04. April 2005 Noch nie ist der Tod eines Papstes ein derartiges Medienereignis gewesen wie das Ableben Johannes Pauls II. am Samstag abend. Während der jahrelangen Leidenszeit und seines tagelangen Todeskampfes hat Karol Wojtyla selbst dann noch die Kameras und die Mikrofone gesucht, als er sich kaum mehr kontrolliert bewegen und nicht mehr artikulieren konnte. Damit blieb er seinem Programm treu, die eigene Person, obgleich leidend und schwach, rückhaltlos ins Rampenlicht zu stellen.
Die italienischen Medien haben diese Botschaft verinnerlicht und die letzten beiden Tage dieses außerordentlichen Papstes als langen und intensiven Abschied zelebriert - dabei weit über die am Ende eher dezente und zurückhaltende Informationspolitik des Vatikans hinausgehend.
Dauerberieselung zum langen Abschied
Während Joaquin Navarro Valls, dem Pressesprecher von Johannes Paul II., zeitweise die Stimme versagte oder ihm die Tränen kamen, wenn er vom unumkehrbaren Siechtum seines Oberhauptes sprach, zeigte sich vor allem das italienische Staatsfernsehen Rai mit seinen professionellen Vatikanologen bestens für den Fall der Fälle gerüstet. Zeitgleich mit der Agonie Johannes Pauls setzte auf nahezu allen Kanälen eine quasi ganztägige Sondersendung ein, während welcher Experten, Weggefährten, Kirchenfunktionäre ihre Erinnerungen, Einschätzungen und Hoffnungen, den Papst betreffend, in allen Tonlagen erörterten - Dauerberieselung zum langen Abschied. Zu den Bildern des stummen Papstes gesellten sich die wiederkehrenden Schleifen von Karol Wojtyla als Wandersmann, Skiläufer, Globetrotter, agilem Priester.
Damit war die historische Dimension vorgegeben: Mit diesem Kirchenfürsten geht nach 27 Jahren des Regiments auch eine Epoche zu Ende. So traf die in Italien selbstverständliche Pietät, das pathetische Mitleid mit einem Sterbenden das Bewußtsein einer geschichtlichen Stunde: Wojtyla, der gegen den Kommunismus antritt; Wojtyla, der vom Attentäter niedergeschossen wird; Wojtyla, der als erster seines Amtes eine Synagoge und eine Moschee betritt. Sogar die kontraproduktive Frage, ob die leidenschaftliche Papstverehrung dieser Stunden nicht an Idolatrie und Personenkult grenze, konnte ein gelassener Jesuitenpater als unbegründet abtun: Die Emotionen für diesen Mann mögen, geschuldet der Trauer, etwas verherrlichend wirken. Aber sie seien echt empfunden.
Voreilig: Die Turiner Stampa
Die Stimmungslage äußerte sich etwa in diversen Gesprächsprogrammen des Radios, wo ganze Nächte hindurch vor allem junge Katholiken ihre Rührung, ihr Mitleiden geordnet und klug in Worte faßten. Auch die italienische Presse bereitete sich in Stufen systematisch auf die Todesbotschaft vor, zeigte in jeder politischen Couleur große, ausdrucksstarke Bilder eines Mannes, der zeitlebens bewußt zur Produktion des eigenen Bildes beigetragen hatte: der Papst, hochbetagt und krank, mit einer Friedenstaube; der Papst zusammengekrampft, gestützt auf ein Kuzifix; der Papst, nach innen blickend mit gefalteten Händen.
"Du wirst uns fehlen, Karol", rief ihm noch zu Lebzeiten der "Corriere del Sud" kumpelhaft nach, während der "Corriere della Sera" poetisch von der "Umarmung für den sterbenden Papst" sprach. Einzig die Turiner "Stampa" schien den Tod Johannes Pauls II. versehentlich um einen Tag vorverlegt zu haben, als sie schlicht die Jahreszahlen "1978 - 2005" auf die erste Seite setzte und von Wojtyla nur mehr in der Vergangenheitsform schrieb, obwohl er noch gar nicht gestorben war. Doch in die allgemeine Trauerstimmung mit getragener Musik und Bibelrezitationen im Radio und Fernsehmoderatoren in dunklen Farben fiel eine solche Voreiligkeit gar nicht auf.
Kein Wahlkampf, kein Fußball, leider Formel 1
Als die Chronik eines angekündigten Todes an Innigkeit kaum mehr zu überbieten war, hatte das erste Programm der Rai das Samstagsprogramm längst in eine Live-Schaltung zum Petersplatz verwandelt. So wurde das Erleuchten der Lampen im Sterbezimmer, das Entsetzen in den Gesichtern der Gläubigen, die plötzlich lastende Stille über dem Vatikan direkt in die Wohnzimmer der Italiener übertragen, noch bevor die offizielle Todesnachricht verkündet war. Der populäre, mit dem Papst persönlich bekannte, konservative und ungemein kirchenfromme Moderator Bruno Vespa war direkt und gemeinsam mit dem Ex-Ministerpräsidenten Andreotti auf Sendung.
Wie wichtig und hochgeachtet dieser erste Papst seit Jahrhunderten, der kein Italiener war, gerade bei den Italienern war, bewies die Programmunterbrechung aller Sender eine Stunde nach dem Tod des Papstes. Ein sichtlich bewegter Staatspräsident Ciampi hatte außer seiner Erinnerung an die wachen Augen und den spirituellen Blick Johannes Pauls II. zwar wenig mitzuteilen, doch die historische Zäsur erschien einfach zu tief, als daß sie ohne außerordentliche staatliche Sprechakte hätte hingenommen werden können.
Inzwischen eilten Kardinäle, Funktionäre oder achtungsvoll so genannte "Wojtyla-Boys" aus den Studios des Staatsfernsehens an Roms Peripherie stante pede zum Vatikan, der nicht nur das geistliche, sondern auch das mediale und politische Zentrum des Landes geworden war. Daß sämtliche Fußballspiele im Land des heißgeliebten Calcio abgesagt wurden, war ebenso selbstverständlich wie der pietätvolle Abbruch des Wahlkampfes für die - freilich stattfindenden - regionalen Urnengänge am Sonntag. Nur für die Übertragung des Formel-1-Rennens aus Bahrein entschuldigte sich die Rai vorab; man sei durch Verträge an eine Ausstrahlung gebunden.
Von der Live-Übertragung unbeschädigt
Daß die ganze Welt, Arme und Reiche, Europäer und Antipoden, ja auch Muslime und Atheisten, "einen der machtvollsten Führer unserer Zeit" betrauert - daran ließen Bilder aus aller Herren Ländern keinen Zweifel. Neben ganz kurzen Schaltungen vom Kölner Dom wurde Deutschland dabei - zusammen mit der orthodoxen Kirche - höchstens als Störenfried im Gesamtbild erwähnt, weil vom dortigen Protestantismus - so ein Kirchenmann in der Rai - nach jeder Enzyklika und jeder Reise des Papstes immer wieder am Wirken Johannes Paul II. gemäkelt worden sei. Abschätzige Töne indes wird man in italienischen Nachrufen nicht vernehmen. Wo bereits leise Kritik am Katholizismus zu gewöhnlichen Zeiten nahezu sakrosant ist, möchte man sich den weihevollen Abschied erst recht nicht durch Beschwerden gegen die zahlreichen umstrittenen Amtshandlungen dieses Papstes verderben lassen.
Es ist überdeutlich, daß die gigantische Aufmerksamkeit der Medien den Auftakt einer Heiligenlegende bildet - nicht als kühl von PR-Managern geplante Sanktifizierung, sondern als Ausdruck der unterschwelligen Einschätzung vieler, daß hier ein außerordentlicher Kirchenfürst, eine epochale Biographie ans Ende gekommen sei. "Man nennt ihn schon heilig", lautet konsequenterweise die Überschrift einer überschwenglichen und seitenlangen Homilie des prominenten Vatikanologen Vittorio Messori.
In diesen Rahmen gehören die Zeugnisse, die an Karol Wojtyla als entsetzten Zeitzeugen von Auschwitz, als Inspirator der Solidarność, als Gefährte Mutter Teresas, als Bekehrer Gorbatschows, als mystischen Marienverehrer erinnern, der die Kugel, die ihn traf, der Jungfrau von Fatima schenkt. Bemerkenswert, wie diese in anderen Fällen ärgerliche Dauerpräsenz auf allen Kanälen sich hier mit einer Ergriffenheit der Massen verträgt, wie man sie in der mittelalterlichen Kirchengeschichte etwa von der rasend verbreiteten Heiligenverehrung für Franz von Assisi kennt. Nicht mal hektische Live-Übertragungen scheinen das Sterben - wie zuvor das Leben - dieses Mannes zu profanisieren.
Wie es der Verheißung des Glaubens entspricht
Als wüßten sie am allerbesten, was von der weltweiten Trauer um Wojtyla flüchtige Medienmanie, was dagegen tiefempfundene Frömmigkeit ist, zeigten sich vor allem einige Bischöfe und Kardinäle nach dem Tod ihres Oberhirten vor den Kameras gefaßt, ja regelrecht fröhlich, wie es der Verheißung ihres Glaubens entspricht. Sie wissen aus zweitausendjähriger Erfahrung, daß auch Johannes Paul II. nur eine - wenn auch beachtliche - Etappe auf einem langen Weg markiert, der nun ohne ihn weitergeht.
Und als schon überall in Italien das Grau in Grau der medialen Staatstrauer Einzug gehalten hatte, sandte nur das päpstliche "Radio Maria" neben dem üblichen Reigen seiner Gebete noch Unterhaltungsmusik und Küchentips in den Äther. Ausgerechnet das Organ des Papstes schien da die in vorauseilender Trauer erstarrten Italiener daran erinnern zu wollen, daß es auch noch andere Themen gibt. Und daß auf einen toten Papst immer ein lebendiger folgt.
Text: F.A.Z., 04.04.2005, Nr. 77 / Seite 41
Bildmaterial: dpa/dpaweb