Kino

Der Gedächtniskünstler: Woody Allen wird siebzig

Von Patrick Bahners

01. Dezember 2005 Das letzte Kapitel des „Leoparden“ hat Visconti nicht verfilmt. Mich hatte dieses Kapitel des Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusa besonders beeindruckt, die mit falschen Reliquien angefüllte Hauskapelle der Töchter des Fürsten von Salina und das Schlafzimmer, in dem die greise Concetta die Aussteuer verwahrt, die sie nie gebraucht hat, „eine Hölle mumifizierter Erinnerungen“.

Die Meinung, es werde in wunderbar unheimlicher Weise deutlich, wie die tote Hand der Vergangenheit die drei Schwestern im Griff hat, trug mir einen Tadel meiner Deutschlehrerin ein. Das ausdrückliche Symbol sei doch trivial. Ich hatte nicht verstanden, daß der ganze Roman ein Museum der Erinnerungen ist.

Jahr für Jahr ein Meisterwerk

Woody Allen war drei Jahre alt, als er seinen ersten Film sah, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Meine Schul- und Studienzeit fiel zusammen mit der klassischen Periode von Woody Allens Schaffen, als er Jahr für Jahr ein Meisterwerk herausbrachte, vom „Stadtneurotiker“ bis zu dem Film, der für mich den Höhepunkt seines Werkes markiert, „Crimes and Misdemeanors“, einprägsam, aber einseitig interpretierend übersetzt als „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“.

In diesem Film spielt Woody Allen der von ihm umworbenen Mia Farrow „Singin' in the Rain“ vor. Sie sitzen im Dunkel vor dem Heimkinoschirm, der sein Licht auf ihre Gesichter wirft, und der Ausdruck des Glücks in ihren Mienen ist von Trauer nicht zu unterscheiden. Woody Allens siebzigster Geburtstag an diesem Donnerstag legt die Frage nahe, ob seine Filme in unserem Leben die verklärende Kraft entfalten, die das alte Hollywood-Kino in seinem Werk besitzt.

Filmpalast und Kellerkino

Ich meine mich zu erinnern, wo ich welchen Film von Woody Allen zum erstenmal gesehen habe. „The Purple Rose of Cairo“ verbinde ich mit dem geräumigen Saal, der wenigstens eine Ahnung davon gab, warum man früher von Filmpalästen gesprochen hatte, und „Eine andere Frau“ mit Gena Rowlands als der Philosophieprofessorin, die durch einen Luftschacht die Konfession einer Schwangeren hört, in der sie ihr jüngeres Selbst wiedererkennt, war im Kellerkino am richtigen Ort. Läßt die digitale Videoscheibe heute die Intimität der verzaubernden Wiederbegegnung noch zu?

Als Dokumentarfilmer in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ hütet Woody Allen einen Schatz von Silberdosen. Mit seiner Nichte besucht er Nachmittagsvorstellungen. Nicht alles ist jederzeit verfügbar und nicht jedermann. Es war das Zeitalter der Telefonzellen. In „Mach's noch einmal, Sam“ gibt es einen Running-Gag, über den ich mich jedesmal wieder totlachen kann. Wenn Tony Roberts ein Restaurant oder eine Wohnung betritt, tätigt er einen Anruf, um mitzuteilen: „Ich bin jetzt nicht mehr unter 317564, sondern unter 869313.“ Er wird natürlich nie zurückgerufen. Das metaphysische Thema der Verlorenheit des Individuums hat eine technische Seite, die seit der Erfindung des Handtelefons Geschichte ist.

Tieftraurig und urkomisch

In „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ benutzt Mia Farrow schon ein noch recht klobiges Funktelefon. Woody Allen muß dagegen zu einem Münzfernsprecher gehen, um seinen Antwortdienst anzurufen. Dort können Nachrichten für ihn aufgenommen werden. Nie ist etwas für ihn hinterlassen worden - bis ihm ausgerichtet wird, daß der uralte Philosoph, der über die Sinngebung des Sinnlosen dozierte und diese Lehre als Held einer biographischen Langzeitdokumentation beglaubigen sollte, sich umgebracht hat.

Ein tieftrauriger und urkomischer Moment. Er widerlegt die Komödientheorie, mit der Alan Alda als erfolgreicher Fernsehproduzent seinem Filmschwager Woody Allen auf die Nerven fällt: „Komödie ist Tragödie plus Zeit. Wenn es sich biegt, ist es lustig. Wenn es zerbricht, nicht.“ Der Bruch ist lustig: daß die tragische Nachricht dem Empfänger ohne die sanfte Vermittlung der Zeit die Illusion nimmt, er habe schon ein Leben ohne alle Illusionen geführt, habe der Lieblosigkeit des Universums doch ins Auge gesehen, als er sie mit gutem Willen zu überwinden trachtete.

Kunst ohne Worte und Gesten

Woody Allens Methode ist Situationskomik im existentialistischen Sinn: Wir lachen über eine Peinlichkeit, die an den Tag bringt, daß wir das Unglück nur vermehren, wenn wir uns aus unserer Lage befreien wollen. Die distanzierende Macht der Abstraktion demonstriert in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ die Kunst, die ohne Worte und Gesten auskommt. Als der Mörder sich auf den Weg macht, um Anjelica Huston zu beseitigen, die Geliebte des von Martin Landau gespielten Augenarztes, erklingt der erste Satz von Schuberts Streichquartett in G-Dur D 887, Allegro molto moderato.

Ich kann das Stück nicht mehr hören, ohne an die Mordgeschichte zu denken, die Woody Allen es erzählen läßt. Es ist die Geschichte, wie sie sich im Kopf des Plattensammlers ausmalt, der nicht sehen will, was er tut: Sehr moderat setzt das Schreckliche Schritt vor Schritt, aber insgesamt rasch; alle pathetischen Einwürfe und dramatischen Pausen sind nur Momente eines unausweichlichen Verlaufs. Nicht eine Totenklage hören wir, während das Opfer noch lebt; das Gewissen ist es, das seine Zerrissenheit auskostet, die sich im vorweggenommenen Rückblick als eine Art von Schönheit darstellt.

Die Räume der Vergangenheit

Der Ophtalmologe ist nicht blind für die Moral. Ihm ist ein inneres Auge gegeben, das ihn an den Schauplatz seiner Kindheit zurückführt. Beim Festtagsessen im Familienkreis hört und sieht er wieder, wie der Vater ihm sagt, daß Gott nichts übersieht. Die Rückblende, über der kein Grauschleier liegt, der das Tagtraumbild als Phantasieprodukt auswiese, ist Woody Allens charakteristisches Mittel. Es gibt einen Trost dafür, daß die Zeit keine Linderung schafft: Als existierte die Zeit gar nicht, betreten die Figuren im wörtlichsten Sinne die Räume ihrer Vergangenheit.

Eine konstruktivistische Psychologie müßte sich „Eine andere Frau“ radikaler wünschen. Warum bekommt Gena Rowlands die Patientin des Psychoanalytikers, deren Stimme die Krypta ihres Unterbewußtseins öffnet, überhaupt zu sehen? Und wieso ist zur Selbsterkenntnis der Umweg über die Identifikation mit der anderen nötig, wenn die Kennerin des deutschen Idealismus bei einem Besuch in ihrem Elternhaus mühelos die Schwelle zu ihrer Kindheitswelt überschreitet? Es erstaunt sie, daß ihr Vater, ebenfalls Professor, in einer anderen Fakultät, nicht im Haus behalten will, was ihn an seine verstorbene Frau erinnert. „Es gibt Zeiten, da selbst ein Historiker nicht in die Vergangenheit schauen sollte.“

Verspielte Schwächlinge

Das Bestreiten dieses Satzes ist Woody Allens ursprünglicher Einfall. Seine Filme haben sich in unsere Erinnerung eingesponnen, weil die Erinnerung ihr Stoff ist. Dem Avantgardismus der Vitalität in der Kunst wie im Leben halten sie eine Apologie der Nostalgie entgegen, die witzigerweise die schlimmsten Vorurteile der Verächter der Geschichte bestätigt: Die historische Betrachtung bringt verspielte Schwächlinge hervor, die für die Praxis verloren sind. „Manhattan“, der Film, in dem Woody Allens Motivwelt ihre gültige Gestalt annimmt, erscheint verblüffend früh in der Reihe der Hauptwerke. Er ist hier ein Mann, der mit Anfang vierzig glaubt, daß sein Leben hinter ihm liegt. „Innenleben“ und „September“, die beiden umstrittenen unkomischen Filme, haben Hauptfiguren, die in dem Wahn gefangen sind, ihnen sei eine kreative Zukunft bestimmt.

Tragische Dinge in versöhnlicher Rückschau: auch eine gängige Definition der Geschichte. In Oxford saß ich einmal beim Abendessen neben einem Mathematiker, der sich nach meinem Spezialgebiet erkundigte. Als ich die Geschichte der Geschichtsschreibung nannte, gab er seiner Verachtung Ausdruck. Historiker, die über Historiker schreiben, erinnerten ihn immer an Komiker, die Komiker imitieren. Es war eine Demütigung, nicht schlagfertig erwidern zu können.

In einer Rückblende von „Hannah und ihre Schwestern“ antwortet Woody Allen auf Mia Farrows Frage, ob er vielleicht durch autoerotische Verausgabung dafür gesorgt habe, daß er keine Kinder bekommen habe, mit der Aufforderung, sie solle nicht immer auf seinen Hobbys herumhacken. So verteidigt jeder Film Woody Allens die historische Welteinstellung gegen den Vorwurf der Unfruchtbarkeit.



Text: F.A.Z., 01.12.2005, Nr. 280 / Seite 41
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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