Filmfestspiele Cannes

Auch ein Großmaul ist mal müde

Von Verena Lueken, Cannes

So kennt man ihn: Michael Moore nach der Premiere von “Sicko“

So kennt man ihn: Michael Moore nach der Premiere von "Sicko"

20. Mai 2007 Könnte es sein, dass Michael Moore sich verändert hat? Er kam zwar zur „Star Wars“-Erkennungsmelodie in den Festivalpalast, aber ohne Baseballkappe, und wie er da saß vor einem überfüllten Saal voller Pressevertreter aus der ganzen Welt, die seinem Film „Sicko“ zuvor warmen Beifall gespendet hatten, wirkte er keineswegs großmäulig. Und das, obwohl der Samstag ihm gehörte an der Croisette. Wer einen Platz haben wollte für die erste Vorstellung, musste sich deutlich vor dem Beginn um 8.30 Uhr durch die Massen kämpfen.

„Sicko“ kam mit einigem Gepäck. Erstens hatte der Dokumentarfilm „Manufacturing Dissent“ über die Praktiken des notorischen Krawallmachers im Vorfeld des Festivals einige Augenbrauen in die Höhe schießen lassen, zweitens haben amerikanische Behörden den Filmemacher im Visier, weil er während der Dreharbeiten zu „Sicko“ das Kuba-Embargo der Amerikaner gebrochen haben soll. Die Weinsteins, die den Film vertreiben und gerade ein lautes Comeback in Cannes feiern, ließen sich also von einem Tross von Anwälten nach Frankreich begleiten. Und Michael Moore hatte Sorge getragen, dass eine Filmkopie weit vor seiner eigenen Ankunft zum Festival kam, um bei einer möglichen Beschlagnahmung des Werks in den Vereinigten Staaten nicht mit leeren Händen dazustehen. Das wäre nicht nötig gewesen, wie sich herausstellte, trug aber zur Aufregung bei, die jede Premiere von Michael Moore begleitet.

Im Ausland ist alles besser

Die Sequenz, welche der amerikanischen Staatsanwaltschaft einen Vorwand liefern könnte, gegen den Filmemacher vorzugehen, kommt im letzten Drittel seines Films. Zuvor hatten wir einige haarsträubende Beispiele des Versagens der amerikanischen Gesundheitsversorgung gesehen, Versicherte waren gestorben, weil ihre Versicherung nicht zahlen wollte, was sie brauchten, und dann waren wir mit Moore nach Kanada, England und Frankreich gereist, wo alles so viel besser ist: keine Wartezeiten, volle Deckung jedweder Krankheitskosten, wohlhabende Ärzte, die auch bei banalen Beschwerden ins Haus kommen. Zurück in Amerika erfahren wir, dass diese Art der Vorzugsbehandlung dort nur den Inhaftierten von Guantánamo zukomme. Nicht aber einigen Helfern bei den Bergungsarbeiten nach dem 11. September.

Mit ihnen schippert Moore also Richtung Guantánamo, was bekanntlich amerikanisches Gebiet ist, und nur, weil auch dort niemand hilft, landet er in Kuba, wo die Leidenden ärztlichen Rat und freie Medikamente bekommen. So weit alles wie immer bei Moore. Es fehlen allerdings die Konfrontationen mit Verantwortlichen, für die er berüchtigt ist. Er wollte nicht mehr, dass es so aussähe, als machte er die ganze Arbeit und die Zuschauer könnten sich zurücklehnen, erklärte er und wirkte ein bisschen müde dabei. Nur einmal schien er ganz der alte Stand-up-Comedian. Warum sein Film außer Konkurrenz gezeigt werde? Oh, sagte Moore, stülpte die Lippen und blies sich zu gewohntem Umfang auf, an dem im Augenblick 25 Pfund fehlen. „Sollte ich als echter Amerikaner hierherkommen und rufen, ich hab' schon eine Goldene Palme, gibt's mehr davon?“ Er breitete die Arme aus, schüttelte den Kopf, und Harvey Weinstein, der am Rand stand, lächelte gequält.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.05.2007, Nr. 20 / Seite 34
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, image.net

 
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