Medien

Der talentierte Mr. Blair

Von Heinrich Wefing

Kreativ, aber nicht seriös: Ex-“NYT“-Reporter Jayson Blair

Kreativ, aber nicht seriös: Ex-"NYT"-Reporter Jayson Blair

11. Mai 2003 Jeden Tag erscheinen auf der zweiten Seite der "New York Times" einige kleine Meldungen unter der unscheinbaren Überschrift "Korrekturen". Hingebungsvoll werden dort Irrtümer und Auslassungen in den Berichten der vorangegangenen Tage richtiggestellt. Wenn zum Beispiel im Veranstaltungskalender der Zeitung die Schließzeiten des Botanischen Gartens von Brooklyn falsch angegeben wurden, erscheint am Tag darauf eine zehn Zeilen lange Nachricht mit den korrigierten Uhrzeiten.

Taucht in einer Reportage ein Bezirk des Bundesstaates New York mit dem Namen Onandaga auf, dann wird so rasch wie möglich vermerkt, der Name laute tatsächlich Onondaga. Natürlich ist es für jeden Autor der "Times" einigermaßen blamabel, seinen Artikel auf der Seite zwei korrigiert zu finden, aber für die Zeitung insgesamt ist die Rubrik ein Statussymbol. Gerade in ihrer Versessenheit aufs Detail nämlich suchen die "Korrekturen" die unbedingte Verpflichtung der Redaktion auf Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit zu demonstrieren. Und mehr noch impliziert der Kasten mit den "corrections", daß alles, was dort nicht korrigiert werden muß, also weit über neunzig Prozent aller Meldungen und Berichte, richtig war, vielleicht sogar wahr. Für eine Zeitung, die - wie alle Qualitätsblätter - vom Vertrauen ihrer Leser fast mehr noch als von Anzeigen lebt, kann es keine wichtigere Botschaft geben.

Katastrophe für "New York Times"

Deshalb auch ist der Fall des siebenundzwanzigjährigen Jayson Blair eine rechte Katastrophe für die "New York Times". Der junge Reporter, der gut vier Jahre lang für das Blatt schrieb, zunächst als Praktikant, dann als Mitarbeiter im Lokalteil und schließlich gar als "staff writer" in der Amerika-Berichterstattung, dürfte seinen Vorgesetzten noch lange in Erinnerung bleiben, obwohl er die "NYT" mittlerweile verlassen hat. Nach zahllosen Beschwerden von Lesern, nach Protesten anderer Zeitungen und beinahe regelmäßigen Auftritten auf der zweiten Seite hat sich herausgestellt, daß viele von Blairs Artikeln schlecht recherchiert waren - wenn der Autor sie nicht gleich ganz erfunden hatte.

Laut einer internen Untersuchung, die die "Times" jetzt veröffentlicht hat, berichtete Blair von Orten, an denen er im Leben nie gewesen war, berief sich auf Informanten, die möglicherweise gar nicht existieren, belog seine Kollegen, erfand Zitate von Menschen, die sich an keinen Besuch des Journalisten erinnern können. Manchmal kupferte er auch gleich ganze Absätze aus anderen Publikationen ab, ohne seine Quellen zu nennen. Gut die Hälfte seiner Artikel seit dem letzten Oktober wiesen "Nachrichten-Probleme" auf, heißt es in der internen Studie, für die sieben "Times"-Reporter über hundertfünfzig Interviews geführt haben. Mehrere der erschwindelten Stücke, nicht selten die spektakulärsten, Enthüllungsgeschichten zum Beispiel über die Ermittlungen gegen die beiden "sniper" von Washington, wurden auf der Titelseite der Zeitung veröffentlicht und sogleich von anderen Medien aufgegriffen, meist ohne weitere Prüfung.

Entschuldigung bei Lesern

Einen solch ausufernden Fall journalistischen Betrugs hat die "New York Times" nach eigenen Angaben in ihrer hundertsechsundfünfzigjährigen Geschichte noch nicht erlebt. Die Blamage ist perfekt, der Vertrauensverlust unabsehbar, der Spott der Konkurrenz ätzend. Um wenigstens noch ein wenig des eingebüßten Ansehens zu retten, hat sich die Zeitung nicht nur bei ihren Lesern entschuldigt, sondern hat in ihrer vielgelesenen Sonntagsausgabe vier volle Seiten für die Aufklärung der Täuschungen und Enttäuschungen freigeräumt. Ausführlich und in wohlkalkulierter Offenheit wird die Geschichte von Blairs erstaunlicher Karriere in der "Times"-Redaktion geschildert.

Es entsteht dabei das Bild eines brillanten jungen Mannes, der vor Energie vibrierte, vor Ehrgeiz brannte und seine Kollegen durch seinen Eifer beeindruckte, sich aber immer tiefer in Lügen und Manipulationen verstrickte, je höher er stieg. Eine nachgerade literarische Gestalt, ein begnadeter Trickser und chronischer Lügner, der am Ende all seine Brillanz und Energie darauf verwendete, nicht entdeckt zu werden - und selbst dabei noch einfallsreich handelte. Von einem Vorgesetzten scharf über das Wohnhaus eines Informanten verhört, mit dem Blair angeblich gesprochen hatte, konnte der Reporter die roten Dachziegel des Hauses ebenso detailliert beschreiben wie die Blumen im Garten, obwohl er nie dort gewesen war: Er hatte sich sehr genau die Aufnahmen angesehen, die ein "Times"-Fotograf am Ort des Geschehens gemacht und ins elektronische Bildarchiv der Zeitung gestellt hatte.

Interner Untersuchungsbericht

Daß Jayson Blair so lange mit seinen Erfindungen unentdeckt blieb, lag aber offenbar nicht nur an seiner Wendigkeit, sondern mehr noch an der Schlampigkeit und der Schlagzeilenversessenheit seiner Vorgesetzten. Auch das macht der interne Untersuchungsbericht überraschend deutlich. Beispielsweise ist, wie es scheint, niemandem aufgefallen, daß der umtriebige Reporter, der angeblich nimmermüde von Stadt zu Stadt hetzte, nie einen Cent für Mietwagen, Hotelzimmer oder Flugtickets abrechnete. Dabei hatte Blair durchaus einen schlechten Ruf im Haus. Die Lokalredaktion, für die er zunächst gearbeitet hatte, mißtraute ihm nach einer Weile rundweg, gab ihm kaum noch größere Rechercheaufträge und meldete die Bedenken sogar an die Redaktionsspitze. Das macht die Angelegenheit so heikel.

Zumal für den ebenso machtbewußten wie umstrittenen Chefredakteur der "New York Times", Howard Raines, ist die von ihm selbst in Gang gesetzte Enthüllung der Blair-Interna alles andere als erquicklich. Es drängt sich nämlich der Eindruck auf, Raines habe alle Warnungen in den Wind geschlagen und Jayson Blair gezielt gefördert. Raines wird mit den Worten zitiert, er habe damals den Eindruck gehabt, Blair sei ein "hungriger Kerl" gewesen, weshalb er ihn der Reportergruppe zuteilte, die den Fall der "sniper" von Washington recherchieren sollte.

Immer mehr Ungereimtheiten

Der Chefredakteur unterließ es aber, den Leiter dieses Sonderkommandos von Blairs früheren Fehlern zu unterrichten, schwieg auch, als neue Ungereimtheiten hinzukamen, und betrieb sogar weitere Beförderungen. Er habe, erklärte der Chef jetzt gegenüber seinen eigenen Reportern, niemanden "stigmatisieren" wollen, der Fehler eingeräumt habe. Das mag nobel gedacht gewesen sein. Oder auch nicht.

Was den sonst als hart, ja rücksichtslos bekannten Raines zu solchem Langmut bewogen haben könnte, das ist der ausführlichen Selbstentblößung der "New York Times" natürlich nicht zu entnehmen. Aber in anderen Medien wird heftig darüber spekuliert. Eine Theorie besagt, Raines sei Opfer seines eigenen Ehrgeizes geworden, mit aggressiven Enthüllungsgeschichten Aufsehen zu erregen und sogar den elektronischen Medien die Themen diktieren zu wollen.

Noch wesentlich delikater ist das andere Erklärungsmodell, das in Blairs Förderung so etwas wie positiven Rassismus sieht und munkelt, Raines habe den jungen Afroamerikaner aus Gründen politischer Korrektheit protegiert, um die "Times" auch intern farbiger zu machen. Welche der beiden Deutungen der Wahrheit näher kommt, ist schwer zu sagen. Fest steht nur, daß das Ansehen der "New York Times" kräftig angeknackst ist und Chefredakteur Howard Raines erheblich beschädigt. Einstweilen aber mußte nur Jayson Blair gehen, der seine Zukunft zerstört hat, ehe sie recht beginnen konnte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2003, Nr. 109 / Seite 37
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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