Wettbewerbsfilme der Berlinale

Von guten Deutschen und besseren Chinesen

15. Februar 2007 Neue Filme von Steven Soderbergh, Robert de Niro und Bille August, Eröffnungsfilm und Abschluss mit französischem Akzent, lediglich ein deutscher und ein zweiter deutschsprachiger Film in der Konkurrenz: alle Wettbewerbsfilme der Berlinale im Überblick - ergänzt um die Urteile der Filmkritiker von F.A.Z. und Sonntagszeitung.

„La Vie en Rose“ von Olivier Dahan (Frankreich u.a.)

Der Eröffnungsfilm mit Marion Cotillard erzählt Olivier Dahan das Leben der Edith Piaf, das vor allem aus Kämpfen bestand: um Anerkennung, um Liebe und auch ums Überleben. Edith Piaf kam aus elenden Verhältnissen im Pariser Belleville und schaffte es bis in die glamourösen Bars New Yorks - eine Geschichte, begleitet vom unwiderstehlichen Soundtrack ihrer Lieder, besetzt mit Stars des französischen Kinos wie Gérard Depardieu und Emmanuelle Seigner, ist wie geschaffen zur Eröffnung eines Festivals (siehe auch: Berlinale-Eröffnung: „La vie en rose“).

Michael Althen: „Natürlich kann man sich der zeitlosen Kraft des Chansons und dieser Frau auch im Film kaum entziehen. Obwohl der Umstand, dass Regisseur Olivier Dahan allen Ernstes die Piaf auf dem Totenbett sowie diverse Erinnerungen ans spärliche Kindheitsglück dazwischenschneidet, in seiner Penetranz auch das fast noch zunichtemacht.“

Peter Körte: „Teuer, pompös und sehr leer.“

Andreas Platthaus: „Die kleinen Drahtigen, die halten was aus. Also auch Edith Piaf diesen Film, der zwar eine grandiose schaupielerische Darbietung bereithält, aber ansonsten nicht viel, was über die altbekannten Gepflogenheiten des Genres 'Biopic' hinausgeht. Ein Eröfnungsfilm zum Wohl- und Mitfühlen - sonst nichts.“

„Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren“ von Cao Hamburger (Brasilien)

In Cao Hamburgers Wettbewerbsbeitrag kommt der zwölf Jahre alte Mauro, als seine Eltern unangekündigt verreisen, während der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in die Obhut seines jüdischen Großvaters im italienischen Viertel São Paulos. Mauro wünscht sich nichts sehnlicher als einen Erfolg von Pelé, der im Finale aber ausgerechnet gegen Italien antritt.

Peter Körte: „Intim, gut gespielt, aber ein wenig fad.“

Andreas Platthaus: „Der bisherige Publikumsliebling. Fulminante Kinderdarsteller machen diese brasilianische Mischung aus Komödie und Melodram zu einem reinen Vergnügen. Dass ästhetisch kein Neuland beschritten wird, kann man angesichts einer solide erzählten Geschichte verkraften.“

„The Good German“ von Steven Soderbergh (Vereinigte Staaten)

Wie weiland Humphrey Bogart und Ingrid Bergman: In Schwarzweiß und mit vielen alten Blenden hat Steven Soderbergh eine Hommage an das Kino der vierziger Jahre gedreht, in dem Cate Blanchett und George Clooney die Figuren spielen, deren Liebe keine Zukunft hat. Statt in Casablanca allerdings ist der Ort des Geschehens Berlin, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Berlinale 2007).

Andreas Kilb: „Weniger ein Kunstwerk als ein Zeichen der Zeit: Das Kino erinnert sich, indem es seine Geschichte kannibalisiert. Ein wenig war das immer schon so - aber selten ist es so perfekt gelungen wie bei Soderbergh.“

Peter Körte: „Wenn der Reiz der kunsthandwerklich perfekten Nostalgie verbraucht ist, merkt man, dass da recht wenig zu erzählen ist, dass die Wiederkehr der seriellen Studioproduktion als Unikat nicht funktioniert. Berlin ist nicht 'Casablanca'.“

Verena Lueken: „Eine harmlose Spielerei ohne rechten Zweck.“

Andreas Platthaus: „Steven Soderberghs Ausflug in den Film noir ist ein Kinoessay, aber kein Spielfilm. Außer dass minutiös Szenen aus Filmklassikern der vierziger Jahre nachgestellt werden, die sich dann in die neue Geschichte um eine verräterische Deutsche im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit fügen sollen, passiert nichts, aber auch gar nichts Bemerkenswertes in 'The Good German'. Dafür etliches Banales und manches Ärgerliche.“

„Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts“ von Park Chan-wook (Südkorea)

Nach Vollendung seiner Rache-Trilogie um Mister und Lady Vengeance und Old Boy erzählt Park Chan-wook von einem Mädchen (Byeong-ok Kim) in einer Heilanstalt, das sich für einen Roboter hält, seine Batterien aufladen möchte und sich in einen Insassen verliebt, der glaubt, er könne die Seelen anderer Menschen stehlen (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Berlinale 2007).

Michael Althen: „Park Chan-wook verliert sich in bonbonbunten Träumereien.“

Peter Körte: „Eine unwahrscheinliche, oft ins Surreale driftende und manchmal ergreifende Liebesgeschichte in Pastellfarben.“

„Tuyas Ehe“ von Wang Quan'an (China)

Von der zunehmenden Versteppung der Inneren Mongolei und dem Wegzug der Bauern berichtet dieser Film von Wang Quan'an, in dem sich eine junge Frau weigert, ihr Weideland aufzugeben, aber nach einer Verletzung ihres behinderten Mannes gezwungen ist, sich einen neuen Mann zu suchen (siehe auch: Filme von Bille August, Richard Eyre und anderen im Berlinale-Wettbewerb).

Peter Körte: „Selbst das harte Leben in der äußeren Mongolei lässt Raum für Humor.“

Verena Lueken: „Fremde Schönheit ohne Prätention.“

„Der gute Hirte“ von Robert de Niro (Vereinigte Staaten)

Matt Damon spielt in Robert de Niros neuem Film einen ehemaligen Literaturstudenten, der beim Aufbau der CIA mitmacht und dessen Persönlichkeit sich mehr und mehr verflüchtigt. Mit dabei: Alec Baldwin, Angelina Jolie, Billy Crudup und der Regisseur selbst in einer wichtigen, aber kleinen Rolle (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Berlinale 2007).

Michael Althen: „Robert De Niro erzählt mit einer Akribie, die auf 167 Minuten manchmal quälend, aber auch unglaublich faszinierend ist.“

Andreas Kilb: „Ein Epos aus den Archiven der CIA, lang, geduldig. monumental. Nur leider bleibt der Film die Antwort auf die Frage schuldig, warum wir eigentlich mit Matt Damon Mitleid haben sollen. Dadurch bekommt das Zuschauen selbst einen Hauch von Aktenlektüre.“

Peter Körte: „Matt Damon versteinert, der Film drosselt das Tempo, aber selbst das macht ihn noch interessanter als das meiste im Wettbewerb.“

Verena Lueken: „Tolles Drehbuch, kluge Regie, leider mit falscher Besetzung verfilmt.“

„Die Fälscher“ von Stefan Ruzowitzky (Deutschland, Österreich)

Stefan Ruzowitzkys Film basiert auf einer wahren Geschichte: Im KZ Sachsenhausen mussten jüdische Insassen im Auftrag der Nazis britische Pfundnoten fälschen, um mit den Blüten die Kriegskassen zu füllen. Schauspieler Devid Striesow ist auch im zweiten deutschsprachigen Wettbewerbsbeitrag vertreten (siehe auch: Berlinale: Amerikaner sind überraschend radikal).

Michael Althen: „Verglichen mit den Amerikanern geradezu hollywoodesk konventionell, indem er auf klare Konflikte und zügiges Erzählen setzt. Ruzowitzky hat gelernt, wie man die Zuschauer fesselt.“

Andreas Kilb: „Der Film erzählt von Fälschungen und ist selbst eine. Wenn man mit eingefetteter Linse und Krankenhauslicht aus dem KZ erzählt, muß man sich nicht wundern, dass auch die Bilder wie Blüten aussehen.“

Peter Körte: „So einladend aberwitzig der Plot klingt, so konventionell sieht der Film aus: entsättigte Farben, karge Lagerräume und ein Personal, das kaum je über die grobe Typisierung hinauskommt. Stefan Ruzowitzky tut zu wenig, um dem spektakulären Stoff eine spannende Form zu geben.“

Verena Lueken: „Stefan Ruzowitzkys Film entgeht nicht immer dem Lagerbilderbogen, wie wir ihn kennen.“

„In Memory Of Myself“ von Saverio Costanzo (Italien)

Ein junger Mann geht ins Kloster, das erst nach einer Prüfungszeit entscheiden wird, ob es ihn in die Glaubensgemeinschaft aufnimmt. Im Alltag des Novizen mit Gebeten, Ritualen und Lektürestunden zeichnet sich in Saverio Costanzos Film zunehmend eine großangelegte Intrige ab, die der junge Mann nicht durchschauen kann(siehe auch: Filme von Bille August, Richard Eyre und anderen im Berlinale-Wettbewerb).

Verena Lueken: „Wenn es Noten gäbe für atmosphärische Dichte, 'In memoria di me' stünde gut da. Aber darin und in einem Soundtrack von Alter Ego erschöpft sich der Film auch schon.“

„Goodbye Bafana“ von Bille August (Deutschland, Frankreich u.a.)

Der dänische Regisseur Bille August erzählt die wahre Geschichte des südafrikanischen Rassisten James Gregory (Joseph Fiennes), der zwanzig Jahre lang Nelson Mandela (Dennis Haysbert) bewachte (siehe auch: Filme von Bille August, Richard Eyre und anderen im Berlinale-Wettbewerb).

Peter Körte: „August hat mal 'Die besten Absichten' gedreht, und dabei ist es geblieben.“

Verena Lueken: „Es gibt nichts Neues zu sehen, nur eine unerträgliche Leblosigkeit. Niemand hat offenbar eine Leidenschaft für irgendwas, nicht für Mandelas Sache, deren Aktualität heute doch zu erklären wäre, nicht für die Geschichte seines Wärters, nicht fürs Filmemachen, sonst bekämen wir mehr zu sehen als diese Bilder, die niemand braucht.“

„Letters From Iwo Jima“ von Clint Eastwood (Vereinigte Staaten) - außer Konkurrenz

In seinem zweiten Film über die Schlacht um die kleine pazifische Vulkaninsel Iwo Jima erzählt Clint Eastwood aus der Perspektive der Japaner und auf Japanisch (siehe auch: Berlinale: Amerikaner sind überraschend radikal).

Andreas Kilb: „Ein großer Film vom Sterben im Krieg, der sich nur manchmal dadurch klein macht, daß er seinen japanischen Helden allzu gönnerhaft auf die Schulter klopft.“

Peter Körte: „Mindestens so gut wie 'Flags of Our Fathers'.“

„When A Man Falls In The Forest“ von Ryan Eslinger (Deutschland, Kanada, Vereinigte Staaten)

Episodendrama um drei Männer und eine Frau (Sharon Stone), die ihren Frust und ihre Einsamkeit immer wieder mit kleinen Ladendiebstählen zu bekämpfen versucht (siehe auch: Filme von Bille August, Richard Eyre und anderen im Berlinale-Wettbewerb).

Andreas Kilb: „Existenzialistischer Nippes aus der kalifornischen Klippschule. Dass Sharon Stone den Film, in dem sie auch auftritt, exekutivproduziert hat, ist kein gutes Zeichen für ihres Karriere.“

Peter Körte: „Warum wollte Sharon Stone hier bloß unbedingt mitspielen?“

Verena Lueken: „Dieser Film für dreieinhalb einsame Gestalten setzt den vorläufigen Tiefpunkt im Wettbewerb. Wäre nicht Sharon Stone die dreieinhalbste in der Figurenkonstellation, niemand sähe sich das länger an als zwanzig Minuten.“

Andreas Platthaus: „So stellt man sich einen Autorenfilm mit Sundance-Förderung vor, bei dem einfach alles noch einmal aufgewärmt wurde, was schon seit zwanzig Jahren als Independent Cinema gilt: lose miteinander verstrickte Lebensläufe, Traumsequenzen, traurige Darsteller. Wenn das der Preis dafür war, dass Sharon Stone nach Berlin kam, war er zu hoch.“

„Die Zeugen“ von André Téchiné (Frankreich)

Ein junger Mann (Johan Liberau) kommt nach Paris, lernt dort einen schwulen Arzt (Michel Blanc) kennen, der ihn zu einer Mittelmeerreise einlädt, wo sie Ferien mit einem befreundeten Ehepaar verbringen. Er ist Polizist (Sami Bouajila), sie ist Schriftstellerin (Emmanuelle Béart), die sich mit ihrer neuen Rolle als Mutter nicht zurechtfindet. André Téchiné erzählt dieses Beziehungsdrama vor dem Hintergrund des Aufkommens von Aids in den Achtzigern (siehe auch: Filme von Téchiné und Schrader im Berlinale-Wettbewerb).

Michael Althen: „Téchiné öffnete einem die Augen, wie viel Kunstbemühen bisher im Wettbewerb am Werk war, wie viel Gewolltes und Ausgedachtes, und wie befreiend das ist, wenn jemand einfach mal nur davon erzählt, was Menschen verbindet und was sie auseinandertreibt, ohne dabei gleich schmucklos oder fahrig zu werden.“

Andreas Kilb: „Die Geschichte des Jungen aus der Provinz, der nach Paris kommt und dort den Tod findet, hat André Téchiné schon mehrfach erzählt, aber selten so rührend und genau wie hier. Sein Film über das erste Jahr der Aids-Epidemie kommt spät, aber nicht zu spät.“

Peter Körte: „Was gut beginnt, wird leider irgendwann von seiner Aids-Agenda erdrückt.“

Andreas Platthaus: „Farbe, als seien die fünfziger Jahren wieder auferstanden, so sehr glüht der französische Sommer. Und in der zweiten Hälfte verliert sich die Hochstimmung des Beginns im fahlen Winter. Es ist 1984, und Aids zieht seinen Siegeszug durch eine zuvor freizügig lebende und liebende Paiser Gesellschaft. Téchiné hat eine meisterhafte Balance zwischen fliegender Leichtigkeit und niederdrückender Last gefunden.“

„Tagebuch eines Skandals“ von Richard Eyre (Vereinigte Staaten, Großbritannien)

Judi Dench spielt eine einsame Lehrerin, die sich mit einer jungen Kollegin (Cate Blanchett) anfreundet, bis sie hinter deren Affäre mit einem Schüler kommt. Richard Eyres Film läuft außer Konkurrenz im Wettbewerbsprogramm (siehe auch: Filme von Bille August, Richard Eyre und anderen im Berlinale-Wettbewerb).

Andreas Kilb: „Judi Dench und Cate Blanchett sind zwei großartige Schauspielerinnen, und wenn sie einen ebensolchen Regisseur hätten, wäre der Film perfekt. Aber Richard Eyre erzählt sein Schul- und Liebesdrama so zerstreut, als wollte er fragen: Wozu die Aufregung? Und so lassen ihn auch die Diven irgendwann im Stich.“

Peter Körte: „Zwei tolle Schauspielerinnen kämpfen verzweifelt gegen eine uninspirierte Inszenierung.“

Verena Lueken: „Gefühle sind reichlich da, und die opernhafte Regie müht sich redlich, die Szenen irgendwelchen Höhepunkten aus Schrecken, Lust oder Niedertracht zuzutreiben, es nützt nichts. Am Ende sind alle Figuren verraten worden, und zwar vom Regisseur.

„Der Andere“ von Ariel Rotter (Argentinien, Frankreich, Deutschland)

Julio Chávez, der letztes Jahr in „El custodio“ zu sehen war, spielt in Ariel Rotters Film einen Mann, der auf Dienstreise in die Provinz beschließt, die Identität eines anderen anzunehmen und schwangere Frau und kranken Vater hinter sich zu lassen.

Peter Körte: „Ein Mann sucht sich selbst, er müsste Kilometergeld bekommen, so oft lässt der Regisseur ihn Straßen entlanggehen.“

Andreas Platthaus: „Ein Anwalt, der der Schwangerschaft seiner Frau und dem pflegebedürftigen Vater entkommen will, und deshalb die mehrfachen Zufälle, die ihn mit Toten konfrontieren, dazu nutzt, sich deren Namen anzueignen. Doch als er selbst einmal einen Menschen vor dem Tod rettet, kehrt er auch selbst ins Leben zurück. Gefühliges, aber leider uninspiriertes Kino.“

„Irina Palm“ von Sam Gabarski (Belgien, Deutschland, Luxemburg)

Marianne Faithfull, die gerade noch als Maria Antoinettes Mutter unterwegs war, spielt in Sam Gabarskis Film eine Großmutter, die in einem Sex-Club anheuert, um Geld für die Medikamente ihres Enkels zu verdienen. Unter ihrem neuen Namen Irina Palm macht sie erstaunliche Karriere.

Peter Körte: „Hier triumphiert der sogenannte 'Human Factor', aber der Humor ist dann doch arg verklemmt.“

Andreas Kilb: „Marianne Faithfull als heilige Irina der Kontakthöfe läßt sich von keinem der vielen Klischees unterkriegen, mit denen ihr Regisseur Sam Gabarski sie bombardiert. Das könnte der Jury einen Darstellerpreis wert sein.“

Verena Lueken: „Keinem anderen Schauspieler bisher haben wir derart lange beim Denken zugeschaut, ohne je zu erfahren, was denn Gegenstand dieser Nachdenklichkeit sei. Denn was aussieht wie Denken, ist, das darf man sagen bei einer Darstellerin, die bereits als Gewinnerin eines Schauspielbären hoch gehandelt wird, das schiere Unvermögen, das sich schon in früheren Rollen, etwa der Maria Theresia in „Marie Antoinette“, nicht verbergen ließ.“

„The Walker“ von Paul Schrader (Vereinigte Staaten, Großbritannien) - außer Konkurrenz

Mit diesem Film, der außer Konkurrenz im Wettbewerbsprogramm läuft, hat Jury-Präsident Paul Schrader eine Art Fortsetzung seines „American Gigolo“ inszeniert. Woody Harrelson spielt darin einen professionellen Begleiter für Damen aus besseren Kreisen (Lauren Bacall, Kristin Scott-Thomas). Und der Bären-Gewinner von 2006, Moritz Bleibtreu, ist auch dabei. Ein Vierteljahrhundert nach 'American Gigolo' erzählt Schrader in alter Eleganz nochmal von Schuld und Sühne (siehe auch: Filme von Téchiné und Schrader im Berlinale-Wettbewerb).

Peter Körte: „Nicht der beste Schrader, aber eben unverkennbar Paul Schrader.“

„Beaufort“ von Joseph Cedar (Israel)

Im Mittelpunkt dieses Films steht nicht der Krieg, sondern ein Rückzug: Joseph Cedar erzählt die Geschichte des erst zweiundzwanzigjährigen Kommandeurs des Militärstützpunkts nahe der südlibanesischen Kreuzfahrerfestung Beaufort, mit deren Sprengung im Jahr 2000 achtzehn Jahre israelischer Besetzung zu Ende gingen.

Andreas Kilb: „Israelische Soldaten auf einem Außenposten im Libanon, eingesperrt, frustriert, verloren. Eine Explosion, ein Toter, viele Überlebende. Ihre Tage, ihre Nächte, ihre Gespräche. Und die schöne lange Kinozeit, die so zerredet wird.“

Peter Körte: „Ein Stück Zeitgeschichte wird zu einer Kinogeschichte - und aus einer gefährlichen Mission wird zähe Langeweile.“

Andreas Platthaus: „Joseph Cedar hat den Alltag von Soldaten, die auf verlorenem Posten stehen, obwohl sie unbesiegt bleiben, in ein erstaunliches Psychodrama verwandelt. Es gibt keine grellen Effekte, keine besonders drastischen Szenen, keine überflüssige Rumbrüllerei, und doch spürt man die Spannung in der israeilischen Besatzung einer im Libanon angelegten Festung in jeder Sekunde. Und da Cedar gleich mehrfach festgefügte Erwartungen enttäuscht, herrscht auch im Saal Spannung.“

„Yella“ von Christian Petzold (Deutschland)

Nina Hoss spielt eine Frau, die nach einer gescheiterten Ehe aus der ostdeutschen Provinz nach Hannover zieht und dort einen Manager (Devid Striesow) kennenlernt, der sie in die Welt des Kapitals einführt. Regisseur Christian Petzold war schon im Jahr 2005 mit seinem Film „Gespenster“ im Wettbewerb der Berlinale vertreten.

Andreas Kilb: „Christian Petzolds Film ist einer der besten der diesjährigen Berlinale, weil ihm gelingt, woran sich die meisten Beiträge des Festivals vergeblich abarbeiten: Er verzaubert die Wirklichkeit und enthüllt sie zugleich.“

Peter Körte: „Nina Hoss ist phantastisch, und keiner erzählt Gespenstergeschichten wie Christian Petzold.“

Andreas Platthaus: „Christian Petzold hat seinen persönlichen Stil in 'Yella' auf die Spitze getrieben: die kalten Farben mit der Ausnahme eines strahlenden Rots, das somnambule Spiel der Akteurinnen, die hilflose Verzweiflung der Männer. Und doch ist der neue Film ein Höhepunkt, denn er ist auch eine grandiose Satire auf den Wirtschaftszweig der Risikokapitalgeber. Der eigentliche Erzählkern leidet allerdings darunter, dass Petzold an bewährten Schemata festhält. Doch er filmt mit einer Stilsicherheit, die in Deutschland und beim diesjährigen Berlinalewettbewerb ohnehin ihresgleichen sucht.“

„300“ von Zack Snyder (Vereinigte Staaten)

Nach einer Comicvorlage von Frank Miller hat Zack Snyder („Dawn of the Dead“) die Schlacht bei den Thermopylen, wo im Jahr 480 dreihundert Spartaner auf eine persische Übermacht trafen, mit realen Darstellern vor virtuellen Hintergründen in Szene gesetzt. Der Film läuft außer Konkurrenz.

Andreas Platthaus: „Ein spektakulärer, aber kein guter Film. Viel Gerede um die Geburt der Demokratie aus dem Geist des Widerstands, ohne daß man verstünde, warum nicht doch Diktatur dabei herauskommt. Dazu eine Zeitlupen- und Beschleunigungsästhetik im steten Wechsel, die zwar die Comicvorlage interessant erweitert, aber narrativ sinnlos bleibt. Augenfutter, aber nichts für Hirn und Herz.“

Peter Körte: „Ein schwacher Hauch von Riefenstahl, ein bisschen zu viel 'Herr-der-Ringe'-Optik, das nervt zwar, ist aber visuell noch immer einfallsreicher als das Gros des Wettbewerbs.“

„Hyazgar“ von Zhang Lu (Südkorea, Frankreich)

In einem fast verwaisten Dorf in der Wüstenei zwischen China und der Mongolei ertränkt ein Chinese seinen Kummer in Alkohol, als eine geflohene Koreanerin mit ihrem Sohn an seine Tür klopft und sie eine gemeinsame Sprache finden müssen. Ein Film von Zhang Lu.

Peter Körte: „Nach dem zweiten Film aus der Mongolei ist man Experte für örtliche Teezubereitung und Strukturprobleme im Agrarsektor, aber so recht glücklich macht einen das auch nicht.“

Andreas Platthaus: „Ein Film der ganz großen Gesten im Kleinen. Gesprochen wird kaum, aber das Handeln der Personen in der mongolischen Wüste ist beredt genug. Allerdings hat man solch traumschöne Bilder aus der Einöde auch schon häufiger gesehen - Exotik macht sich immer gut im Wettbewerb. Aber immerhin ein Film, der mehr will als unterhalten oder provozieren.“

„Bordertown“ von Gregory Nava (Vereinigte Staaten)

Eine ehrgeizige amerikanische Journalistin (Jennifer Lopez) wird von Chicago aus in eine mexikanische Fabrik in Grenznähe geschickt, um einer Mordserie an jungen Frauen auf die Spur zu kommen. Als sie in Juárez ankommt, findet sie eine Stadt vor, die gelähmt ist vor Angst. Regisseur Gregory Nava hat in den Achtzigern den schönen Film „El Norte“ gedreht und dann vor allem als Drehbuchautor von „Selena“ und „Frida“ von sich reden gemacht.

Verena Lueken: „In einem an Tiefpunkten nicht armen Wettbewerbsprogramm setzte 'Bordertown' einen neuen.“

Andreas Platthaus: „Selbst ein Bär wäre zuviel für diese Unverschämtheit. Sofern Jennifer Lopez für ihre Rolle einer amerikanischen Reporterin, die sich fanatisch für die armen mexikanischen Fabrikarbeiterinnen einsetzt, die von den Reichen und Schönen ausgebeutet und gemordet werden, auf ihre Gage verzichtet hat, wäre das das einzige Bemerkenswerte an diesem Film.“

Peter Körte: „Sieht aus wie Kino, ist inszeniert wie eine Telenovela, und JLo als taffe Reporterin, die sich auf ihre hispanischen Wurzeln besinnt, ist unfreiwiliig komisch, auch wenn natürlich alles wahnsinnig gut gemeint ist.“

„Die Herzogin von Langeais“ von Jacques Rivette (Frankreich, Italien)

Jacques Rivette hat die Balzac-Novelle „Die Herzogin von Langeais“ verfilmt. Sie gehört zur „Geschichte der Dreizehn“, die im Werk des französischen Regisseurs immer wieder auftaucht. Es geht um einen Offizier (Guillaume Depardieu), der sich unsterblich verliebt hat, um eine Herzogin (Jeanne Balibar), die sich ein Vergnügen daraus macht, mit ihm zu spielen, und um seine bittere Rache. Mit dabei sind auch zwei alte Bekannte von Rivette: Michel Piccoli und Bulle Ogier.

Peter Körte: „Auf der dünnen Linie zwischen Kino und Theater bewegt sich keiner so sicher wie Rivette, man vermisst den ganzen Pomp, der Kostümfilme oft so leblos werden lässt, in dieser Balzac-Adaption fast ganz.“

Andreas Kilb: „Rivette inszeniert diese Tragödie der Irrungen mit einer Schlichtheit und Direktheit, die alles andere als einfach ist. Bei ihm ist jede Szene ein Drama für sich, mit Vorspiel, Wortwechsel, Konflikt und Nachhall, aber der Film wirkt dennoch nie theatralisch, nur viel unerbittlicher und genauer als die historischen Drei- oder Vierteiler des Fernsehens.“

Andreas Platthaus: „Jacques Rivette ist immer noch der Meister des Konversationsstücks, und seinen Figuren kann man stundenlang zuhören. Balzacs Erzählung wird dank manch geschliffen-boshaftem Dialog zum Vorläufer der Proustschen Salongespräche, und da Rivette auch noch etliche ästhetische Verweise auf sein eigenes Werk unterbringt (vor allem mit der Besetzung von Bulle Ogier und Michel Piccoli), ist das Vergnügen groß.“

„Ich habe den englischen König bedient“ von Jiri Menzel (Tschechien, Slowakien)

Jiri Menzel hat den gleichnamigen Schelmenroman von Bohumil Hrabal verfilmt. Er schildert den Aufstieg eines Prager Pikkolos (Ivan Barney) in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schildert, vom Aushilfskellner in einer Kleinstadt über ein Luxushotel in Prag in ein Lebensborn-Heim der Nazis. Julia Jentsch ist als sudetendeutsche Aktivistin zu sehen.

Andreas Platthaus: „Die erste Komödie im Wettbewerb und anfangs auch ein Schelmenstück von hohen Graden. Gegen Ende verplätschert die groteske Handlung, aber bis dahin gab es mehr zun lachen als in allen anderen Wettbewerbsfilmen zuvor.“

Andreas Kilb: „Alles bleibt Stimmung, Pose, Arrangement in diesem Film, und das ist für die kinosatten Berlinale-Augen einfach zu wenig.“

Peter Körte: „Lederne Literaturverfilmung oder auch: Altherrenkino.“

„Hallam Foe“ von David Mackenzie (Großbritannien)

Jamie Bell, den man als „Billy Elliott“ kennt, spielt in David Mackenzies Film einen jungen Voyeur, der seine Stiefmutter verdächtigt, am Tod seiner Mutter verantwortlich zu sein, und nach Edinburgh flieht.

Andreas Kilb: „Während eine Wendung die andere jagt, merkt man, dass diese Küchenpsychologie, mit der dieser Film an seine Figuren herangeht, von Anfang nicht gestimmt hat. Man sieht immer das Drehbuch, das unter den Szenen liegt, den Text hinter den Bildern, die Bastelarbeit der Phantasie.“

Peter Körte: „Der junge Jamie Bell ist ein guter Kandidat für einen Schauspiel-Bären; der umständliche, aufdringlich ödipal gefärbte Plot ist nicht gerade preisverdächtig.“

„Lost In Beijing“ von Li Yu (Hongkong, China)

Ein junges Paar in Peking, sie Masseuse, er Fensterputzer. Eine Vergewaltigung, eine Erpressung, ein fataler Deal. Die Regisseurin Li Yu war vor fünf Jahren mit „Fish and Elephant“ schon im Forum vertreten.

Peter Körte: „Da können Zensoren noch so eifrig herumschnippeln, diese schroffe und unsentimentale Geschichte um Erpressung, Kinderwünsche und Überlebensstrategien aus dem Peking von heute werden sie kaum zur Kongruenz mit dem Weltbild der Partei bringen.“

Andreas Platthaus: „China nähert sich mit Siebenmeilenstiefeln dem europäischen Autorenfilm - im Guten wie im Schlechten. Für das Gute ist vor allem Tony Leung zuständig, der seinen reichen Geschäftsmann mit wunderbar töricht-bauerschlauen Nuancen gibt. Das Schlechte kommt durchs Melodram, aber dieser Nachteil wird durch das konsequente Ende wieder ausgeglichen.“

„Angel“ von François Ozon (Frankreich, Belgien, Großbritannien)

Als Abschlussfilm François Ozons Melodram über Aufstieg und Fall einer jungen Schriftstellerin (Romola Garai) im England der Jahrhundertwende. Ozon soll sich an Scarlett O'Hara orientiert haben.

Peter Körte: „Ein heftiger Flirt mit dem klassischen Melodram, der manchmal etwas zu unentschieden zwischen Ernst, Koketterie und Distanzlosigkeit schwankt.“



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: © 2006 Schramm Film, AFP, AP, Berlinale, FAZ.NET, Hans Fromm, Lorey Sebastian, REUTERS, UIP/Cinetext, Verleih

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