29. September 2007 Shilpa Shetty lässt sich Zeit. Langsam, sehr langsam schreitet sie durch den Hof vor dem Admiralspalast in Berlin, gleich gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße. Sie trägt schwarze Leggins und Stulpen an den Waden, hält die Hände in den Jackentaschen und hat ihre Haare zu einem lockeren Dutt zusammengerollt. Kurz vor dem Interview wird sie sie aufmachen. Sie wird durch die Vorhalle des Theaters gehen wie jemand, der es gewohnt ist, dass er die Blicke auf sich zieht, und wie jemand, der das auch aushält. Sie wird etwas gelangweilt lächeln und sagen: Hello, I am Shilpa.“
Ein angenehmer Händedruck, und sie erzählt, wie schön sie Berlin findet. Wie toll man hier shoppen kann. Sie ist das erste Mal hier, es ist der Ort, den sie ausgesucht hat, um ihr Musical zu starten. Es heißt Miss Bollywood“, und die 31 Jahre alte Inderin spielt die Hauptrolle. Sie spielt Maya, eine junge Choreographin, die im Jahr 2010 in East London aus ihrem Haus und ihrer Tanzschule vertrieben werden soll, weil das Gelände für die Olympischen Spiele gebraucht wird. Maya kämpft also. Für ihren Traum von Bollywood, gegen Intrigen und Eifersüchteleien, gegen Frauen und Männer. Shilpa Shetty möchte nicht verraten, wie es ausgeht, aber man darf es sich ruhig schön denken. Schön und bunt, wie Bollywood eben so ist. Es wird getanzt und gesungen, wenn auch nur Playback. Das Tempo ist hoch, die Sequenzen der verschiedenen Tanzstile, vom indischen Bharatanatyam-Tanz über Jazz und Ballett, sind es ebenfalls, und die Musik kommt aus der Konserve.
Fremdsprachen, Baseball, Karate
Es ist das erste Mal, dass Shilpa Shetty auf der Bühne steht. Sie hat zwar in Bollywood, der indischen Kino-Traumfabrik, in mehr als 50 Filmen mitgewirkt, aber noch nie live vor Publikum geschauspielert. Dass sie sich für ihr Debüt ausgerechnet ein Stück ausgesucht hat, das thematisch ihrer eigenen Geschichte sehr ähnelt, ist ihr dabei noch gar nicht aufgefallen. Das sei purer Zufall, sagt sie, und doch: Ja, Maya ist Shilpa sehr ähnlich. Sie ist sehr anständig, sie liebt den Tanz und Bollywood. Aber ich bin Schauspielerin, und Maya versucht nur ,to make it big‘“. Dabei muss Maya viele Hindernisse überwinden, ich aber habe viel Erfolg.“
Shilpa Shetty stammt aus Bombay. Sie hat in Chembur ein Mädchen-College besucht, spricht neben sechs indischen Sprachen auch Englisch und Französisch, war in der Schule Kapitänin der Baseball-Mannschaft und hat einen grünen Gürtel in Karate. Einer ihrer Spitznamen ist Silly Pooh“.
Als Opfer von Rassismus bekannt
In Indien ist sie längst ein Star. In Europa wurde sie aber erst zu Beginn dieses Jahres bekannt, als sie in Großbritannien drei Wochen lang in den Container von Celebrity Big Brother“ einzog. Einige ihrer Mitbewohner haben sich dann dort zusammengerottet, um sich über die Inderin Shetty lustig zu machen. Man bekrittelte das Hühnchengericht, das sie servierte, äußerte Zweifel an ihrer Hygiene und riet ihr, in die Slums zurückzukehren, aus denen sie stamme. In Indien gingen ein paar Menschen daraufhin auf die Straße. Es kam zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Großbritannien und seiner ehemaligen Kolonie. Premierminister Tony Blair sah sich genötigt, im Unterhaus die als rassistisch empfundenen Äußerungen zu verurteilen, und bei dem ausstrahlenden Sender Channel 4 gingen Zehntausende Beschwerdebriefe ein.
Allerdings schnellte nach den ersten Schmähungen auch die Einschaltquote in die Höhe. Und Shilpa Shettys Name war in Großbritannien plötzlich in aller Munde, sie zierte die Titelseiten diverser Promi-Magazine, und selbst die Königin wollte sie bei ihrer Garden Party dabei haben.
Ein Kuss zur falschen Zeit
Heute sagt sie, sie sei überrascht gewesen von den hohen Wellen, die ihr Aufenthalt im Big-Brother-Haus geschlagen habe. Vieles von dem, was die Zuschauer gesehen und gehört haben, ist hinter meinem Rücken geschehen.“ In dem Haus habe es sich für sie weniger schlimm angefühlt, als es draußen wahrgenommen wurde. Sie glaubt auch nach wie vor nicht, dass die Bemerkungen der anderen Bewohner rassistisch motiviert waren. Ich glaube, das sind einfach unsichere und eifersüchtige Mädchen gewesen, ,it was girls who are very insecure, very inherent and jealous‘.“ Trotzdem ist sie froh über die Rassismus-Debatte, die der Skandal in England hervorgerufen hat. Jeder konnte sehen, wie schlimm es ist, wenn jemand schlecht behandelt wird. Und diejenigen, die darunter leiden, reden jetzt vielleicht darüber.“
Geredet wurde danach vor allem über sie. Und zwar noch mehr, als sie sich im April in Indien auf offener Bühne von Richard Gere auf die Wange küssen ließ. Da drehte sich in ihrer Heimat auf einmal der Wind, und man warf ihr vor, die indischen Sitten zu verletzen. Shilpa Shetty rauft sich die Haare, wenn sie heute davon hört. Sie habe die Sitten nicht verletzt, und überhaupt solle man die Leute, die das behaupten, nicht so wichtig nehmen.
Nicht ohne meine Schminke
Es ist dennoch so, dass es vor allem diese beiden Situationen waren, die ihr Aufmerksamkeit einbrachten, nicht nur in England. Sie weiß das. Sie weiß, dass sie ein gutes Aschenputtel abgibt, auch hierzulande. Shilpa Shetty, die Schöne und die Biester“, war zu lesen. Es hieß, sie sei so schön, dass sich mancher Kommentator hinreißen ließ und befreit von jedwedem Urteilsvermögen von Shilpa Shetty schwärmte.
Also, ist sie schön? Sie selbst sagt, auf einer Schönheits-Skala von eins bis zehn würde sie sich sieben Punkte geben. Sie sagt auch, in ihrem Geschäft seien Talent und Glück wichtiger als Schönheit. Außerdem liege Schönheit im Auge des Betrachters, wobei sie eine sehr genaue Vorstellung davon hat, wie der Betrachter sie sehen soll. Vor allen Dingen: nicht ungeschminkt. Zumindest nicht ungeschminkt, so wie sie es versteht. Denn in Berlin trägt Shilpa Shetty Mascara, und sie hat sich auch die Augenbrauen nachgezogen, aber sie sagt, dergestalt könne man sie nicht fotografieren. Und weil niemand aus ihrer Entourage im Admiralspalast gerade Schminke zur Hand hat, muss der gesamte Tross mitsamt dem Fotografen zurück ins Hotel an den Potsdamer Platz. Aber Shilpa, du bist doch viel schöner als jede andere von uns“, hatte ihr vorher noch eine Dame zugeraunt. Aber Shilpa hat geantwortet: Ihr habt mich noch nicht geschminkt gesehen.“
Sie hat das große Rad im Blick
Shilpa Shetty hat das große Rad im Blick, das sie gerne drehen möchte. Nach Indien will sie Europa erobern, und dieses Musical in Deutschland ist ein erster Test. Wenn es gut läuft, werde sie vielleicht noch in den Niederlanden und Spanien auf Tour gehen. Aber Shilpa sagt, sie erwarte nicht viel. Weil man sonst so leicht enttäuscht wird. Sie möchte nur, dass die Menschen ins Theater kommen und sich das Stück ansehen. Ich habe gehört, dass die Deutschen Tanz und Gesang lieben.“ Wenn das so ist, ist sie zuversichtlich, dass sie es mögen werden.
Derweil waren am Donnerstagabend für den heutigen Samstag noch einige Karten übrig, so hat es der Mann am Verkaufsschalter gesagt. Mehr als die Hälfte? Er nickt. Ob die wohl noch weggehen? Er legt den Kopf zur Seite und lächelt. Eher nicht.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS