Berlinale-Kolumne

Ich sehe wen, den du nicht siehst

Von Michael Althen

Hurra, ein Star: Siobhan Hewlett auf der “Irina Palm“-Party

Hurra, ein Star: Siobhan Hewlett auf der "Irina Palm"-Party

15. Februar 2007 Berlinale-Partys sind vor allem dazu da, Ortsansässige darauf aufmerksam zu machen, wie wenig sie im Rest des Jahres ausgehen. Jeden Abend ein neuer Ort, an dem man noch nie gewesen ist, stets ein anderer Club, den man bestenfalls vom Hörensagen kannte. Natürlich findet alles im Osten statt, im Westen mag keiner mehr feiern, äußerstenfalls verirren sich gelegentlich Veranstalter nach Kreuzberg. Im Westen wurde ja auch lange genug gefeiert, da ist es nur gerecht, wenn jetzt im Osten alles in eine Party-Location verwandelt wird, was nicht niet- und nagelfest ist.

Zum Beispiel das Landgericht in der Littenstraße, eindrucksvoller Jahrhundertwendebau mit einem gewaltigen Treppenhof, in den Hugo Boss einlud, um das vierte Jahr seiner Berlinale-Sponsorenschaft zu feiern. Die Firma kleidet die Präsentatoren und Blumenmädchen der Wettbewerbsfilme ein, stickt Logos in Kaschmirschals, die den Gästen überreicht werden, und stattet die Campus Talents mit Kapuzenjacken aus. Das muss zweifellos gefeiert werden. Aber lieber nicht mit Leuten aus der Filmbranche.

Ratlose Fotografen

Das führt dann dazu, dass man nach einer Stunde dort einem Produzenten begegnet, der den Eindruck bestätigt, er habe hier noch überhaupt niemanden gesehen, der mit Film zu tun habe. Auch die Fotografen irren einigermaßen ratlos umher und fotografieren auf Verdacht Leute, die wenigstens so aussehen, als könnten sie wer sein. Wahrscheinlich sind sie es ja auch, und man hat nur die Fernsehserie nicht gesehen, in der sie Stars sind. Obwohl alle gut aussehen, ist also niemand da, den man gesehen haben müsste. Außer Klaus Wowereit, aber der zählt so gesehen nicht, weil er ja ohnehin überall ist. Wo Party draufsteht, ist Wowi drin.

Bei der Premieren-Party des Films „300“ im Bangaluu Club, der hauptsächlich aus großen weißen Liegewiesen zu bestehen scheint, sind dann allerdings nicht nur keine Leute, die man kennt, sondern überhaupt so wenige Leute, dass sich der Verdacht aufdrängt, man sei doch vielleicht wieder auf der falschen Party. Wahrscheinlich waren mittlerweile alle bei Boss im Landgericht. Berlinale-Partys sind dann doch vor allem dazu da, einem anderntags mit der Nase darauf zu stoßen, wen man alles nicht gesehen hat.



Text: F.A.Z., 14.02.2007, Nr. 38 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

 

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