Von Stefan Niggemeier
07. Juli 2004 Warum eigentlich erscheinen kritische Artikel in Zeitungen? Klar: Weil der Autor die Nacht schlecht geschlafen hat, weil der Chefredakteur sich über jemanden geärgert hat, weil die Geschäftsführung einen mißliebigen Konkurrenten loswerden will, weil das ganze Haus in Panik vor den sich ändernden Zeiten wild um sich schlägt. Die Welt ist schlecht - zweifellos sind aus all diesen Gründen schon kritische Artikel in Zeitungen erschienen. Nach meiner Erfahrung erscheinen die meisten kritischen Artikel in Zeitungen aus einem anderen Grund: Es ist etwas Kritisierenswertes passiert.
Das ist natürlich nicht ganz so glamourös. Manchmal ist es sogar fast abwegig. Im Medienjournalismus lassen sich immer Beziehungen herstellen zwischen denen, die berichten, und denen, über die berichtet wird: Konkurrenzverhältnisse, Bündnisse, gemeinsame oder gegensätzliche Interessen. Bestimmt ist es nützlich, diese Interessen zu kennen, wenn man Medienseiten liest. Man sollte nur nicht die Möglichkeit ausschließen, daß dort - wie unwahrscheinlich das auch erscheinen mag - Artikel aus einer journalistischen Motivation erscheinen: Weil etwas passiert ist, das für den Leser von Belang sein könnte. Nach meiner Erfahrung ist das, wie gesagt, bei der überwältigenden Mehrheit der Artikel der Fall.
Was Journalismus ist
Am vergangenen Sonntag ist ein kritischer Artikel von mir über die Netzeitung erschienen (nachzulesen hier: Netzeitung: Die Zukunft war gestern). Warum? Weil sich in den vergangenen Wochen mehrere Kollegen gemeldet haben, ehemalige Netzeitungs-Mitarbeiter und aktuelle Netzeitungs-Mitarbeiter, und sagten: Was da passiert, ist so schlimm, da mußt du drüber schreiben. Irgendwann setzt man sich dann hin, schaut sich die Netzeitung gründlicher an, telefoniert mit ein paar anderen Leuten, recherchiert und stellt fest: Da liegt was im argen. Das ist ein Thema. Man nennt diese Vorgehensweise übrigens nicht Schlammschlacht oder Grabenkrieg oder so was, sondern Journalismus.
Michael Maier, der Chefredakteur, Geschäftsführer und Eigentümer der Netzeitung, glaubt nicht, daß das so passiert ist (siehe: Michael Maier: Die Netzeitung in eigener Sache). Er sagt, der Artikel sei Teil einer Verschwörung, um ihn mundtot zu machen. Einer Verschwörung der F.A.Z. und des Spiegels und irgendwie der ganzen Alten Medien. Getrieben durch Angst, Neid, Starrsinn, Machtgier. Und Rache: Weil die Netzeitung vor einem Buch von Frank Schirrrmacher, des für mich zuständigen Herausgebers der F.A.Z., gewarnt habe. Er kann das natürlich nicht beweisen. Aber ich muß zugeben: Seine These, wie es zu dem Artikel kam, ist tausendmal spannender als meine. Vermutlich ist sie deshalb, seitdem er sie veröffentlich hat, auch in so vielen anderen Medien und Internetbeiträgen zu lesen, nicht nur in den merkwürdig gleichlautenden Leserbriefen, die die Netzeitung seit Sonntag abend veröffentlicht.
Der Unterschied heißt Plausibilität
Ich kann nicht beweisen, daß es keine Verschwörung gibt. Daß ich mit meinem Herausgeber, der zur Zeit im Urlaub ist, nicht über die Netzeitung gesprochen habe. Daß ich nicht einmal weiß, ob er sie liebt oder haßt oder sie ihm schlicht egal ist. Ich kann das so wenig beweisen wie Maier seine Theorie, aber es gibt einen Unterschied, und der heißt Plausibilität. Maier deutet an, daß mein Artikel eine Art Rache dafür sein soll, daß die Netzeitung kritisch über Herrn Frank Schirrmachers neues Buch berichtete habe, weil wir viele Thesen, die darin formuliert sind, für sehr problematisch halten. Was für einen gnadenlosen Verriß hat sich die Netzeitung erlaubt, um sich den Zorn des F.A.Z.-Herausgebers zuzuziehen? Eine einfache Recherche im Netzeitungsarchiv ergibt: keinen. Es finden sich: zwei Interviews. Ein freundlich-neutrales mit Schirrmacher, eines mit einer Soziologin, die einigen wesentlichen Prämissen des Buches widerspricht.
Der Eindruck, den Maier erweckt, die Netzeitung habe massiv Kritik an Schirrmacher geäußert, ist falsch. Selbst wenn es sie gegeben hätte, wäre die Unterstellung einer konzertierten Rache-Aktion absurd. Aber es hat sie nicht einmal gegeben. Wie glaubwürdig ist da die These von der Rache? Glaubwürdig genug, um vom Kress Report, der Berliner Zeitung und anderen ohne weitere Recherche zitiert zu werden?
Bedrohung durch das Netz?
Bleibt natürlich noch die Möglichkeit, daß der Artikel durch Angst vor dem vermeintlichen Erfolg der Netzeitung und die Bedrohung klassischer Medien durch das Internet motiviert war, wie einige Weblogs mutmaßen, durch Sorge und Neid, wie Maier schreibt. Das ist schon nicht mehr ganz so schillernd, aber auch nicht sehr plausibel. Das beginnt schon damit, daß sich die Verschwörungstheoretiker nicht einig sind, ob die Netzeitung zum Ziel wurde, weil sie mit ihrem Erfolg die F.A.Z. bald überflüssig gemacht haben wird, oder weil sie so klein ist, daß sie ein wehrloses Opfer darstellt. In jedem Fall kann niemand, der die Medienseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verfolgt, ernsthaft Belege dafür finden, daß sie in dieser Hinsicht etwa ein verlängerter Arm der Geschäftsführung der F.A.Z. ist. Schließlich der Vorwurf, daß ausgerechnet die F.A.Z. sich nicht kritisch über die Netzeitung oder andere äußern dürfe. Selbst wenn der Online-Auftritt der F.A.Z. der traurigste der Welt wäre - was er nicht ist: Dürfte ihr Medienredakteur dann nur harmlos-schönfärberisch über andere Online-Auftritte berichten?
Michael Maier hat natürlich ein Interesse an solchen Diskussionen. Während alle über die Motivation des Artikels diskutieren, spricht niemand mehr über seine Inhalte. Darüber, ob Selbstdarstellung und Anspruch der Netzeitung noch irgendetwas mit ihrer realen Existenz zu tun haben. Und ob das häufig fehlerhafte Um- und Abschreiben von Agenturmeldungen, die man wörtlich nicht verwenden darf, nicht ein Widerspruch zur postulierten Qualität sind, und die Vermischung von werblichem und redaktionellem Inhalt allemal. Ob etwa die Ressorts Medien und Wissenschaft nur noch leere Hüllen sind. Daß ein von den Verlagen unabhängiger Qualitätsjournalismus im Internet sehr wünschenswert ist, steht auch in meinem Artikel. Die Frage ist, ob die Netzeitung ihn noch leistet.
Den Kernaussagen nicht widersprochen
Maiers Formulierung von der
ungewöhnlichen Form, in der ich die Netzeitung attackiert hätte, die von einigen Medien und Weblogs übernommen wurde, ignoriert den Grund dafür, warum die Kritik so massiv erscheint: Weil Maier ihr nicht widersprechen wollte. Am Donnerstag morgen hatte er alle Vorwürfe, die mehr als ein halbes Dutzend ehemaliger und gegenwärtiger Netzeitungs-Mitarbeiter gemacht haben, detailliert per E-Mail vorliegen und hätte auf jede einzelne Behauptung bis zum frühen Samstag nachmittag antworten können. Seine Erwiderungen hätten natürlich entsprechenden Raum im Artikel gefunden. Stattdessen investierte er viel Zeit, das Erscheinen des Berichtes insgesamt zu verhindern. Den Kernaussagen des Artikels hat er bis heute nicht widersprochen.
Am Dienstag brachte die Netzeitung in ihrer Auswahl aus angeblichen Leserzuschriften auch diese: Ich habe den Artikel zur Netzeitung noch nicht einmal gelesen um mir vorstellen zu können aus welcher Motivation heraus dieser geschrieben wurde. Genau so ist das.
Bildmaterial: Netzeitung
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