Interview mit Hiam Abbass

Ich will keine Opfer spielen

„Ich will, dass meine Figuren wirklich sind” - Hiam Abbass

„Ich will, dass meine Figuren wirklich sind” - Hiam Abbass

02. Oktober 2008 Hiam Abbass gibt starken arabischen Frauen im internationalen Kino ihr Gesicht. Im Interview spricht die palästinensische Schauspielerin über die Arbeit mit Steven Spielberg, Jim Jarmusch - und, für ihren neuen Film „Lemon Tree“, mit dem israelischen Regisseur Eran Riklis.

Sie sind mehr als eine Schauspielerin, Sie sind eine moralische Instanz. In Ihren Rollen überwinden Sie die Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern. Oder ist das eine Übertreibung?

Nein, es klingt wie ein Kompliment. Es ist schön, für das gelobt zu werden, was man tut. Ich möchte aber mit meinen Filmen keine Botschaft überbringen. Als ich jung war, habe ich mir beigebracht, niemanden zu hassen, keine Vorurteile zu haben. Ich will einfach kreativ sein. Ich glaube an die Menschheit, an jeden einzelnen Menschen, egal, was er oder sie denkt.

Ist das für Frauen leichter als für Männer?

Ich hasse es einfach, Leute auszugrenzen, und ich will auch keine Charaktere spielen, die andere ausgrenzen. Ich will, dass die Figuren wirklich sind. Wo diese Wirklichkeit dann herkommt, darüber kann man diskutieren.

Eine ihrer ersten großen Rollen war die der Umm Youness in „Bab el Shams“, einem Film über den Leidensweg der Palästinenser nach 1948. Da waren Sie eine Art Mariengestalt, die Schmerzensmutter Ihres Volkes. Wie verträgt sich das mit Ihren anderen Rollen?

Keine meiner Rollen gleicht der anderen. Vielleicht sieht man das nur im Westen nicht so deutlich. Wir haben so viele Geschichten in der arabischen Kultur, und jede ist anders. Überall werde ich gefragt: Was sagen Sie zu der Lage der Frauen in der arabischen Welt? Ja, wie soll ich das wissen? Die arabische Welt reicht von Marokko bis zum Irak. Ich kann Ihnen etwas über die Frauen in meinem Land erzählen, aber ich kann keine gesellschaftliche Analyse bieten. Mein Beruf besteht darin, Frauen zu spielen, die ich glaubhaft finde, mit deren Haltung ich sympathisieren kann. Sonst wäre ich Politikerin geworden. Und ob eine Figur gut oder böse ist, heiter oder traurig - wenn ich sie nicht liebe, wird sie nie existieren. Ich empfinde eine große Zärtlichkeit für die Frauen, die ich spiele. Aber sie sind kein Teil von mir, sondern eigenständige Wesen. Sie tun, was sie für richtig halten.

Manche der Geschichten, die Sie spielen, scheinen mehr mit Ihrer Herkunft zu tun zu haben als andere.

Na ja. Die syrische Braut spielt in Syrien, Satin Rouge in Tunesien - ich hatte wirklich Mühe, Genaueres über das Leben tunesischer Frauen zu erfahren. Ich fuhr dorthin, lief herum, stellte eine Menge Fragen, lernte den Akzent, der ganz anders ist als meiner. Ich erfuhr zum Beispiel, dass zwischen der Hauptstadt Tunis und dem Rest des Landes ein Zeitunterschied von mindestens einem Jahrhundert besteht. Ich musste meine Rolle zwischen diesen beiden Welten ausbalancieren, um für beide glaubhaft zu sein. Ich glaube auch nicht, dass es zwischen Lilia in Satin Rouge und Salma in Lemon Tree viele Gemeinsamkeiten gibt. Das Gemeinsame ist nur mein Gesicht.

Aber dieses Gesicht ist vielleicht das Entscheidende.

Gut, kann sein. Aber ich fange dennoch mit jeder Rolle wieder bei null an. Ich mache mich vollkommen leer und versuche so zu spielen, als hätte ich nie jemand andern gespielt.

Haben Sie für „Lemon Tree“ im Westjordanland recherchiert?

Nicht wirklich, nein. Als ich das Skript las, das Eran Riklis für mich geschrieben hatte, habe ich mich in die Geschichte dieser Frau verliebt. In dieser Figur gibt es so viele verschiedene emotionale Ebenen, die man darstellen kann. Ich bin meinem Instinkt gefolgt. Wenn man zu viel nachdenkt, verliert man sich. Meine Maxime lautet: Stürz dich ins Meer und prüfe erst dann die Wassertemperatur. Wenn du zögerst, kannst du nicht spielen.

Sie scheinen ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Eran Riklis zu haben.

Nach der Syrischen Braut hatten wir beide das Bedürfnis, einen weiteren Film miteinander zu drehen. So entstand Lemon Tree. Wir verstehen uns blind. Auf dem Set habe ich oft seine Regieanweisungen befolgt, noch ehe er sie ausgesprochen hatte. Manche Leute können sich eben ohne Worte verständigen - so wie Mira und Salma in dem Film.

Ich verstehe, dass Sie keine politischen Aussagen machen wollen. Aber Sie spielen palästinensische Frauen in israelischen Filmen - darin liegt doch schon eine Aussage, oder?

So kann man das sehen. Ich arbeite mit bestimmten Regisseuren in Israel zusammen, weil sie Palästinenser als wirkliche Menschen zeigen und nicht als Klischees. Wenn ich das nicht mache, wer sonst? Natürlich haben die Regisseure und ich verschiedene Meinungen zu bestimmten Fragen. Aber beim Wesentlichen, bei der Frage, dass die Unterdrückung der Palästinenser aufhören muss, sind wir uns einig. Das ist mehr, als die Politiker auf ihren Konferenzen erreichen. Was ich wirklich will, ist, dass es eines Tages einen Teilungsvertrag gibt, der die Menschenrechte der Palästinenser respektiert. Ich habe genug von diesem Konflikt, genau wie alle anderen. Also engagiere ich mich mit dem, was ich kann, mit meiner Schauspielerei. Das ist vielleicht die wahre Politik.

Der gemeinsame Nenner bei Ihren Rollen scheint zu sein, dass Sie keine passiven Frauen spielen wollen, keine Opfer.

Das ist ein wichtiger Punkt. Vor kurzem bekam ich eine Geschichte angeboten über eine Frau, die nach mehreren Schicksalsschlägen zur Frömmlerin wird, sich verschleiert und den ganzen Tag betet. Ich habe die Rolle abgelehnt. Ich fand sie unglaubwürdig. Ich will auch nicht die Trägerin dieser Botschaft sein. Ich glaube nicht, dass die Religion die Lösung ist. Sie ist die Lösung für schwache, nicht für starke Frauen. Wenn ich eine solche Figur spielen soll, muss etwas anderes mit ihr passieren. Ich will kein Opfer sein. Schon gar nicht als Palästinenserin. Seit ich ganz jung war, habe ich mich immer gegen negative Weltbilder gewehrt. Ich habe das Positive gesucht und gefunden. Ich bin froh, dass ich in diesem Konflikt geboren wurde. Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich habe israelische und französische Freunde, die das genauso sehen. Wir müssen einander nur zuhören. Das haben Israelis und Palästinenser nicht getan.

Sie haben einen Ausweg gefunden: Sie haben Ihren Geburtsort Nazareth verlassen und sind nach Europa gegangen.

Ich habe schon in der Schule gern Theater gespielt. Dann wollten meine Eltern, dass ich Rechtsanwältin oder Ärztin werde, und um dem zu entkommen, machte ich eine Fotografenausbildung. Dann fotografierte ich in einem Theater in Ost-Jerusalem. Als ich dem Regisseur von meiner Schauspielerei erzählte, fragte er mich, ob ich in seiner Truppe mitmachen wolle. Ein paar Wochen später war ich schon in Frankreich, in Lyon. Wir machten Improvisationstheater, sehr körperlich, ohne Dialoge, und ich lernte viel über das Spiel ohne Worte. Dann ging ich nach London und von dort später nach Paris.

1996 hatten sie eine Rolle in Cédric Klapischs „Jeder sucht sein Kätzchen . . .“

Einer der Darsteller ist mein Ehemann, durch ihn lernte ich Cédric kennen. Aber noch mehr hat mir Ariane Mnouchkine damals geholfen. Als ich Ende der achtziger Jahre nach Paris kam, konnte ich kaum Französisch. Sie bereitete einen Fernsehfilm über die Französische Revolution vor,La nuit miraculeus und lud mich zum Casting ein. Am nächsten Tag rief sie mich an und sagte:Du hast die Rolle, aber Du musst Französisch lernenSo kam ich zum Film.

International bekannt wurden Sie durch Steven Spielbergs „München“, wo Sie die Ehefrau eines palästinensischen Politikers spielen. Außerdem haben Sie als technische Beraterin für den Film gearbeitet. Wie sah das genau aus?

Zuerst habe ich viel mit Tony Kushner, dem Drehbuchautor, über die israelischen und arabischen Dialoge des Films gesprochen. Dann begann Spielberg, mich als Beraterin auf seinen Set zu holen. Auf Malta hatte er eine ganze Straße umdekoriert, um sie nach Tel Aviv aussehen zu lassen. In einigen Szenen habe ich mit den Schauspielern die Dialoge einstudiert. Es ging ja darum, es nicht wie ein Klischee aussehen zu lassen. Nach einigen Tagen am Set sagte Steven, er wolle mich für den ganzen Rest des Films dabeihaben. Also verliehen sie mir den Titel einertechnischen Beraterin.

Wie sehen Sie „München“ heute?

Als einen großen Schritt vorwärts. Wenn der berühmteste Regisseur der Welt einen Film macht, in dem die Palästinenser als Menschen erscheinen und die Israelis nicht als Superhelden, ist das schon ein Erfolg. Viele Leute in Israel hatten allerdings Probleme damit. Die Zionisten in Amerika haben den Film gehasst.

Und „Paradise Now“, in dem Sie die Mutter eines der Attentäter spielen?

Die Rolle habe ich zuerst abgelehnt, weil ich kein Klischee spielen wollte.

Aber im Film ist es kein Klischee.

Weil wir daran gearbeitet haben, bis es gestimmt hat.

War der Film in den Palästinensergebieten ein Erfolg?

Ich glaube nicht. Es gibt ja fast keine Kinos dort, keine Filmkritik, nur ein kleines Festival in Ramallah, das von Studenten und Cineasten besucht wird. Die Leute sehen sich Filme bloß auf DVD an.

Sie spielen auch im neuen Film von Jim Jarmusch mit, der nächstes Jahr herauskommt. Worum geht es da?

Um einen Mann, der ein Verbrechen begehen will, und um die Personen, denen er auf seinem Weg begegnet. Ich spiele eine davon, genauso wie Bill Murray, Tilda Swinton, Gaël García Bernal und John Hurt. Jeder von uns hat eine oder zwei Szenen. Den Mann spielt Isaach de Bankolé. Mehr darf ich nicht verraten.

Wen spielen Sie, eine Araberin?

Jim Jarmusch und ich haben beschlossen, ihr keine Identität zu geben.

Also ein Mysterium?

Ja. So wollte es Jim. Er sagte: Du hast das Gesicht, mit dem ich arbeiten will. Also habe ich ja gesagt.

Die Fragen stellte Andreas Kilb.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Matthias Lüdecke - FAZ, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Timebandits/Cinetext, UIP/Cinetext

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche