27. Dezember 2004 Die Segnungen neuerer Technologien sind den iranischen Machthabern keineswegs fremd. Im Teheraner Parlament gibt es einen Abgeordneten, der großen Spaß daran hat, seine Kollegen unbemerkt mit dem Mobiltelefon zu fotografieren, das er in seiner Hand verschwinden lassen kann, und diese Fotos um die Welt zu schicken. Genauso gut allerdings wissen sie über die Gefahren Bescheid, die sich aus avancierter Technik für Anstand, Glaube und Herrschaft ergeben. Seit Anfang dieses Jahres konzentrieren die konservativen Kräfte in Iran daher ihre teilweise gewalttätigen Zensurbemühungen auf das Internet.
Seit April 2000 sind in Iran elfhundert Tageszeitungen und Magazine von Regierungsstellen geschlossen worden, eine Zahl, die kürzlich in der International Herald Tribune" zu lesen war. Das Internet wurde zum Refugium vieler reformorientierter Journalisten und Publizisten aus diesen Häusern. Jetzt wird das Internet systematisch attackiert, und Online-Ausgaben dieser und anderer Zeitungen wie auch Online-Magazine und Weblogs werden blockiert. Seit Herbst rollt eine Welle von Verhaftungen, die mindestens sieben Online-Journalisten, einige Web-Techniker und fünf bloggers ins Gefängnis katapultierte. Das Europäische Parlament protestierte schon vor Wochen, eine folgenlose Geste. Immer wieder kursieren Berichte von Folterungen.
Spezielle Verhörtechniken"
Der Oberste Richter des Iran, Abassali Alizadeh, hat auf einer Pressekonferenz Ende November diese Vorwürfe mit dem Hinweis pariert, spezielle Verhörtechniken" seien keine Folterung, und die Journalisten seien angemessen in Zellen von zwei mal zwei Metern untergebracht. Wo diese prächtigen Räumlichkeiten liegen, wollte er allerdings nicht verraten.
Inzwischen sind die meisten der im Herbst Verhafteten gegen immense Kautionszahlungen nach Wochen der Einzelhaft wieder freigelassen worden. Einer der letzten Fälle ist die Online-Journalistin Fereshteh Ghazi. Sie war Ende Oktober verhaftet und nach vierzigtägiger Haft für eine Kaution von 500 Millionen Rial (etwa 50.000 Euro) Mitte Dezember entlassen worden. Sie kam sofort ins Krankenhaus - mit Quetschungen des Brustkorbs, gebrochenem Nasenbein und insgesamt sehr geschwächt. Keine Gespräche mit der Presse, kein Anwalt - das waren, neben dem Geld, die Bedingungen ihrer Freilassung und der ärztlichen Versorgung, die ihr im Gefängnis verweigert worden sein soll.
Unmoralisches Benehmen"
Fereshteh Ghazi schreibt vor allem über Frauenfragen. Ihr wird, wie vielen politischen Gefangenen in Iran, "unmoralisches Benehmen" vorgeworfen. Derselbe Vorwurf wird gegen Mahboudeh Abbasgholizadeh, Redakteurin bei dem Frauenmagazin Ferzaneh, erhoben, die einen Tag nach Frau Ghazi bei ihrer Rückkehr vom Europäischen Sozialforum in London verhaftet worden war. Die Festplatte ihres Computers wurde konfisziert.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen nennt Iran das größte Gefängnis für Journalisten im Mittleren Osten, und das bezieht sich nicht allein darauf, daß eine freie Presse in Iran nicht einmal ein Gerücht ist. Auf der jährlich erstellten Rangliste der Rede- und Pressefreiheit belegt Iran von 167 Plätzen Rang 158. Schlechter als dort geht es Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen, nur noch in Ländern wie etwa Nordkorea, Birma, China oder Saudi-Arabien.
Die iranische Journalistin Farouz Farzami hat kürzlich in der New York Times" einen entmutigenden Bericht über die Lage der Intellektuellen und Journalisten in ihrer Heimat veröffentlicht. Wer sich nicht aufs Opiumrauchen oder den Genuß von selbstgebranntem Schnaps verlegt habe, verbringe seine Zeit jetzt mit der Lektüre großer europäischer oder russischer Epen. Inhaftierte Journalisten würden gezwungen, detaillierte Berichte über ihre Kollegen zu verfassen, die jederzeit gegen diese verwendet werden könnten. Derart mit Hilfe spezieller Methoden auf zukünftige Berufsalternativen eingestimmt, würden aus dem Gefängnis entlassene Reporter immer wieder von der Regierung als Spitzel angeworben.
Wie der Inhalt dieses Beitrags in der New York Times", der die Ortszeile Teheran trägt, den Mullahs sofort zur Kenntnis gekommen sein dürfte, erzählt Frau Farzami auch: Journalisten, die nicht schreiben dürften, dürften manchmal noch übersetzen: feindselige Presseberichte über Iran aus dem Ausland.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2004, Nr. 302 / Seite 31
Bildmaterial: REUTERS
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