21. April 2004 Die junge Frau ist hübsch auf eine altmodische Art, und sie bewegt sich wie eine, die weiß, was sie will. Sie setzt sich dem älteren Mann gegenüber und schaut ihn unverwandt an. Mehr noch als ihre Worte sagt ihr Blick, daß sie sich nicht einschüchtern, nicht abwimmeln lassen wird, bevor er ihr gibt, was sie will. Doch der erfolgreiche Komponist Hermann Gebirtig, gespielt von Peter Simonischek, hält dem Blick der Besucherin aus der "Vergessenshauptstadt" Wien stand. "Glauben Sie, mich beeindruckt das, wenn Sie mich anstarren?"
Es muß ihn gar nicht beeindrucken. Die Vergangenheit, jene, von der es immer heißt, daß sie nicht vergeht, hat auch ihn eingeholt, und so entspricht er schließlich doch dem Wunsch der forschen Journalistin Susanne Ressel (Ruth Riese) und reist nach Wien, um als Kronzeuge im Prozeß gegen den überlebenden KZ-Wächter Pointner, den "Schädelknacker von Ebensee", auszusagen. Susanne hat persönliche Gründe für ihren hartnäckigen Kampf um dessen späte Verurteilung: Pointner hatte im Konzentrationslager auch ihren Vater gequält. Als dieser seinen ehemaligen Peiniger eines Tages in einem Kaffeehaus wiedererkennt, erleidet er einen Herzinfarkt. Gebirtig ist der einzige, der ihn identifizieren und gegen ihn aussagen kann.
Doch in diesem Wien des Jahres 1987 wird nicht nur Hermann Gebirtig mit Bildern seiner Kindheit, mit der Erinnerung an die Deportation und Ermordung der Eltern konfrontiert. Im gespenstischen Wien der Ära Waldheim scheint es vielmehr kaum einen zu geben, dem die Vergangenheit in Form von Stimmen und Geistern nicht auf den Fersen ist. Der Kabarettist Danny Demant (August Zirner), der mit seinem Programm "Mischpoche" den Getöteten hinterherspielt, beschreibt dieses Lebens-Ungefühl zu Beginn zwar lapidar als "skandalöses Verhältnis zur Zukunft", doch was ihn und seine Altersgenossen traumatisiert, ist die verdrängte Vergangenheit, die sie daran hindert, langfristige Bindungen einzugehen, Freundschaften zu schließen, Entscheidungen zu treffen.
Das gilt für Juden und Nichtjuden, für Männer und Frauen, das gilt für Danny und Susanne, die er gleich zu Beginn des Films gegen die Ärztin Christiane eintauscht, das gilt für Hermann Gebirtig, und das gilt für Konrad Sachs, dessen Vater im Konzentrationslager als Arzt tätig war. Die Skrupel, die der Vater nicht kannte, verfolgen den Sohn, auch wenn er auf einer Insel wohnt und seiner Frau nie davon erzählt hat.
Ähnlich wie die Romanvorlage von Robert Schindel wartet auch der Film "Gebürtig", bei dem der Autor zusammen mit Lukas Stepanik Regie führte, zunächst mit verwirrend vielen Personen, Lebensläufen und Handlungssträngen auf, die nebeneinanderher laufen und sich gelegentlich unvermittelt kreuzen, bevor sie am Ende in unterschiedliche Richtungen abbiegen. In Wien werden Statisten für eine amerikanische Filmproduktion gesucht, die im Konzentrationslager spielt. In einer der vielen beiläufigen Szenen, die den Film auszeichnen, murmelt ein Alter, den eine Assistentin barsch davonwedelt, weil er nicht jüdisch genug aussehe: "Für'n Hitler war ich jüdisch genug." Danny - "Now that's what I call Jewish", lobt die Assistentin - wird als Komparse engagiert. Am Drehort trifft er den Hamburger Journalisten Konrad Sachs (Daniel Olbrychski), der daraufhin Büroverpflichtungen und Frau hintanstellt, um in Wien dem Prozeß gegen Pointner beizuwohnen. Er hofft, die Begegnung mit Danny, Susanne und Gebirtig, das Zusammensein mit Opferkindern, könne ihm helfen, mit den eigenen Erinnerungen fertig zu werden, eine Art Vergebung zu erlangen. Tragen sie nicht wie er die Last der Erinnerung? Sachs wird freundlich, geradezu fürsorglich in den disparaten Kreis der Unbehausten aufgenommen. Doch daß die Erlösung nicht allein in der Erinnerung wohnt, muß jeder für sich herausfinden.
Es ist diese Kindergeneration, der sich Robert Schindel in seinem 1992 erschienenen Romandebüt widmete; jene Generation, deren Blick der Lyriker, der jüngst seinen sechzigsten Geburtstag feierte, selbst teilt. Für "Gebürtig" fand Schindel eine hochpoetische, sinnliche Sprache, die mit Witz und Pathos geradezu mühelos die Bürde seiner Geschichte schulterte. Der Autor blieb dabei nicht nur hautnah an der Realität, sondern auch an der ganz persönlichen Wahrheit jener Täter- und Opferkinder, deren Erfahrungen ihm als Vorbild dienten.
Für den Film wurde nun die im Buch schier erdrückende Figurenvielfalt zurückgenommen, die Handlung geradliniger gezeichnet. Die Sprache jedoch wollte man in den Dialogen beibehalten, was nicht immer geglückt ist; gerade aufgrund der Verkürzung von Szenen wirken manche Gespräche - trotz der bemerkenswerten Schauspieler - sehr abrupt. Wie der Roman versteht es jedoch auch der Film, das Schmerzliche aufblitzen zu lassen, ohne es auszukosten, sich der Vergangenheit zu widmen, ohne sich ihr zu beugen, und so ein Hauptanliegen des Buchs in Bilder zu fassen. Die Buße der Überlebenden sei noch nicht vollendet, stellen Demant und Sachs fest. Ihr trotzig-lustvolles Weiterleben ist es auch nicht.