Berlinale

Alles auf Anfang

Von Michael Althen

11. Februar 2005 Wenn beim Eröffnungsempfang das Essen abgeräumt, das letzte Glas geleert und der Eröffnungsfilm vom Tisch ist, kann man leicht den Eindruck gewinnen, das Festival sei schon zu Ende, ehe es überhaupt angefangen hat.

Eröffnungsfilme wie „Man to Man“ sind scheinbar überhaupt nur dazu gut, schlimmste Befürchtungen zu bestätigen: ein paar große Namen, ein irgendwie ambitionierter Stoff, ein halbwegs bekannter Regisseur, und heraus kommt meistens ein Film, der es gut meint, aber alles falsch anpackt. So gesehen sind Eröffnungsfilme fast schon ein eigenes Genre: Renommierkino, das sich auf dem folgenden Empfang so leicht runterspülen läßt wie die Häppchen vom Buffet, das sich diesmal über alle Stockwerke des Berlinale-Palasts erstreckte.

Der Tod des Produzenten

Es waren so viele bekannte Gesichter in der Menge, daß man den Eindruck haben konnte, es seien alle da, die im deutschen Film Rang und Namen haben. Christina Weiss hatte die Berlinale eröffnet, Anke Engelke moderierte die Gala, nur Festivalchef Dieter Kosslick war mit dem Kopf woanders, weil er vom Selbstmord des befreundeten französischen Produzenten Humbert Balsan erfahren hatte - ausgerechnet jener Mann, der noch vor zwei Jahren eine Hommage an Daniel Toscan du Plantier organisiert hatte, der auf der Berlinale gestorben war.

Das trug noch zu jenem Eröffnungseffekt bei, der schon Ermüdungserscheinungen zeitigt, wenn eigentlich die Vorfreude am größten sein müßte. Statt dessen ist das Kommen oder Ausbleiben von Stars so ausgiebig diskutiert worden, daß ihre An- oder Abwesenheit kaum noch überrascht, und der Anteil von Hollywoodfilmen so oft durchgerechnet worden, daß Überraschungen fast schon ausgeschlossen sind.

Einer der schönsten Filme seit „Eissturm“

Fast scheint es so, als sei der Wettbewerb nur noch Formsache. Aber dann sitzt man am Morgen des ersten richtigen Festivaltages im Berlinale-Palast, wie auf Festivals üblich viel früher, als einem guttut, und kann es gar nicht fassen, was das Kino immer wieder für Überraschungen bereithält. Zum Beispiel einen amerikanischen Film wie „Thumbsucker“ von Mike Mills, der alles andere als Hollywoodkino ist, aber dafür einer der schönsten Filme übers Erwachsenwerden seit „Eissturm“.

Justin (Lou Taylor Pucci) ist siebzehn und - wie der Titel schon sagt - immer noch Daumenlutscher. Das ist vielleicht nicht sein einziges Problem, aber das einzige, an dem sein Vater etwa festmachen kann, daß mit ihm was nicht stimmt. Dabei leidet Justin einfach nur, woran Siebzehnjährige eben so leiden: an der Welt im allgemeinen und den Eltern im besonderen. Natürlich wollen seine Eltern (Tilda Swinton und Vincent d'Onofrio) nur sein Bestes, sind aber selbst so gefangen in ihrem Bemühen, mit dem Leben zurechtzukommen, daß alle immer haarscharf aneinander vorbeireden und das Gesagte nie das Gemeinte ist. Er sollte als Footballprofi Karriere machen und betreibt doch nur ein Sportartikelgeschäft, sie träumt sich aus ihrem Alltag fort in eine Begegnung mit einem Fernsehstar (Benjamin Bratt).

Eine surreale Welt

Nur selten gelingt es Filmen, beide Seiten als Gefangene ihrer Sehnsüchte und Ängste zu schildern, wie Planeten auf verschiedenen Umlaufbahnen, die doch um dasselbe kreisen, ohne es wirklich benennen zu können. So treibt Justin auf der Suche nach Halt durch eine manchmal surreale Welt, in der es alle immer gut meinen und versuchen, mit Hypnose, Psychopharmaka, Sex und Drogen der Daumenlutscherei beizukommen.

Mike Mills inszeniert die Odyssee des Jugendlichen mit jenem feinen Sinn fürs Absurde, welcher Wahrnehmung und Wirklichkeit trennt. Am Ende fällt der schönste Satz, als der Vater beim Abschied zum Sohn sagt: „Ich hatte mich doch gerade erst an dich gewöhnt.“ Das klingt hilflos und ist doch die ganze Wahrheit.

Mit „Man to Man“ wurde die Berlinale eröffnet, mit „Thumbsucker“ hat sie erst richtig begonnen.



Text: F.A.Z., 12.02.2005, Nr. 36 / Seite 36

 
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