Berlinale-Chef Kosslick

„Es hilft immer, einen guten Spruch draufzuhaben“

Hüter der Bären: Dieter Kosslick

Hüter der Bären: Dieter Kosslick

08. Februar 2005 Dieter Kosslick, Direktor der Berlinale, über launige Begrüßungsworte, Small talk, Verwechselungen von Hollywood-Schauspielern und die hohe Kunst, eine belgische Regisseurin zu küssen.

Es gibt Leute, die sagen, das Festivalprogramm sei heute gar nicht so viel besser. Oder, sagen wir es so, es sei früher gar nicht so viel schlechter gewesen. Aber seit Sie die Berlinale leiten, hat man das Gefühl, sogar die Minustemperaturen wären nicht mehr so kalt. Wie machen Sie das?

Internationale Filmfestspiele in Berlin: 10. bis 20. Februar

Internationale Filmfestspiele in Berlin: 10. bis 20. Februar

Ich finde, die Filme, die wir hier zeigen, sind oft schon ernst genug, und die Leute sollen doch ein gutes Gefühl haben, wenn sie hier sind. Sie sollen gute Tage haben. In dem Wort Festival steckt das Wort Fest ja schon drin. Das versuche ich zu vermitteln, und ich versuche auch, ein humorvolles Deutschland zu verkaufen.

Vielleicht kann man von Ihnen etwas lernen - wie spricht man zum Beispiel launige Begrüßungsworte? Empfiehlt es sich, jemanden im Publikum gezielt anzusprechen, soll man auf Huster reagieren, was ist ein guter letzter Satz?

Kosslick will “ein humorvolles Deutschland verkaufen“

Kosslick will "ein humorvolles Deutschland verkaufen"

Das ist eigentlich das allerschwierigste, sich hinzustellen oder, wie vor ein paar Tagen bei der Pressekonferenz, vor vielen Journalisten zu sitzen und launig zu beginnen. Man weiß aus Amerika, daß die die Technik draufhaben, am Anfang einen Witz zu erzählen, und dann läuft das schon. Mein Problem ist, daß ich keine Witze erzählen kann. Also versuche ich, mir etwas einfallen zu lassen, und das geht dann oft schief. Manchmal verhaspele ich mich und bringe etwas durcheinander, aber das hat dann auch liebenswerte Züge. Letztendlich hilft es immer, einen guten Spruch draufzuhaben, und daran fehlt es mir nicht.

Was war der gute Spruch für gestern?

Da hatte ich keinen. Ich habe mir nur gedacht, wenn ich über Sex rede, was ich getan habe, weil das ein Schwerpunkt im diesjährigen Berlinale-Programm ist, dann muß mir etwas wirklich Intelligentes einfallen.

Und?

Da gibt es eine gute Geschichte. Sie war eigentlich früher mal ein Witz, aber der ist mir in dem Moment nicht mehr eingefallen. Ich wußte nur noch die Pointe. Von diesem Mann in Bayern, der in die Apotheke ging und sich Viagra im Mörser hat zerstoßen lassen. Die völlig entsetzte Apothekerin sagte, das müssen Sie doch schlucken, so als Pulver macht das doch gar keinen Sinn. Dann zog sich das der Mann wie eine Kokainlinie durch die Nase und sagte: „Ach wissen Sie was, Sex is only in the brain.“ Ich dachte, das ist eine Supergeschichte, die erzähle ich.

Und, wie fanden die Journalisten die?

Ich hab' dann doch lieber etwas über die französische Regisseurin Catherine Breillat erzählt. Sie macht hier einen Workshop über „Directing Sex“, und ich habe gesagt, alle, die nicht wissen, wie's geht, sollen da hingehen, für fünf Euro Eintritt bekommen sie es erklärt.

Thema Small talk. Können ja viele nicht, vor allem nicht in Deutschland. Auf „Wie geht's?“ soll man niemals mit der Wahrheit antworten. Gibt es noch andere wichtige Regeln?

Also, erstens ist es so, daß es keinen Termin gibt, für den ich nicht in einem Aktenordner eine Zusammenfassung habe, um was geht es, was sind das für Personen, was haben die gemacht. Und wenn ich etwas in der Zeitung lese, das als Gesprächsthema passen könnte, reiße ich es heraus. Wenn ich beispielsweise ein Treffen mit Engländern habe und ich lese eine gute englische Geschichte über das Fuchsjagdverbot, dann hefte ich die ab. So kann ich immer etwas sagen.

Das heißt, Sie haben einen Ordner, voll mit nach Nationalitäten geordneten Anekdoten?

Nein, das geht nach dem Programm der Berlinale. Ich habe während des Festivals täglich ungefähr vierzig Termine - wenn ich mit der japanischen Delegation spreche, dann rede ich natürlich nicht über den koreanischen Film. Da bin ich dann darauf vorbereitet, was die gemacht haben, wieviel Marktanteile die haben und so weiter. Und dann weiß ich noch irgendeine lus-tige Geschichte über Japaner und versuche die loszuwerden. Das mißlingt dann oft, aber die Japaner sind höflich und lachen sowieso. Also ist das nicht so schlimm. Der Small talk ist nichts weiter als ein sehr gut vorbereiteter Big talk. Und ich gehöre zu denen, die vorher ziemlich viel arbeiten, damit es am Ende so aussieht, als wäre es gar keine Mühe.

Haben Sie Helfer, die Sie retten, wenn Sie mal jemand nicht gehen lassen will?

Ja. Da sind viele Helfer und Helferinnen um mich herum. Jeder weiß, was er zu tun hat. Die Zeit der Berlinale ist sehr anstrengend, aber danach habe ich auch wieder ein ganzes Jahr Zeit, auszuschlafen.

Und dabei entspannen Sie, wie man liest, mit Yoga und viel Nudelgerichten.

Was man eben so liest. Und wenn Sie mal sehen, was man so liest, dann sind das alles Sachen, mit denen sich andere Leute identifizieren können. Natürlich könnte ich auch sagen, ich esse Schweinebraten, jeden Tag. Aber das lehne ich ab.

Weil Sie ja Vegetarier sind.

Ich würde aber auch nicht sagen, daß ich den ganzen Tag nur Sprossen esse.

Heißt das, Sie machen gar kein Yoga?

Doch, aber ich erzähle das mit der Pasta vor allem, weil sich viele Leute damit identifizieren können, weil Kohlenhydrate nicht nur beruhigen, sondern auch glücklich machen.

Und was essen Sie wirklich?

Ich esse Pasta.

Hände schütteln, küssen oder umarmen: Wie begrüßt man sich auf einem internationalen Festival?

Beim Film küßt man sich sehr gerne auf die Wange. Dabei muß man ein paar Grundregeln beachten. Vor allen Dingen, wenn eine belgische Regisseurin kommt. Dann geht das nämlich dreimal hin und her, und wenn man das nicht weiß, dann endet man meistens bei einem ordentlichen - ich will nicht sagen Zungenkuß - aber . . . Ansonsten küßt man sich nur rechts und links. Und das Händeschütteln ist eigentlich eher bei Männern so, da umarmt man sich und klopft sich auf den Rücken.

Namen oder Gesicht: Was vergessen Sie eher?

Namen.

Was macht eigentlich Ihr Vorgänger Moritz de Hadeln, haben Sie von dem je wieder was gehört?

Er ist Consultant, Berater und soll einen neuen Job in Aussicht haben. Er wird bei der Berlinale in der Reihe 19 sitzen, auf einem sehr guten Platz, mit seiner Frau. Nach der Berlinale gehe ich mit ihm essen, dann kann er mir ja sagen, was ich falsch gemacht habe.

Machen Sie das immer?

Nein, aber diesmal haben wir es vor. Ich glaube allerdings nicht, daß er mir sagen wird, was ich falsch gemacht habe.

War mal jemand richtig beleidigt durch Sie?

Ja, ich glaube öfter, als ich mitbekomme. Weil ich manchmal Dinge sage, die ich total gut finde, die aber schon sehr peinlich sind. Ich kann mich jetzt aber an kein Beispiel erinnern.

Den Schauspieler Kai Wiesinger sollen Sie mal ziemlich brüskiert haben.

Oh ja, das ist schon lange her. Das war bei der Kinopreisverleihung in der Lichtburg in Essen. Da ging es darum, Til Schweiger und Kai Wiesinger anzukündigen. Und ich sagte, alle Frauen wollen Til Schweiger an die Wäsche. Und Kai Wiesinger wollen sie nur ihre Buntwäsche anvertrauen.

Das ist doch aber ganz lustig.

Das fand an dem Abend außer mir niemand. Es wurde sehr eisig im Saal. Und keiner wollte mehr zu mir auf die Bühne und mit einem solchen Stiesel reden. Das war der Abend, an dem ich komplett als Entertainer abgestürzt bin.

Haben Sie sich bei Kai Wiesinger entschuldigt?

Natürlich, ich hab' mich oft entschuldigt, immer wieder. Ich habe mich eine Zeitlang einfach bei jedem entschuldigt, der so aussah wie Kai Wiesinger, und das war meistens Thomas Heinze. Ich bin aber mit Kai Wiesinger in der Zwischenzeit klar und erkenne ihn immer sofort.

Wie ist George Clooney privat?

Der ist wirklich prima, sehr angenehm und freundlich.

So jemanden treffen Sie dann zum Abendessen?

Nein. Wieso sollte ich?

Weil Sie können?

Gut, mit Kevin Spacey zum Beispiel, der dieses Jahr mit seinem Film „Beyond the Sea“ herkommt, ist mir was Lustiges passiert. Als der beim Berlinale Dinner Table war, habe ich bei einer Tischrede gesagt, ich würde ganz herzlich auch George Clooney begrüßen, das sagte ich aber ausgerechnet zu einem anderen Hollywoodstar, Nicolas Cage - worauf Kevin Spacey aufstand und sagte, er wäre Robert De Niro.

Welcher weibliche Star riecht am besten?

Das kann ich nicht sagen. Obwohl ich es weiß.

Warum nicht?

Damit würde ich ja sagen, daß die anderen nicht so gut riechen.

Es sind drei deutsche Filme im Wettbewerb - ganz viele andere deutsche Filme sind es nicht. Können Sie gut ablehnen?

Bevor ich hierherkam, war ich fünfzehn Jahre bei der Deutschen Filmförderung. Und die besteht wie alle Kulturförderungen natürlich zu achtzig Prozent aus Ablehnungen. Als ich hier angefangen hab', habe ich gesagt, Ablehnungen müssen meine Mitarbeiter machen, die Zusagen mache ich selbst.

Good cop, bad cop?

Ja. Aber das habe ich dann irgendwann umgedreht. Die Zusagen machen jetzt meine Mitarbeiter, die Absagen mache ich selbst. Da habe ich ziemlich große Übung drin. Ich hatte mal in Nordrhein-Westfalen eine schöne Szene. Da hatten wir einen Film schon dreimal abgelehnt. Und das Team dieses Films kam auch ein viertes Mal wieder zu mir, um zu erfahren, woran es lag. Denen hab' ich dann gesagt, daß ich nicht verstünde, warum sie sich immer wieder anhören wollten, was an ihrem Film schlecht ist - und dann sagten sie, es sei einfach tolle Unterhaltung, sich anzuhören, wie ich jedesmal aufs neue versuchen würde, ihnen klarzumachen, daß sie nicht daran schuld wären, daß ihr Film abgelehnt worden wäre.

Sie waren mal Pressesprecher der Leitstelle für die Gleichstellung von Frauen in Hamburg.
Haben Sie da das Schönreden gelernt?

Nein, die Sache mit den Frauen konnte man damals, 1981, nicht schönreden. Da ging es darum, daß man auf einen Brief „Sehr geehrte Damen und Herren“ schreibt und nicht nur „Sehr geehrte Herren“. Das war die erste Stelle dieser Art, und ich erinnere mich noch sehr gut, als ich die Pressearbeit machte, wie mich die Kollegen angerufen und gefragt haben, ob ich jetzt endgültig verrückt geworden wäre, mich für so einen Schwachsinn einzusetzen.

Sie sind noch in der SPD, oder?

Ich hab' gerade mein 25jähriges Abzeichen im Restaurant Dalmatien bekommen. Ich bin auch Mitglied in der Gewerkschaft seit 25 Jahren und seit zehn Jahren bei Slow Food, einer weltweiten Organisation, die für besseres Essen kämpft. Mehr Mitgliedschaften kann ich im Moment nicht bieten.

Können Sie sich vorstellen, wieder in die Politik zu gehen?

Wieso soll ich?

Weil Sie für einen linken Kulturschaffenden so schön positiv sind.

Wenn Sie sich das Berlinale-Programm anschauen, werden Sie sehen, daß das mit der Politik und dem Linkssein ziemlich ernst gemeint ist. Und daß Kunst- und Kultur-Festivals auch Foren sind, auf denen man gegen bestimmte Dinge kämpfen kann. Da geht es nicht nur darum, gegen Krieg zu sein, das ist sowieso klar; da geht es auch darum, wie Kinder in dieser Welt behandelt werden. Oder um gutes Essen. Wenn ich mir vorstelle, daß die Tiefkühlkost heute neunzig Prozent der Gesamtspeisung ausmacht, dann geht da ein Kulturzweig den Bach runter, da muß etwas getan werden. Deshalb gibt es dieses Jahr auf der Berlinale nicht nur Buffets, sondern es werden richtige Köche kochen. Da geht es auch im weitesten Sinne um Kultur und Politik.

Und im engeren um die Laune.

Die Bilder von der Berlinale werden von mehr als 3700 Journalisten in die ganze Welt geschickt - da macht es einen Unterschied, ob man gute Laune verbreitet oder ob man die Stereotypen erfüllt, die Ausländer über uns Deutsche haben, zum Bespiel, daß das Buch „3000 Jahre deutscher Humor“ nur zwei Seiten hat. Dem sollten wir ein paar Seiten hinzufügen.

Interview: Johanna Adorján



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. Februar 2005
Bildmaterial: dpa/dpaweb, F.A.Z. - Christian Thiel, ZB

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