Von Verena Lueken, Cannes
19. Mai 2008 Der Kurzfilmregisseur aus London, der sich an der Espressobar ein Schokoladentäfelchen nach dem anderen in den Mund schob, hatte keine Ahnung, warum im Festivalpalast und davor solch eine Aufregung herrschte, ein Gedränge wie an keinem anderen Tag, ein Geschubse, als hinge mehr davon ab als ein guter Platz in einer Pressekonferenz.
Auch in Cannes also gibt es Parallelwelten. In der offiziellen Festivalwelt gehörte der Tag Steven Spielberg, seinem Team und dem Film Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull. Sozusagen nichts außer der Besetzung war bisher an die Öffentlichkeit gelangt, und von der Weltpremiere in Cannes, die den weltweiten Start einläutet, hängt eigentlich nicht viel ab. Denn ob die Kritiker den Film mögen oder nicht, ist so wenig entscheidend wie vor einigen Jahren, als der Da Vinci Code hier in seltener Eintracht in den Boden gestampft wurde und dann 760 Millionen Dollar einspielte. Dennoch, neben dem sicheren Erfolg auch noch gepriesen zu werden, würde auch Spielberg gefallen.
Mitten im Kalten Krieg
Ob es dazu kommt, ist nicht ausgemacht. Den extremen Erwartungen könnte nur ein Meisterwerk entsprechen, und das ist der Kristallschädel nicht. Aber der Film macht von Anfang an sehr viel Spaß in seiner ein wenig gestrigen Anmutung, mit seinen sorgfältig gebauten Retrosets, seiner Selbstironie und den Zitaten aus den vorangegangenen drei Episoden, in denen Indiana Jones auf der Suche nach prähistorischen Objekten seine Abenteuer bestand. Jetzt sind seit seinem letzten fast zwanzig Jahre vergangen, wir befinden uns also etwa im Jahr 1957, mitten im Kalten Krieg, im Atomzeitalter, in der Ära der Better-Dead-Than-Red-Banner.
Entsprechend sind die Gegner, mit denen Indiana Jones es zu tun hat, die Russen, vor allem eine Russin, eine Wissenschaftlerin mit Erkenntnisdrang. Cate Blanchett spielt sie angemessen kalt, ihre bevorzugte Waffe ist ein Schwert, und nur knapp entgeht sie dem Schicksal einiger ihrer Männer, von Ameisen gefressen zu werden.
Altmodische Geschichte, altmodisch inszeniert
Man kann sich natürlich darüber mokieren, dass sich Motive aus den früheren Filmen wiederholen bis in Ähnlichkeiten einiger Szenen hinein; dass Spielberg Themen aus anderen seiner Filmen streift und am Ende sogar eine Art Begegnung der vierten Art zwischen Indiana Jones und den Außenirdischen zuwege bringt, dass er schon wieder eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt, dass er es auch hier nicht lassen kann und uns am Ende mit dem Bild einer glücklich vereinten Familie entlässt. Das alles ist so. Aber muss es wirklich anders sein, damit wir uns gut unterhalten?
Wer auf diesen Film gewartet hat, in dem Harrison Ford wieder den Hut aufsetzt, die Peitsche an den Gürtel hängt und auf die Suche nach einem geheimnisvollen Objekt geht, das zumindest in der Legende überirdische Kräfte hat, will einzig das - gute Unterhaltung. Und die kriegt er mit einer altmodischen Geschichte, die auch ein wenig altmodisch inszeniert ist, mit möglichst wenigen computergenerierten Bildern und Effekten, mit Stunts, die so aussehen, als hätte Harrison Ford sie tatsächlich bewältigt, mit ein bisschen zuviel Musik zwar, aber ohne allzu einfältigen Dialog.
Vielleicht hätte es hier und da ein wenig dichter und insgesamt etwas kürzer sein können. Der Film sei eine Feier fürs Kino, sagte Harrison Ford in der Pressekonferenz. Das ist richtig, wenn er damit diese eine Form des Kinos meinte, die mit kindlicher Freude am Unwahrscheinlichen einen Vater so gefährliche Abenteuer bestehen lässt, wie es sich jeder echte Sohn wünscht.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS
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