Von Michael Althen
23. Februar 2007 Ganz gleich, wie die Academy Sonntagnacht bei den Oscars entscheidet, dies ist das Jahr der Mexikaner. Alejandro Gonzáles Iñarritus Babel ist siebenmal nominiert und hat gute Chancen auf den besten Film; Alfonso Cuaróns Children of Men hat nicht ganz die Beachtung bekommen, die er verdient hätte, aber für einen Kamera-Oscar wird es bei drei Nominierungen wohl reichen; und Guillermo del Toros Film Pans Labyrinth geht zwar für Spanien ins Rennen, bringt es aber in den sogenannten technischen Kategorien auf fünf weitere Nominierungen, obwohl er nur fünfzehn Millionen Euro gekostet hat. Und das hat er vor allem der überbordende Phantasie seines Regisseurs zu verdanken - und dessen Entschlossenheit, zum ersten Mal keine Kompromisse einzugehen. Und sei es um den Preis der eigenen Gage.
Den Fans des Horror- und Fantasy-Genres ist del Toro schon seit längerem bekannt als Mann, der im Einerlei von Blut und Gewalt immer wieder ungewöhnliche Poesie und enorm nachhaltige Bilder entdeckt. Der Dreiundvierzigjährige ist Mexikaner durch und durch, und das bedeutet auch, dass der Tod in seinem Werk eine andere Schwerkraft besitzt als anderswo. Vielleicht liegt das daran, dass er früher neben einem Leichenschauhaus gearbeitet hat und sein Heimweg an den Toten vorbeiführte. Aber auch sonst ist die Gewalt in seinem Leben durch die mexikanische Realität präsenter als bei anderen, weil ihm selbst schon mal eine Pistole an die Schläfe gehalten wurde und sein Vater entführt und 72 Tage festgehalten worden war, während del Toro in Hollywood an dem Insekten-Horrorfilm Mimic arbeitete.
Schmerz und Schönheit
Man kann das seinen Filmen ansehen, weil die Art und Weise, wie sie von der Gewalt erzählen, von einer schmerzhaften Eindringlichkeit ist, die nichts mit den virtuellen Spiegelfechtereien des Genres zu tun hat. In Pans Labyrinth etwa sieht man, wie dem bösen Franco-Offizier erst mit einem Messer der Mundwinkel aufgeschnitten wird und wie er dann den Schnitt mit Nadel und Faden vor dem Spiegel selbst wieder zunäht. Das Wunder aber ist, dass all dies im Dienste einer Geschichte steht, welche die Genregrenzen von Horror oder Fantasy weit hinter sich lässt, denn es geht ums faschistische Spanien im Kriegsjahr 1944, um Schmerz und Schönheit, Schuld und Erlösung, Reinheit und Sünde.
Man sieht dem Film an, dass sich del Toro im Kino auskennt wie wenige andere. Es heißt von dem Regisseur, er habe nicht nur ein Buch über Hitchcock geschrieben, sondern auch ein fotografisches Gedächtnis, und es wird erzählt, nach Texas Chainsaw Massacre sei er Vegetarier geworden, aber nur vier Jahre lang. Man könnte daraus schließen, dass er eine erhöhte Sensibilität für die Macht der Bilder hat und sich weigert, sie auf die leichte Schulter zu nehmen.
Ein Korb für Harry Potter
Er hatte deshalb auch kein Interesse daran, die Regie von Harry Potter und der Gefangene von Azkaban zu übernehmen (das tat sein Kumpel Cuarón), und als man wegen der Chroniken von Narnia bei ihm anfragte, meinte er nur, warum sollte er von der Auferstehung eines Löwen erzählen wollen. Stattdessen pendelt er lieber zwischen größeren Projekten wie Blade II und Hellboy und persönlicheren Arbeiten wie Cronos, The Devil's Backbone oder eben Pans Labyrinth.
El Laberinto del Fauno, so der (Originaltitel), erzählt von dem Mädchen Ofelia (Ivana Baquero), das mit der schwangeren Mutter zum bösen Stiefvater (Sergi Lopez) reist, der als Offizier des Franco-Regimes in Nordspanien gegen die Rebellen kämpft. Weil sich Ofelia weigert, die neuen Lebensumstände der Mutter zu akzeptieren, vergräbt sie sich in ihre Bücher und die Geschichten von Faunen und Feen und Prinzessinnen aus untergegangenen Märchenreichen, die unerlöst auf Erden wandeln.
So wird die Realität des Faschismus quasi durchlöchert und untertunnelt von einer Phantasiewelt, die einerseits als Gegenentwurf zur bedrückenden Situation über der Erde Fluchtmöglichkeiten bietet, aber andererseits die Schrecken des Spanien von 1944 in neue Albtraumbilder ummünzt, die der märchenhaften Imagination des Mädchens mehr entsprechen: eine fette Kröte, die unter einem Baum haust und sich von Schaben nährt; ein zwielichtiger Faun, der den verschiedenen Männerfiguren einen Spiegel vorzuhalten scheint; Feen, die sich als Gottesanbeterinnen verpuppen; eine Alraune, die als Ungeborenes in einer Schale Milch strampelt; ein Buch, dessen Seiten sich mit Blut füllen; oder ein bleicher Knochenmann, der seine Augäpfel wie Stigmata in den Handflächen trägt. All diese Bilder aus Pop, Poesie und Passion wirken wie nie gesehen und scheinen einer Einbildungskraft zu entspringen, die ihre Heimat eben doch nur weit jenseits von Hollywood haben kann. Auch wenn Mexiko gleich hinter der Grenze liegt.
Text: F.A.Z., 24.02.2007, Nr. 47 / Seite 35
Bildmaterial: Senator/Cinetext
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