Von Nina Rehfeld, Phoenix
13. Oktober 2004 Es ist ein sonniger Morgen in der Vorstadt. Über allen Eigenheimen ist Ruh, man spürt kaum einen Hauch, still liegen die Straßen mit den gepflegten Gärten, es ist die Starre vor dem Sturm. Mary Alice Young macht die Betten, rückt die Sofakissen gerade, staubt das Büffet ab, setzt sich einen Revolver an die Schläfe, ganz akkurat, und - drückt ab. Ordentlich bis zum Schluß sinkt die Selbstmörderin nieder.
So beginnt der neue Quotenrenner des amerikanischen Fernsehens, das in dieser Saison eine neue Spezies von Serienhelden hervorbringt. Es sind keine Anwälte, keine Kriminalpolizisten, keine Forensiker, sondern - Hausfrauen. Verzweifelte Hausfrauen. Einundzwanzig Millionen Zuschauer haben sich am vorvergangenen Sonntag die Premiere von "Desperate Housewives" angesehen, das sind mehr, als beim Beginn der populären Serienableger "Joey" und "CSI. New York" einschalteten. Man darf es eine Sensation nennen.
Tödlich ist das Hausfrauendasein
Aus dem Jenseits kommentiert die dahingeschiedene Mary Alice (Brenda Strong), deren Tod nur der Anfang aller Verwerfungen ist, das Treiben ihrer überlebenden Freundinnen im schnieken Lattenzaun-Paradies der Wisteria Lane, die nicht zufällig wie "Hysteria Lane" klingt. Tödlich ist das Hausfrauendasein, das Mary Alice nicht mehr ertrug, für die Hinterbliebenen, sterbenslangweilig oder mörderisch anstrengend. Der Abwasch stapelt sich, der Gatte nervt, die Kinder kreischen. Die wahre Hölle, das sind die Nachbarn, das Fegefeuer der Eitelkeiten lodert hier in der Küche. Mißlungene Maccaroni oder ein Ehemann, der Familieninterna verbreitet, wachsen sich schnell zur gesellschaftlichen Katastrophe aus.
Lynette (herrlich überfordert: Felicity Huffman) ist eine gestreßte Mutter mit vier Kindern, sie hat der Familie eine vielversprechende Karriere geopfert. Als ihr Mann selbstlos vorschlägt, einen fünften Stammhalter zu haben, schlägt sie ihn nieder. Susan (schön trottelig: Teri Hatcher) ist geschieden und Mutter einer Zwölfjährigen, deren erbarmungslose Kommentare ihr unwürdiges Ringen um die Aufmerksamkeit eines neu zugezogenen Junggesellen nicht leichter machen.
Gärtner gegen die Langeweile
Bree (gnadenlos gebügelt: Marcia Cross) ist der Ausbund von Kontrolliertheit und häuslicher Perfektion. Als ihr Mann, dem die Verzweiflung ins Gesicht gemeißelt ist, die Scheidung verlangt, bringt Bree ihn - versehentlich? - fast ins Grab. Gabrielle (süß, aber berechnend: Eva Longoria), die vierte im Bunde der Verzweifelten, ist die Trophäe eines vermögenden Geschäftsmannes, sie vertreibt sich ihre einsamen Stunden ganz klassisch mit einem jugendlichen Gärtner.
Die Wisteria Lane könnte in vielen amerikanischen Städten liegen, in einem gepflegten Vorort am Rande des Wahnsinns, gepflastert mit dem schönen Schein einer heilen Welt. Sie bildet die Verbindungsstraße zwischen "American Beauty" und "Married...with Children". Der schrille Sarkasmus einer Peggy Bundy wohnt hier ebenso wie die mühsam übertünchte Hysterie von Annette Benings Carolyn Burnham. Diesen Hausfrauen in Serie zerspringt unter dem Druck des perfekten Vorstadtlebens der Kopf. Unter der auf Hochglanz polierten Oberfläche stauen sich Hysterie, Intrigen, Mordgelüste.
Schonungsloser Blick aufs Weibliche
Für einen derart schonungslosen Blick auf die holde Weiblichkeit der postfeministischen Ära braucht es freilich einen Mann. Seine eigene Mutter, sagt der Erfinder von "Desperate Housewives", Marc Cherry, habe ihm die Inspiration für die Serie verschafft, als sie den Fall einer Mutter und Mörderin ihrer fünf Kinder kommentierte: "Ja, an dem Punkt bin ich auch schon gewesen." Cherry, ein pummeliger Mittvierziger, der bereits Drehbücher für die Greisinnen-Comedy "Golden Girls" geschrieben hat, sagt, er mache sich mitnichten über das Vorstadtleben lustig: "Ich romantisiere es bloß nicht. Diese Dinge passieren wirklich."
Der Autor Cherry deutet die hehre Selbstbestimmtheit, die den Frauen des 21. Jahrhunderts versprochen schien, als grausamen Fluch: Es reicht längst nicht mehr, vorbildliche Mutter, treue Gattin und perfekte Hausfrau zu sein. Wer etwas gelten will in modernen Frauenkreisen, der - besser die - muß eine ganze Reihe von Rollen zugleich spielen, fantastisch aussehen, schlank sein und dabei immer schön locker lächeln, als sei's ein Klacks. Daß man dabei ständig die Kontrolle verliert, muß man natürlich geheimhalten. Um so schärfer ist der Blick auf die etwaigen Entgleisungen der anderen. Wehe, frau weicht von den strammen Standards der Perfektion ab.
Beschimpft als Rabenmutter
Als Lynette ihre anarchischen Rotzgören der Folgsamkeit halber zu schocken hofft, indem sie sie vorübergehend an der Straßenecke aussetzt, muß sie sich prompt als Rabenmutter beschimpfen lassen - von einer beleibten Nachbarin, die die armen Kleinen mit Keksen tröstet. Wen wundert's, daß Lynette wenig später den Polizisten, der einen Strafzettel zückt, weil ihre Kinder im Auto herumturnen, daß es als Verkehrsbehinderung durchgeht, derart anpflaumt, daß der erschrocken nach der Dienstwaffe tastet.
Die Herren der Schöpfung läßt der Buchautor Cherry, der "Desperate Housewives" ganz aus der Perspektive der Damen erzählt, weitgehend als Objekte weiblicher Manipulation auftreten. Auch wenn Gabrielle schon mal nachts im Abendkleid heimlich den Rasen mähen muß, um ihrem Gärtner-Lover, der ja mit anderem beschäftigt ist, die Anstellung zu erhalten. Sogar der attraktive, alleinstehende Mike, von Susan ebenso heftig umbuhlt wie von der männerfressenden Edie, macht allzu arglos gute Miene zu den angestrengten Intrigen der beiden. Der Gatte von Bree trägt nicht nur den Vornamen Rex, er hat auch zu gehorchen wie ein Hündchen.
Die beste Quote seit Jahren
Der Publikumserfolg von "Desperate Housewives" hat ABC das beste Einschaltergebnis seit 1996 beschert. Der zuletzt ziemlich lahme Sender hat den Erfolg bitter nötig. Auch am letzten Sonntag hat die neue Serie die Einschaltquoten-Hitliste angeführt und den seit langem unbestrittenen Quotenkönig, die Serie "CSI", auf die in Deutschland Vox abonniert ist, auf den zweiten Platz verwiesen.
Während sich der Senderchef von ABC, Steve McPherson, "angenehm überrascht" zeigt, dürften sich etliche seiner Kollegen schwarz ärgern. Marc Cherry hatte seine Idee nämlich CBS ("zu dunkel"), NBC ("zu spät"), Fox ("nicht unser Stil") und dem Bezahlsender HBO ("zu zahm") vorgetragen, die allesamt ablehnten. Ein berühmter Wahlkampfberater würde sagen: Es sind die Hausfrauen, ihr Idioten!
Der Abosender "Premiere" hat sich übrigens sogleich die Ausstrahlungsrechte an dieser Serie gesichert. Die erste Folge läuft in der Originalversion schon am morgigen Donnerstag um 19.15 Uhr auf Premiere 1 und um 20.15 Uhr auf Premiere 2.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2004, Nr. 239 / Seite 36
Bildmaterial: AP
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