Berlinale-Kolumne

Wo Berlin ist, ist oben

Von Claudius Seidl

Überraschung auf der Party-Berlinale: die chinesische Schauspielerin Bai Ling

Überraschung auf der Party-Berlinale: die chinesische Schauspielerin Bai Ling

14. Februar 2007 Es war nicht das, was man einen ruhigen Abend nennt, was schon daran lag, dass, als er anfing, es eigentlich noch Nachmittag war, kurz vor sechs, in der Akademie der Künste, wo der französisch-deutsche Fernsehsender Arte feierte. Was es zu feiern gebe, das hat anscheinend der Senderpräsident (was für ein Titel: hat Arte auch einen Regierungschef?) in einer kleinen Ansprache zu begründen versucht; die war aber, weil die Gäste weiterplapperten, nur schwer zu verstehen.

Das Schönste an der Akademie sind eh die großen Fenster hinaus zum Pariser Platz, und so standen jene, die um sechs nicht beim Empfang des französischen Botschafters waren, also nur zum Beispiel Marie Bäumer, Oskar Roehler, Romuald Karmarkar, mit einem Glas Prosecco oder Orangensaft in der Hand und konnten hinüberschauen zur französischen Botschaft vis-à-vis, wo all jene feierten (und womöglich zu uns herüberschauten), die nicht beim Sender Arte waren. Das interessanteste Thema schien die Frage zu sein, wie jene, die noch keine Einladung zur Feier von Boss am nächsten Tag hatten, sich trotzdem den Einlass erkämpfen könnten.

Und nächstes Jahr im neunten Stock

Es sieht, je länger die Berlinale dauert, immer mehr so aus, als ob es zwei Festivals dieses Namens gäbe, eines der Kino- und eines der Partygänger - und als drei Stunden später eine blonde Amerikanerin mit enormem Schwung in das Restaurant mit dem seltsamen Namen „Schwarzenraben“ rauschte, bestand die Überraschung darin, dass die Dame trotz forcierter Sharonstonehaftigkeit dann doch nicht Sharon Stone war (wogegen die Bai-Ling-Doppelgängerin, die zwei Tage zuvor sehr doppelgängerhaft durch eine Feier in Prenzlauer Berg schwebte, mit der chinesischen Schauspielerin gleichen Namens nicht bloß verwandt, sondern absolut identisch war).

Der British Council feierte in der sehr spektakulär am Wasser gelegenen Diskothek Watergate ohne Filmstars, aber mit vielen Engländern und Engländerinnen, die ihren deutschen Gästen eine erstaunliche Entschlossenheit zur guten Laune, zum Feiern und Lärmen voraushatten. Und bei Senator Film empfingen freundliche Hostessen die Gäste mit der Aufforderung, sich im Erdgeschoss erst mal einzugrooven, bevor man hinauffahre; die Aussicht auf die Stadt sei bemerkenswert. Oben standen außer den üblichen Verdächtigen viele deutsche Schauspieler herum; es war bloß der achte Stock, es war bloß Berlin - aber so, wie die Weltgeltung der Berlinale wächst, wird sich womöglich schon im nächsten Jahr ein neunter Stock zum Feiern finden.



Text: F.A.Z., 14.02.2007, Nr. 38 / Seite 35
Bildmaterial: ddp

 

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