02. Oktober 2008 Salma lebt allein. Sie ist verwitwet, ein alter Bauer hilft ihr, die Bäume in ihrem Zitronenhain in Schuss zu halten. Ihre Kinder leben in der Welt verstreut und haben zu viel zu tun, um sich um die Mutter zu kümmern. Das Verhältnis ist freundlich, manchmal liebevoll. Dennoch muss man sagen, dass Salma eine einsame Frau ist. Von einem Porträtfoto beherrscht der grimmige Blick ihres verstorbenen Mannes ihr Zuhause. Eine schöne Frau aber ist sie auch, das erkennt man, selbst wenn ihr wunderbares Haar unter dem Kopftuch verschwindet, das sie unterm Kinn bindet.
Salma ist Palästinenserin. Ihr Haus und ihr Zitronenhain liegen im Westjordanland, direkt an der Grenze zu Israel. Als sie auf israelischer Seite einen neuen Nachbarn bekommt, nämlich den israelischen Minister für Sicherheitsfragen, verändert sich für sie alles. Weil sie ein Sicherheitsrisiko seien, sollen ihre Zitronenbäume gefällt werden. Weil das Salma das Herz bräche, sucht sie sich einen Anwalt (Ali Suliman), um vor Gericht ihr Recht zu erstreiten. In den Anwalt, der ihr Sohn sein könnte, verliebt sie sich. Und ist am Ende endlich frei, die Kleider ihres toten Mannes zu verbrennen.
In ihrer Situation gilt es als unschicklich
Lemon Tree von Eran Riklis, dessen vorheriger Film Die syrische Braut bereits einen Blick auf die im Alltag vor allem vertrackt, oft absurd, manchmal skurril erscheinenden Probleme des Lebens im Nahen Osten geworfen hatte, ist ein persönliches, sehr taktvolles Porträt einer Frau, die auf ganz stille Weise - was wörtlich gemeint ist: es gibt fast keine Musik in diesem Film - ungeheuer mutig ist. Weil sie sich gegen Israel stellt, das ist offensichtlich, aber auch, weil sie der arabischen Tradition etwas abringt, was diese gar nicht für sie vorgesehen hatte - nämlich die Sehnsucht nach einem Mann, die in ihrer Situation, in ihrem Alter nur als unschicklich gelten kann. Sie solle das bleibenlassen, ordnet ein Mann an, der eine Art Ältestenfunktion für die Palästinenser ausübt, und meint damit: sich allein mit diesem jungen Rechtsanwalt zu treffen. Ob er weiß, dass die beiden sich auch küssen, erfahren wir nicht.
Und dann ist da noch die Frau des Ministers, Mira (Rona Lipaz-Michael), auf der anderen Seite des Zitronenhains, die ein heimliches, später offenes Interesse an der Nachbarin entwickelt. Auch sie ist allein. Ihr Mann hat nicht einmal Zeit, sein Essen runterzuschlucken, bevor er sie zum Abschied küsst. Und auch für sie wird der Streit um die Zitronenbäume vieles verändern.
Immerhin einmal über den Zaun geklettert
Riklis erzählt von diesen beiden Frauen in Andeutungen, buchstabiert nicht aus, was es an Parallelen zwischen ihnen gibt, welche Kämpfe die Ministergattin ficht, welche Skrupel Salma heimsuchen. Wir ahnen das, wenn wir in die Gesichter schauen, vor allem in das von Hiam Abbass (siehe auch: Lemon Tree-Darstellerin Hiam Abbass im Interview), die Salma spielt. Einmal holt sie den Schmuck hervor, den sie zwischen den Federn in ein Kopfkissen eingenäht hat, und legt ihn vor dem Spiegel an. Niemand ist da, und sie würde sich derart geschmückt nie jemandem zeigen. Aber in ihrem Blick auf sich selbst liegen ein ruhiges Wohlgefallen und ein Stolz, die wir als Quelle ihrer Kraft in der gerichtlichen Auseinandersetzung oder überhaupt zum Leben begreifen.
Natürlich sind Riklis und sein Kameramann Rainer Klausmann verliebt in die Schönheit von Hiam Abbass, zelebrieren das auch manchmal etwas übertrieben, etwa wenn sie beobachten, wie der Wind die Schatten der Blätter über ihr Gesicht treibt; und einmal, wenn Salma ihren Anwalt küsst, knipsen sie sogar extra noch eine Lampe an. Aber man vergisst das schnell wieder, wenn der Film fortfährt, einfach nur zu beobachten, zum Beispiel die Verzögerungen vor Gericht, die sich daraus ergeben, dass die Israelis im Kopfhörer auf ihre Dolmetscher hören müssen, wenn die Palästinenser sprechen, und umgekehrt.
Natürlich gibt es keine glückliche Lösung, wir sind nicht im Märchen. Aber immerhin sind am Ende beide Frauen einmal über den Zaun geklettert, der sie trennt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Arsenal/Cinetext, picture-alliance/ dpa