Filmfestspiele in Cannes

Die Wahrheit und ihr Preis

Von Verena Lueken, Cannes

Nicht nur eine Vorliebe für Blaubeerkuchen: Jude Law und Norah Jones in “My B...

Nicht nur eine Vorliebe für Blaubeerkuchen: Jude Law und Norah Jones in "My Blueberry Nights"

17. Mai 2007 Alle lieben Wong Kar-Wai. Er war in den vergangenen Jahren mit einigen seiner Filme zu Gast in Cannes, er hat im letzten Jahr als Jurypräsident gedient, in diesem Jahr nun eröffnete er die Jubiläumsausgabe des Festivals mit seinem Film „My Blueberry Nights“. Statt Interviews gab er, um dem Ansturm der interessierten Presse Herr zu werden, eine Menge kleiner Pressekonferenzen neben der festivalüblichen großen, und er wirkte, soweit das bei einem derart zurückhaltenden Mann, der niemals in der Öffentlichkeit seine dunkle Brille abnimmt, überhaupt möglich ist, beinahe jovial.

„My Blueberry Nights“ über die Reise einer enttäuschten jungen Frau durch zahlreiche Bars und Diners entlang der Route 66 und ihre Vorliebe für Blaubeerkuchen, ist der erste Film, den der Chinese in den Vereinigten Staaten gedreht hat, mit amerikanischen Schauspielern, auf englisch, ohne seinen Kameramann Christopher Doyle und deutlich als Geste der Verehrung fürs amerikanische Kino.

Dass er deshalb einen ganz anderen Film gedreht hätte, als wir bisher von ihm kennen, kann man allerdings nicht sagen. Auch in Amerika schafft er Bilder in denen Menschen und Gegenstände zu abstrakten Farbkompositionen verschwimmen, auch in Amerika erzeugt er durch verschiedene Aufnahmegeschwindigkeiten einen traumähnlichen Rhythmus, auch hier zieht er uns in eine überwältigende Melancholie, unterstützt von einem elaborierten Soundtrack von Ry Cooder mit einer Menge Country and Western und Blues, zum Beispiel von Otis Redding. Aber nicht von Norah Jones. Die Sängerin singt nicht, sondern gibt in „My Blueberry Nights“ ihr Schauspieldebüt, und man sieht ihr nicht an, dass das eine vollständig neue Erfahrung für sie war. Neben ihr spielen Jude Law, Rachel Weisz, Natalie Portman und David Strathairn.

Kein Durchschnittskino

Eine Art „sentimental journey“ sei dieser Film, sagt der Regisseur selbst, ein Roadmovie, das uns von New York über Tennessee und Nevada nach Los Angeles und wieder zurückbringt, und tatsächlich hat man den Eindruck, diesen Film zu kennen - teilweise, weil die Idee im Zusammenhang mit „In the Mood for Love“ entstanden ist, was man ihm ansieht, teilweise, weil das Terrain so wohlerschlossen ist, dass er durchschreitet. Vielleicht liegt es an diesem Wiedererkennungseffekt, dass sich der Plot stärker in den Vordergrund schiebt, als in den vorwiegend atmosphärisch wirkenden anderen Filmen von Wong Kar-Wai, vielleicht an den vertrauten Gesichtern, in denen wir besser lesen können als in den chinesischen. So kunstvoll jedenfalls die visuellen Strategien sind, die Aufnahmen durch beschriebene Schreiben, das Licht in der Weite des Landes, das Rot, Grün, Blau und Gelb, in dem die Innen- und Außenräume strahlen - die rauschhafte Erfahrung, die mit seinen anderen Filmen möglich war, stellt sich nicht ein, eher ein Gefühl der Banalität. Die Liebe zu Wong Kar-Wai wurde ein wenig enttäuscht.

In der Festivalausgabe der „Cahiers du Cinema“ wird im Editorial beklagt, dass das amerikanische Kino kaum noch Filme der Mittellage hervorbringe, die für unsere tägliche Dosis Genre und beiläufige Unterhaltung immer gesorgt haben. Clint Eastwood und David Lynch, deren letzte Filme gerade in den Kinos zu sehen waren, und natürlich auch Wong Kar-Wai stehen nicht für dieses Durchschnittskino, das es kaum mehr gibt. Ihre Filme sind nichts für zwischendurch. Und „Spiderman 3“ und all die anderen Sequels dieses Sommers ebenfalls nicht. Und so fragen die „Cahiers“ ein wenig verzweifelt: Wo sind die normalen Filme geblieben? Die für Erwachsene, wenn sie sich amüsieren wollen? Wenn es sie nicht mehr gibt, die vielleicht nicht das Herz, aber doch der Bauch des amerikanischen Kinos gewesen sind, werden jene Filme immer wichtiger, die sich am Rand des Mainstream bewegen, die Filme also, die nach Cannes gehören. In diesem Jahr ist ihre Präsenz beachtlich, neue Filme von Gus Van Sant, James Gray, David Fincher, Quentin Tarantino und Abel Ferrara belegen eine unübersehbare Lebendigkeit, wenn auch mit einem Hang ins Seltsame.

Merkwürdiges Dokudrama

David Finchers „Zodiak“, der erste amerikanische Wettbewerbsbeitrag, jedenfalls ist ein merkwürdiger Film, zum Fürchten für eine Weile, und dann zum Durchhalten, das sich allerdings lohnt. Eigentlich ist er ein Dokudrama über den Serienmörder aus San Francisco, der sich Zodiak nannte und in den späten sechziger und siebziger Jahren unterwegs war, motivlos tötete, wie es scheint, am liebsten junge Mädchen, aber auch mal einen Taxifahrer. Ein Reporter, ein Karikaturist und zwei Polizisten verbissen sich in den Fall, der nie gelöst wurde. Irgendwann hörten die Morde auf, irgendwann die Untersuchungen, und irgendwann ist auch der Film einfach zu Ende, ohne Lösung, und so wenig an abschließenden Sensationen interessiert wie in den Stunden zuvor.

Merkwürdig wirkt der Film einerseits, weil David Fincher, der in „Seven“ und „Fight Club“ im Umgang mit körperlicher Gewalt wahrlich nicht zimperlich war, hier in einem durch und durch unmanierierten Stil dreht, der an der Wahrheit, nicht an am Grauen interessiert ist. Und diese Wahrheit, so sehr vor allem der Karikaturist ihr hinterher jagt, lässt sich einfach nicht fassen. Vielleicht ist Zodiak, kurz bevor er enttarnt wurde, an einem Herzinfarkt gestorben. Vielleicht läuft er immer noch frei herum. Und so wird aus diesem Film, der mit einigen schockierenden Szenen beginnt, im Lauf der Zeit ein Film über die Anhäufung von Informationen, die Zodiak mit Briefen an die Zeitungen der Stadt füttert, die zu nichts führen, fünfundzwanzig Jahre lang.

Die Methodik kühler Zerstörung

Wir erfahren von den Figuren, gespielt von Jake Gyllenhal, Mark Ruffalo, Robert Downey Jr. und Anthony Edwards, so gut wie nichts, was als Hintergrundinformation gelten könnte. Alle Sorgfalt liegt auf der Atmosphäre, die erst voller Bedrohlichkeit ist, dann zunehmend aber aufgesogen wird von den verschiedenen Obsessionen, die hier am Werk sind - die Sucht des Mörders, zu töten, und die Obsession der Jäger, den Fall zu lösen, in unterschiedlicher Ausprägung, aber jeweils stark genug, ihre Leben, ihre Ehen, ihre Gesundheit zu zerstören. Insofern brauchen wir über sie auch gar nichts anderes zu wissen, als dass sie an diesem Fall arbeiten, weil das alles ist, was sie über viele Jahre beschäftigen wird, und was sie innerlich aushöhlt.

Fincher zeichnet das mit kühler Methodik auf und lässt uns Zeuge einer Zerstörung werden, bei der kein Blut fließt, aber dennoch vier Menschen auf der Strecke bleiben. Dass sich Fincher hier so bewusst vom Genre fernhält, ist nicht ohne Ironie: Einer der beiden Polizisten, Inspektor David Toschi, den Mark Ruffalo spielt, war Vorbild für einige berühmte Filmdetektive, für Steve McQueens „Bullitt“, Clint Eastwoods „Dirty Harry“ und Michael Douglas' Figur in der Fernsehserie „Die Straßen von San Francisco“.

Am Ende auf Moral getrimmt

Ganz weit weg von Amerika führt uns der Rumäne Cristian Mungiu mit seinem Film „4 Luni, 3 Saptamini si 2 Zile“ (4 Monate, 3 Tage und 2 Stunden), der ebenfalls im Wettbewerb zu sehen war. Er spielt 1987, und die völlige Verkommenheit der Infrastruktur, die Rückständigkeit, mit der die Menschen zu kämpfen haben, ist nicht mehr als das selbstverständliche Setting für eine magenerschütternde Geschichte von zwei jungen Frauen, von denen eine sich zur Abtreibung entschlossen hat. Wie spät sie dran ist, sagt der Titel, und hätte sich Mungiu nicht entschlossen, uns tatsächlich gegen Ende für einen sehr langen Blick den halbausgebildeten Fötus zu zeigen, der in blutigen Handtüchern auf dem Badezimmerboden liegt, und dann die Hunde jaulen zu lassen überall dort, wo er möglicherweise deponiert werden könnte, wir hätten nie das Gefühl gehabt, über irgendetwas belehrt zu werden, weder über die Zustand Rumäniens in den letzten Jahren des Kommunismus, noch über Geschlechterbeziehungen oder Probleme der Gesundversorgung.

Sondern hätten einfach für annährend zwei sehr intensive, teilweise sehr dunkle und von der Handkamera in ungemütliche Bewegung versetzte Stunden den beiden Frauen zugeschaut, wie sie unter unmöglichen Bedingungen etwas tun, über das sie nie wieder sprechen wollen. So aber scheinen wir am Ende doch auf eine Moral getrimmt zu werden, die einerseits etwas billig ist, andererseits den Figuren, wie wir sie erlebt haben, nicht gerecht wird.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

 
Niemals ohne dunkle Brille unterwegs: Regisseur Wong Kar-Wai “Zodiak“: Wer ist der Serienmörder? Auf Mörderjagd: Jake Gyllenhaal und Robert Downey Jr. in “Zodiak“ Präsentieren in Cannes den Film “My Blueberry Nights“: Jude Law und Norah Jones