30. August 2008 Was es mit der Kunst auf sich hat, ob sie verlangt, dass sich das Leben ihr unterordnen sollte, ob es reicht, einen kreativen Impuls zu spüren und ihm zu folgen, auch wenn das Publikum damit nichts anfangen kann – das könnten heikle Fragen auf einem Filmfestival sein, das sich mehr der Kunst als dem Kommerz zugewandt fühlt. Takeshi Kitano stellt sie in seinem Wettbewerbsbeitrag Achilles und die Schildkröte“, der seine Trilogie zu Wesen und Wert der Kunst und des Künstlers abschließt. Und zwar anhand der Geschichte von Machisu, der in eine reiche Familie geboren wird und dessen Vater Kunst sammelt.
Machisu beginnt schon als Kind zu malen, alles, was sich ihm (oder dem er sich) in den Weg stellt, malt weiter, als die Familie verarmt und Selbstmorde die Verwandtschaft eliminieren, malt, wenn er Geld verdienen müsste, und so geht das weiter durch alle Epochen vom Impressionismus zum Action Painting, durch Ehe und Vaterschaft, ohne dass Machisu je seinen eigenen Stil finden würde. Nach einem zähen Anfang entwickelt sich das mit der Zeit zu einer Komödie über einen sturen Bock, der sich nicht ausreden lässt, ein Künstler zu sein. Obwohl er niemals ein Bild verkauft. Obwohl seine Tochter sich für ihn schämt. Obwohl schließlich auch seine Frau ihn verlässt, die jahrzehntelang an seiner Seite ebenfalls mit Farbe hantierte.
Porträt des Künstler als komischer Kauz
Das lässt sich verstehen als ironisches Selbstporträt des japanischen Regisseurs, der im letzten Teil, wenn aus dem Kind des ersten und dem jungen Mann des zweiten der mittelalte des dritten geworden ist, die Rolle des Künstlers übernimmt. Auch die Bilder, allesamt scheußlich, hat Takeshi Kitano selbst gemalt, und es gehört schon einiger Humor dazu, sie öffentlich vorzuzeigen. Die stets abweisende Kritik und die Vorschläge, wie es besser zu machen wäre, die ein Kunsthändler geduldig über die Jahrzehnte immer wieder anbringt, sind ebenso treffend, wie sie ziemlich genau den kritischen Jargon nachbuchstabieren, der so albern ist, dass das Kunstbemühen Machisus und sein treues Befolgen jeden Rats immer absurder wirken. Am Ende sind die Fragen des Anfangs nicht beantwortet, die Opfer und die Leben, die die Kunst forderte, haben sich getürmt, und zurück bleibt der Künstler ohne Publikum als komischer Kauz.
Nicht jeder Filmregisseur, der einen Beitrag in den Wettbewerb am Lido schickt, muss sich damit gemeint fühlen, und nicht jeder hat so viel Humor wie Kitano, was die eigene Arbeit angeht, auch wenn ihm in den langen ersten und zweiten Teilen der Blick für Proportionen abhandengekommen ist. Aber natürlich kann man von fast jedem Film sagen, dass er auch das Filmemachen selbst thematisiert.
Lust, Angst und Schmerz sollen zusammenfinden
Auf Barbet Schroeders merkwürdigen Geisha-Thriller Inju“ trifft das jedenfalls zu. Er beginnt mit einer Art Trompe-d’Œil, und die Stimmung eines japanischen Splatterfilms aus den Siebzigern, die er damit setzt, kehrt nach einem kurzen zweiten Einstieg wieder. Der französische Horrorautor Alex (Benoît Magimel) kommt nach Japan, um seinen jüngsten Bestseller vorzustellen, und hofft auf ein Zusammentreffen mit dem mysteriösen Shundei Oe, dessen Büchern er alles verdankt. Der Weg zu ihm führt über eine Geisha, und wenn man glaubt, wie es im Film heißt, dass die Geisha dazu da ist, ihren Kunden in ein Zwischenreich zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu führen, erklären sich vielleicht die logischen Krater in der Geschichte.
Lust, Angst und Schmerz sollen zusammenfinden, und indem Schroeder den naiven Franzosen sich immer tiefer in dieses fremde Reich verstricken lässt, das aber doch offenbar der Schauplatz seiner Bücher ist, versucht er an den Punkt vorzustoßen, an dem die drei schließlich eins werden. Was ihm nicht gelingt. Stattdessen wird gelacht – ganz schlecht in einem Film, der sich vornimmt, die Faszination am Genre, am Fetisch, an der Angst sich zu eigen zu machen.
Kim Basinger, leicht hysterisch und tief verwundet
Außerordentlich ehrgeizig ist auch Guillermo Arriaga, der als Autor der Drehbücher zu Alejandro González Inárritus Filmen bekannt wurde (Amores perros“, 21 Grams“, Babel“), in seinem ersten langen Spielfilm als Regisseur, The Burning Plain“. Die Geschichten von vier Personen oder Gruppen von Personen entfalten sich parallel, in verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten. Eine Frau (Charlize Theron) an der wilden Küste von Oregon, verzweifelt, selbstzerstörerisch. Ein Paar, beide anderweitig verheiratet, in großer Leidenschaft verbunden irgendwo in der Wüste von New Mexico. Zwei Männer und ein kleines Mädchen in den mexikanischen Hirseplantagen. Zwei Jugendliche, die Kinder des leidenschaftlichen Paares, die sich verlieben.
Lange Zeit entwickelt Arriaga die einzelnen Geschichten in kurzen Sequenzen, blickt in die so verschiedenen Landschaften, in die Wüste, über die Klippen ins Meer, deutet an, wendet sich anderen zu, kehrt zurück zu den Orten, in die Zeiten, nicht planlos, aber schweifend genug, um den Figuren und uns noch eine Freiheit zu lassen. Aber diese Haltung gibt er irgendwann auf und beginnt, die ganze Geschichte und wie sie zusammenhängt, auszubuchstabieren, bis alle Puzzleteile säuberlich vor uns liegen. Schade. Und schade auch, dass Kim Basinger (die Ehebrecherin) inzwischen offenbar nur noch Rollen bekommt, in denen sie leicht hysterisch und tief verwundet spielen muss. Offenbar fällt niemanden außer den Coen-Brüdern zu Frauen um die fünfzig etwas anderes ein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, Filmfestspiele Venedig