewa seine Herkunft verfeuert, erinnert an Figuren wie Helmut Berger bei Visconti. Auf die stete schauspielerische Überforderung mit einem Hang zum Wahn reagierend – und trotzdem die Rolle eines Lebens, die alles fordert und einem beim Wiedersehen das Herz zerreißt. Wie jung er damals noch war – und wie beschädigt.

Verpufft wie Platzpatronen

Was an seinem Buch verwundert, ist der Umstand, wie wenig all diese Rollen dazu taugen, sein Selbstwertgefühl zu steigern. Als sei seine Karriere als Schauspieler nur ein Nebenkriegsschauplatz seiner Fehde mit dem Vater. Kein Film findet wirklich Erwähnung, allenfalls der mit dem Titel „Liebe deinen Vater“, bei dem er vor allem die Allüren seines Vaters dem jungen Regisseur gegenüber geißelt – aber die zwei Dutzend Filme, auf die er es bis dahin immerhin gebracht hatte, verpuffen in der Hitze des Gefechts mit dem Vater wie Platzpatronen.

Dabei konnte seine Behinderung seine Karriere kaum bremsen. Noch in diesem Jahr war er auf dem Festival von Cannes gleich zweimal vertreten: in „Versailles“ und in „De la guerre“, zwei radikalen Filmen von der Art, für die sein Vater schon lange seinen Namen nicht mehr hergibt. Und im vergangenen Jahr konnte man ihn auf der Berlinale sehen, in Jacques Rivettes „Ne touchez pas la hache“, einer Verfilmung von Balzacs „Herzogin von Langeais“, in der er sich ein Gefecht auf Liebe und Tod mit Jeanne Balibar lieferte. Und da war dieser junge Mann, der vor seiner Zeit gealtert schien, wie das wohl in früheren Jahrhunderten der Fall gewesen sein mag, als man den Wechselfällen der Geschichte ungeschützter ausgeliefert war – ein Gezeichneter, ein Versehrter, ein Veteran der Kämpfe des Lebens, der sich dagegen stemmte, dass alles in ihm bereits erloschen sein soll.

Seine Produktionsfirma hieß übrigens „Post mortem“. Gerade so, als habe er sich schon zu Lebzeiten wie ein Toter gefühlt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, CINETEXT, REUTERS

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