08. August 2007 Es muss irgendwann im Sommer oder Herbst 1995 gewesen sein, an einem trüben Tag in Yonkers, New York. Im alten Gerichtsgebäude der Stadt wurde eine Szene für Sleepers von Barry Levinson gedreht, eine starbeladene Szene. Robert De Niro war da, er hatte die Rolle eines Priesters, der in den Zeugenstand gerufen wird. Brad Pitt war da, er spielte einen Staatsanwalt, und Billy Crudup, den damals noch nicht viele auf der Straße erkannt hätten, lief auch herum, ebenfalls in der Rolle eines Angeklagten.
Und dann war da noch Dustin Hoffman. Die Haare hingen ihm fettig in den Nacken, und er trug einen schäbigen Anzug, wie man es erwarten konnte von einem schmierigen, versoffenen Anwalt, den er hier zu spielen hatte. Nach jeder Aufnahme verzogen sich die Jungen in eine Ecke. Robert De Niro verschwand sofort in seiner Garderobe, und wenn er für die nächste Wiederholung zurückkam, duldete er in seiner unmittelbaren Nähe allein seine Make-up-Frau. Dustin Hoffman aber blieb mehr oder weniger, wo er gerade war, lehnte sich in die Kulissen, schaute zu, wie der Kameramann Michael Ballhaus das Licht richtete, und gab Massagetipps.
Wahnsinnig nett
Wenn man nur drei Dinge über Dustin Hoffman sagen dürfte, wäre das Erste, dass er als Charakterdarsteller eine Wandlungsfähigkeit an den Tag legt, die einzigartig ist und vom Jugendlichen über den Indianer zur Frau alles Menschliche umfasst; das Zweite, dass er zu den Schauspielern in Hollywood gehört, die es mit zunehmendem Alter schwer haben, große Rollen zu finden; und das Dritte, dass er wahnsinnig nett ist (außer, so heißt es, zu seinen Regisseuren) - und alles ist schon so oft über ihn gesagt worden, dass man es eigentlich gar nicht wiederholen mag. Aber etwas anderes wäre einfach nicht wahr.
Er gehört zur selben Generation wie Jack Nicholson, Robert De Niro und Al Pacino, er hat mit vielen der maßgeblichen Regisseure des New Hollywood, mit Arthur Penn und John Schlesinger, mit Alan J. Pakula und Sam Peckinpah, gearbeitet, aber er hatte an der Kinokasse, wenn überhaupt, nur für ganz kurze Zeit dieselbe Zugkraft wie diese drei. Und auch wenn seine erste große Rolle als von Ann Bancroft verführter Collegestudent in Die Reifeprüfung von Mike Nichols (1967) bis heute noch seine berühmteste ist, lag seine große Zeit doch ein wenig später. Aber schon in diesem Film zeigte er, dass er vor allem ein Komödiant ist, einer, dem die Dinge (und die Frauen) zustoßen, ein Passiver, der die Dinge nicht nur nicht ins Rollen bringt, sondern auch nicht aufhalten kann, was mit ihm geschieht.
Etwas, das uns lachen lässt
Auch in den Rollen, in denen er weniger unschuldig ist, und in Filmen, die keine Komödien sein wollen - in Schlesingers Midnight Cowboy (1969) etwa, wo er einen verkrüppelten, hustenden, erfolglosen Möchtegernganoven spielt, oder in Volker Schlöndorffs Arthur-Miller-Verfilmung Tod eines Handlungsreisenden (1985) als Willy Loman (den er zuvor Hunderte Male auf der Bühne gespielt hatte) oder auch in Levinsons Rain Man (1988) als autistischer Bruder von Tom Cruise - , umgibt ihn etwas, das uns lachen lässt. Und das nicht nur, weil er kleiner ist, als es klassische Heldenrollen verlangen, die er deshalb nie bekam, sondern weil er sich immer so präzise in die feinsten Verästelungen seiner Figuren hineingeschafft hat und so genau jede Idiosynkrasie herausarbeitet, dass irgend etwas Komisches schon dabei ist.
Die Rollen, in denen er chargiert und übertreibt wie häufiger in den vergangenen Jahren, seit die Angebote spärlicher werden, verblassen angesichts von Auftritten wie etwa vor zehn Jahren in Wag the Dog, den er wiederum mit Barry Levinson gedreht hat. In dieser Wahlkampfkomödie von großer Unverschämtheit gibt er einen Filmproduzenten. Wieder spielt er mit Robert De Niro zusammen, der als PR-Fachmann einen Krieg in Albanien erfindet, zu dem der Filmproduzent die Bilder liefern soll. Robert Evans, der Hoffmans Marathon Man produziert hatte, war nicht amüsiert: Er erkannte sich wieder. Dabei behauptet Hoffman bis heute, das Rollenvorbild sei sein Vater gewesen, ein Möbelverkäufer. Bessere Rollen hat er seitdem nicht mehr bekommen.
Dustin Hoffman hat in Arthur Penns Film Little Big Man von 1970 einen Mann gespielt, der hunderteinundzwanzig Jahre alt war, und wir haben ihm geglaubt. Tatsächlich wird er heute erst siebzig.
Text: F.A.Z.
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