„Letters from Iwo Jima“

„Letters

Von Verena Lueken

Der Feind erhält Gesicht und Geschichte: Kazunari Ninomiya in “Letters From Iwo Jima“

Der Feind erhält Gesicht und Geschichte: Kazunari Ninomiya in "Letters From Iwo Jima"

21. Februar 2007 Kein Genre nimmt deutlicher Partei als der Kriegsfilm. Es ist nicht immer die Partei des Siegers, und es ist vor allem nicht immer die Seite der Sache, um die gekämpft wird. Aber es ist immer die eine Seite der Front. Die andere bleibt abstrakt, nebulös, gesichtslos oder plattes Klischee. Das muss so sein. Denn wenn ein Film uns etwas über die Wirklichkeit des Krieges erzählen will, darf er sich keine Ambivalenzen erlauben und darf im Feind nicht einen Menschen mit ganz persönlichen Qualitäten entdecken. Sonst würden aus Kriegern Mörder und aus Kriegsfilmen Splattermovies.

Clint Eastwood weiß das natürlich auch. Aber er wollte sich damit nicht abfinden, er wollte einen Kriegsfilm drehen und die beiden Seiten einer Schlacht zu ihrem Recht kommen lassen. Also tat er, was vor ihm noch kein Regisseur unternommen hatte, er drehte zwei Filme über denselben Kampf um die pazifische Vulkaninsel Iwo Jima im Februar 1945, einmal aus amerikanischer, einmal aus japanischer Perspektive. Im amerikanischen Teil, „Flags of Our Fathers“ (siehe auch: Video-Filmkritik: „Flags of Our Fathers“), führte Eastwood die Geschäfte vor, die mit dem berühmten Foto der Flaggenhisser auf dem Berg Suribachi gemacht wurden, er zerlegte das Heldenkonzept und zeigte, wie Männer zerbrechen, die für ihre Kameraden kämpfen, ohne sie immer retten zu können. Von den Japanern sah man nichts in diesem Film, außer einmal eine Höhle voller blutiger Körperfetzen, deren Geschichte im Dunkeln blieb.

Die Iwo-Jima-Filme verstärken einander

Mehr noch als in anderen Schlachten kämpften die Amerikaner auf Iwo Jima tatsächlich gegen einen unsichtbaren Feind. Unter ihrem General Tadamichi Kuribayashi legten die japanischen Soldaten ein kompliziertes Tunnel- und Höhlensystem in den Bergen an, von dem aus sie die Landung der in jeder Hinsicht übermächtigen Amerikaner am Strand beobachteten, bevor sie zu schießen begannen, ohne sich je zu zeigen. Sie starben, wenn Granaten ihre Höhlen zerrissen oder GIs ihre Flammenwerfer in die Eingänge hielten. Die Japaner wussten, dass sie einen aussichtslosen Kampf kämpften. Das kaiserliche Hauptquartier hatte mitgeteilt, dass es keine Unterstützung aus der Luft oder vom Wasser her schicken könne. Die Soldaten mussten in Ehren sterben - wenn nicht in der Schlacht, dann von eigener Hand, wie es der Tennõ befahl. Wir sehen diese Haltung, die einem Diktator dient und für keine Sache nütze ist außer einer fragwürdigen Tradition, in den Nebenfiguren. Doch selbst über sie lässt Eastwood uns nicht urteilen, das ist das Erstaunlichste an diesem Film.

Die Iwo-Jima-Filme sind zwei Teile eines Diptychons, sie verstärken einander. Es gibt symmetrische Szenen - wir sehen etwa in beiden Filmen von jeweils anderem Standpunkt aus Amerikaner mit ihrem Feuerwerfer in eine Höhle eindringen -, und Eastwood arbeitet hier wie dort mit denselben ästhetischen Mitteln, nahezu monochromen Bildern, aus denen die Farbe herausgebleicht ist, und konzentriert sich auf eine kleine Gruppe von Männern im Zentrum des Geschehens. In „Flags of Our Fathers“ sind das die Männer auf dem Foto. In „Letter from Iwo Jima“ der General Kuribayashi, Baron Takeichi Nishi, ein olympischer Reiter und Leutnant, ein Bäcker und ein Eliterekrut, der es nicht über sich brachte, einen Hund zu erschießen und deshalb statt Offizier Kanonenfutter wurde. Wie im ersten die amerikanischen Soldaten, so haben im zweiten die japanischen ein Gesicht, eine Persönlichkeit, private Sehnsüchte. Sie haben Angst, sie verzweifeln, sie wollen nicht sterben. Selbst der General, der kühl bleibt bis zum Ende, widersetzt sich dem kaiserlichen Befehl zur Selbsttötung in aussichtsloser Lage und führt ein Häuflein seiner Männer, das ebenfalls vor dem Selbstmord zurückschreckte, in einen letzten Angriff und den unvermeidlichen Tod.

Nur am Rande geht es auch um faschistische Verblendung

In „Flags of Our Fathers“ hieß es über die toten Kameraden der Überlebenden, sie seien „für ihr Land in den Krieg gezogen, aber für ihre Freunde gefallen“. Die Japaner zogen für den Kaiser in den Krieg, und nur für ihn starben sie auch. Es ist der einzige Einwand gegen Eastwoods nobles Unternehmen, dem Feind eine individuelle Geschichte und damit ein individuelles Wesen zu geben, dass er uns davon, von hysterischer Verzückung, faschistischer Verblendung, nur am Rande etwas zeigt. Im Zentrum seines Films stehen Figuren, die im Großen und Ganzen den Amerikanern nicht unähnlich sind. Der hochgewachsene Ken Watanabe, der ein wenig aussieht wie Gregory Peck und ebenso unangreifbar würdevoll auftritt, spielt den General Kuribayashi, der in den zwanziger und dreißiger Jahren als Militärattaché in den Vereinigten Staaten lebte und einiges an westlicher Lebensform adaptierte. Der olympische Reiter Baron Takeichi Nishi, gespielt von Tsuyoshi Ihara, gewann 1932 in Los Angeles eine Medaille und schloss Freundschaft mit Mary Pickford und Douglas Fairbanks, und er benimmt sich beinahe wie ein englischer Gentleman. Einem verwundeten Amerikaner erzählt er von seinen Treffen mit den Stars von Hollywood, was ein erstauntes Lächeln über das Gesicht des Sterbenden ziehen lässt.

Und so sehen wir etwas Entscheidendes in diesem Film nicht - aus gutem Grund, weil Eastwood ja alles tut, den gleichsam naturwüchsigen Propagandagehalt eines jeden Kriegsfilms in Schach zu halten: die Fremdheit. Sie wird nur kurz spürbar, wie etwa in jener Szene, in der sich eine Gruppe von Soldaten auf Befehl ihres Kommandanten im Kreis aufstellt und einer nach dem anderen eine Handgranate zieht, sie gegen den Stahlhelm schlägt und sich dann auf die Brust hält, die sie im nächsten Moment zerreißt. Hier wird der Todeskult sichtbar, die rigide Disziplin, Selbstaufgabe und Verleugnung des Einzelnen, gegen die Eastwood diesen Film setzt. Doch es ist eine Szene, die trotz ihres immensen emotionalen und rhetorischen Gehalts nicht im Zentrum von „Letters“ steht.

Es ist nichts Neues im modernen Kriegsfilm, gegen die Auslöschung jeder Persönlichkeit in den Armeen dieser Welt den Blick aufs Individuum zu richten, zu zeigen, dass Nationen kämpfen, aber der Einzelne stirbt. Neu ist, genau dies für einen Feind zu tun, der für keine gerechte Sache kämpfte und zu Ehren seines Kaisers starb.

Text: F.A.Z., 21.02.2007, Nr. 44 / Seite 33
Bildmaterial: Warner Bros./Cinetext

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