Von Heike Hupertz
26. März 2006 Wer ist Lulu? In Frank Wedekinds gleichnamigem, aus den Tragödien Der Erdgeist und Die Büchse der Pandora im nachhinein 1913 zusammengefügtem Fiebertraum eines an Lulu erkrankten Dichters (Karl Kraus) ist die Hauptfigur - den antibürgerlichen Erotikphantasien eines Peter Altenberg oder Otto Weininger entsprechend - die damals skandalprovozierend Weib genannte Synthese von Opfernatur und Raffinesse. Oder eher ein Amalgam aus deren Wesen und Idee. Von einer Seite betrachtet, ist sie die Projektionsmarionette der Männer in einer längst vergangenen Jahrhundertwendegesellschaft, die in ihren hervorragendsten Presseorganen vehement gegen die Unsittlichkeit wetterte und weiter hinten im Blatt ganz ungeniert Bordellanzeigen abzudrucken pflegte. Von einer anderen Seite ist Lulu der Ausdruck einer an der Psychoanalyse virulent erkrankten Zeit, die im ungebändigt Weiblichen das Prinzip der sinnlichen Unschuld und Amoralität feierte: Da das Halten wilder Tiere gesetzlich verboten ist und die Haustiere mir kein Vergnügen machen, so bleibe ich lieber unverheiratet, schrieb damals ein zeitdiagnostizierender Aphoristiker.
Für jede Schauspielerin und für jede Inszenierung war und ist die Allgestalt Lulus eine wahre Herausforderung, die allerdings in den meisten Fällen durch reduzierende Einschnürung der Figur in das Korsett irgendeiner zurichtenden Interpretation - eben nicht - gelöst wird. Zudem ist Frank Wedekinds Sprache schwierig: sperrig, vielschichtig, gedankenträchtig und unmittelbar zugleich. Jeder Regisseur, der seiner Protagonistin diesen Hochseilakt des Textes gegen aktuelle Gepflogenheiten unverändert und nur mit Kürzungen versehen zumutet, wie Uwe Janson es in seiner mitreißenden Theaterverfilmung unternimmt, die Arte heute abend ausstrahlt, der muß ihr zutrauen, sich mitten durch die zeitverhaftete Sprachkruste hinein ins zeitlos brodelnde Innere des Stücks zu spielen. Mit Jessica Schwarz hat Uwe Janson eine sowohl radikal moderne als auch radikal klassische Lulu gefunden. Eine ideale Besetzung, wenn es die für dieses Stück geben sollte. Gerade weil sie ihren Text zwar mit verinnerlichender Verve spricht, aber bisweilen selbst nicht recht zu begreifen scheint.
Ohne Natürlichkeitsschrullen
Sie ist das unschuldige Engelskind mit schwarzen Locken unterm Siebziger Jahre-Retro-Hippiekopftuch, das dem alten Strolch, ihrem angeblichen Vater Schigolch (Wolfgang Packhäuser), ganz selbstverständlich und ohne übertriebene Natürlichkeitsschrullen (noch einmal Kraus) in die Arme hüpft; sie ist eine Mignon, die ihre Vernichtung allein durch ihr Dasein provoziert, gerade weil sie nichts von ihm weiß. Sie ist auch das wild-erotische Tier, in dessen Antlitz sich die Kamera (Philipp Sichler) so sturzbetrunken verliebt, daß sie schwankt wie alle, die ihr nahekommen. Wie ihr Liebhaber Dr. Goll (Dietrich Hollinderbäumer), wie der Maler Schwarz (Alexander Scheer), mit dem Lulu im Atelier Haschmich über Tische und Bänke spielt, wie Dr. Schön (Sylvester Groth) und sein Sohn Alwa (Carlo Ljubek) und nicht zuletzt die unglückliche Gräfin Geschwitz (Esther Zimmering), die alle den Besitz Lulus umgehend mit Geld und ihrem Seelenfrieden und schließlich mit ihrem Leben bezahlen müssen. Bis Jack der Aufschlitzer (Matthias Schweighöfer, passend besetzt in der Rolle, die Frank Wedekind einst selbst spielte) dem wilden Spuk des Naturschauspiels sein Ende gibt.
Kongenial die Spiel- und Exekutionsstätte, die Lulus Aufstieg und Fall vor den Augen der Stützen der Gesellschaft ins Raumbildliche setzt (Szenenbild: Olaf Rehahn). Gedreht wurde an der Rezeption, in verlassenen Zimmern, klaustrophobisch engen Gängen und Kammern des legendären Cumberland-Hauses am Berliner Ku'damm, das als Hotel Tatar in der Auftakteinstellung erst einmal als gerahmtes Ölbild an der Hotelwand gezeigt wird - was zusammen mit dem selten gespielten Prolog des Tierbändigers sinnfällig die Gleichnishaftigkeit des Stückes unterstreicht. Theaterbesucher und jene, die es werden wollen, können sich heute in Erwartung eines großen Abends vor den Fernseher setzen.
Heute um 20.40 Uhr bei Arte.
Text: F.A.Z., 27.03.2006, Nr. 73 / Seite 44
Bildmaterial: ARTE
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