Deutscher Fernsehpreis

Auf Selbstironie verfällt allein Thomas Gottschalk

Von Nils Minkmar

Preisgekrönt: Maybrit Illner

Preisgekrönt: Maybrit Illner

11. Oktober 2004 In Jean-Paul Sartres "Ekel" glaubt Anny, die Exfreundin des Protagonisten, zunächst daran, daß man "perfekte Momente" inszenieren könne. Mit der richtigen Beleuchtung, dem passenden Dekor könne die krasse, kalte Existenz in einen kurzen Zustand der Schwerelosigkeit und der Relevanz versetzt werden.

Aber im Laufe des Romans kommt auch sie zu der Einsicht, daß nicht einmal das Theater perfekte Momente herstellen kann: Die Zuschauer leiden unter der engen Bestuhlung und denken an etwas anderes, die Schauspieler leiden unter der Zugluft und sehen nichts als Holz und Pappmaché.

Das ist bis heute das Grundproblem jeder Gala, auch der Fernsehpreisverleihung: das Imago des goldenen, strahlenden, perfekten Abends muß mit der Realität einer Mehrzweckhalle in Köln-Ossendorf versöhnt werden. Aber weil alle Geladenen solche Profis sind, gibt es keine Bemerkungen über das lange Warten in den zugigen Gängen unter dem Gestell der Zuschauertribüne, über die Biederkeit des Bühnenbilds aus gefalteter Goldfolie oder schlicht über die Dauer der ganzen Veranstaltung.

Jeder bekommt einen Preis

Einer sagt es immerhin: Thomas Gottschalk. Schon in der Pre-pre-Show kommt er auf die Bühne, ganz in Weiß, und sagt, es seien so viele Preise zu verleihen, daß jeder im Saal einen bekommen werde, und stellt, mögliche Pannen und Verzögerungen im Ablauf der Gala befürchtend, schon zu Beginn des Abends fest: "Ich kann für überhaupt nichts was!" Seine Selbstironie ist ein Segen: Immer wieder fand er Anlaß, über die an diesem Abend demonstrierte Einigkeit der Branche zu spotten. Und sein Gespür für Timing ist nahezu perfekt: Wenn eine Dankesrede oder eine Laudatio zu lang oder umständlich geriet, sah man ihn am Bühnenrand auf und ab tigern, als würde ihm das körperlich Unbehagen bereiten.

Diese schnelle, ironische Moderation schuf eine gewisse Durchlässigkeit zwischen dem zeremoniellen Rahmen und den auszuzeichnenden Werken, das war auch nötig. Manchmal war er schon eigenartig, dieser Kontrast: die Stilmittel einer Gala - Preispate, Laudatio, Tusch, Lichteffekte -, und dann folgen kurze Einspieler etwa aus "Abschnitt 40" oder "Die Sitte", Beispiele einer télévision noire, in denen ein kaltes Licht auf eine dunkle Welt scheint. Das Fernsehen hat sich im letzten Jahr oft hinausgewagt in die Gegenwart, es gab kaum eine heile Welt zu sehen und nur sehr selten "perfekte Momente" - allen Urteilen über Trash-TV, eskapistischen Tendenzen und einer generellen Irrelevanz des Mediums zum Trotz.

„Dittsches“ wahres Leben prämiert

Die Jury hat dieses Suchen nach der Wirklichkeit mit den Mitteln des Fernsehens auf erstaunliche Art honoriert: Der Comedy-Preis beispielsweise ging nicht an ein herkömmliches Stand-up- oder Sketch-Format, sondern an Olli Dittrichs schwieriges, wegweisendes "Dittsche", wo das wirklich wahre Leben eines Arbeitslosen im Bademantel mit der Optik einer Überwachungskamera aufgezeichnet wird und Pointen eher rar sind.

Paradoxerweise gelang Olli Dittrich dann eine der virtuosesten Dankesreden, flott und fehlerfrei vorgetragen, ohne überflüssige Koketterie, die Namen derer, denen er danken wollte, hatte er sofort parat. Aber diese nahezu klassische Dankesrede war Gottschalk noch eine Idee zu lang, man merkte, wie er unruhig wurde.

Fast etwas zu schnell ging die Preisverleihung in der Kategorie Reportage über die Bühne. Die Arbeit an dem Film "In Gottes Namen: Die Rekruten des Heiligen Krieges" hat die Autoren in Lebensgefahr gebracht. Helmar Büchel etwa wurde in Pakistan, an der Grenze zu Afghanistan, von einem Lynchmob verfolgt, eine lange Nacht lang war es unklar, wie lange die überforderte lokale Polizeistation ihn und sein Team schützen würde. Die Aufnahmen, die während solcher Reisen für die Reportage entstanden, aus Koranschulen für Mädchen und von Eltern, die für ihre Kleinkinder den Opfertod wünschen, gehören zu den verstörendsten, die im letzten Jahr im Fernsehen gezeigt wurden. Nun stand er mit der Ko-Autorin Kerstin Mommsen auf der Bühne und blinzelte in die Scheinwerfer, es ist ein weiter Weg von den Mädchen-Madrassas des pakistanischen Berglands nach Köln-Ossendorf.

Die Jury hatte es schwer

In der wichtigsten Kategorie des besten Fernsehfilms standen, wie überhaupt bei den meisten der fünfundzwanzig zu vergebenden Preise, drei wirklich gleichwertige Arbeiten zur Auswahl: neben dem Gewinner "Stauffenberg" auch die verstörende "Quittung" und das epische "Wunder von Lengede". Daß die Jury es schwer gehabt hat, war in diesem Jahr keine Floskel. Der Laudator für diese Kategorie, Joachim Król, hat es immerhin fertig gebracht, bei den drei Filmen denselben Makel zu erkennen: Alle hätten sie auf seine Mitwirkung verzichtet.

Einige Entscheidungen wurden auch ganz einfach mit herzlicher Freude aufgenommen: Martina Gedeck erhielt den Preis als beste Schauspielerin und den längsten und wärmsten Applaus, wenn man von den Standing Ovations für den Ehrenpreisträger Udo Jürgens absieht. Ewig lang schien die Laudatio Joachim Fuchsbergers auf Udo Jürgens zu sein - Gottschalks Ruhelosigkeit erreichte ein schier verzweifeltes Tempo -, dann kam Udo Jürgens, ehrlich aufgewühlt, und schilderte seine Karriere als eine deutsche Fernsehkarriere: Bei der ersten Fernsehsendung sei er schon dabeigewesen, dann wieder bei der ersten Farbfernsehsendung und schon 1966 beim Eurovisions-Grand Prix.

Zwei vernünftige Menschen

Man merkt es daran, wie selbstverständlich er sich auf der Bühne bewegt und dort agiert, es ist wie bei Gottschalk: Da sind zwei, die sich im Fernsehen so geben und bewegen, als hätten sie das Medium erfunden und als hätte das Medium sie erfunden, vermutlich ist es einfach so. Es kommt noch etwas dazu: Daß die großen Stars einer Mediengesellschaft auch vernünftige, demokratisch und republikanisch gesinnte Menschen sind, ist ein kostbares Gut. Gottschalk und Udo Jürgens sind zwei Große, die über Jahrzehnte ihr extrem hohes Niveau gehalten haben, ihren Job und das Publikum respektieren und dabei keine Zyniker geworden sind, das ist ein Glück, nicht nur für das Fernsehen: für das Land.

Nach so viel Fernsehen schlägt auf der anschließenden Party irgendwann auch die Stunde des Glamour, das ist nicht immer dasselbe. Der bemerkenswerte Schauspieler Ole Puppe, der für RTL im "Abschnitt 40" ermittelt, entdeckte eine Meute von Fotojournalisten und Kameraleuten. Wem mochte das hysterische Medieninteresse gelten? Es war der fröhlich futternde Rainer Calmund, hochzufrieden. Vielleicht gibt es doch perfekte Momente auf Erden, für manche.

Unter den Preisträgern

Fernsehfilm/Mehrteiler: "Stauffenberg" (ARD)

Serie: "Abschnitt 40" (RTL)

Sitcom: "Berlin, Berlin" (ARD)

Comedy: "Dittsche - Das wirklich wahre Leben" (WDR)

Dokumentation: "Das Wunder von Bern - Die wahre Geschichte" (ZDF)

Reportage: "In Gottes Namen -Die Rekruten des Heiligen Krieges" (RTL)

Regie Fernsehfilm /Mehrteiler: Dominik Graf für "Kalter Frühling" (ZDF)

Buch Fernsehfilm/Mehrteiler: Detlef Michel für "Die Quittung" (ZDF)

Schauspieler Fernsehfilm: Ulrich Tukur für "Tatort: Das Böse" (ARD)

Schauspielerin Fernsehfilm: Martina Gedeck für "Hunger auf Leben" (ARD)

Schauspieler Nebenrolle: Jürgen Hentsch für "Im Schatten der Macht" (ARD)

Schauspielerin Nebenrolle: Gabriela Maria Schmeide für "Leben wäre schön" (ARD)

Schauspieler Serie: Henning Baum für "Mit Herz und Handschellen" (Sat.1)

Schauspielerin Serie: Iris Böhm für "Die Sitte" (RTL)

Kamera: Holly Fink für "Die Ärztin" (ZDF)

Schnitt: Dagmar Lichius für "Mein erstes Wunder" (SWR)

Ehrenpreis der Stifter: Udo Jürgens



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2004, Nr. 237 / Seite 34
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb

 
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