Von Heinrich Wefing, San Francisco
06. Juni 2003 Über kaum etwas ist in der amerikanischen Medienwelt in den vergangenen Tagen so lustvoll spekuliert worden wie über den möglichen Rücktritt von Howell Raines. Und doch ist die Überraschung nun, da der belagerte Chefredakteur der "New York Times" tatsächlich sein Amt aufgegeben hat, gewaltig. Die Aufregung wird noch dadurch gesteigert, daß mit Raines auch sein Stellvertreter Gerald Boyd gehen mußte. Ein Vorgang, der ohne Beispiel ist in der gut hundertfünfzigjährigen Geschichte der Zeitung - ganz so wie der Skandal, der ihm vorausgegangen ist.
Vor fünf Wochen beichtete das Blatt auf viereinhalb Druckseiten seinen Lesern, daß ein junger Reporter namens Jayson Blair mindestens sechsunddreißig Artikel, viele davon prominent aufgemachte Enthüllungsgeschichten, schlichtweg erlogen, gefälscht oder bei anderen Journalisten abgekupfert hatte. Ein Tiefschlag für das Renommee der "Times", fraglos die angesehenste und einflußreichste Zeitung Amerikas.
Als aus einem Debakel eine Krise wurde
Mit der raschen und rückhaltlosen Aufklärung der Öffentlichkeit über die Betrügereien des siebenundzwanzigjährigen Journalisten suchte Raines etwas von dem verlorenen Vertrauen in die Verläßlichkeit des Blattes zurückzugewinnen. Doch schnell wurde aus dem Blair-Debakel eine Raines-Krise, als sich herausstellte, daß der Chefredakteur von leitenden Mitarbeitern immer wieder vor den Machenschaften Blairs gewarnt worden war, den Nachwuchsstar gleichwohl protegiert und wider allen Rat befördert hatte. Seither stand Raines' Menschenkenntnis ebenso in Zweifel wie seine Führungskunst. Wütende E-Mails aus der Redaktion tauchten im Internet auf, und die Konkurrenz ließ sich breit über den Verdacht aus, Blairs Fehltritte seien seiner dunklen Hautfarbe wegen geduldet worden, ein Fall umgekehrten Rassismus also.
Kurz darauf wurde zu allem Überfluß auch noch enthüllt, daß ein weiterer Intimus von Raines, Rick Bragg, es ebenfalls mit der Akkuratesse nicht allzu genau genommen hatte, als er seinen Namen unter eine Reportage setzte, die ganz überwiegend von einem freien Mitarbeiter recherchiert worden war. Die Empörung in der Redaktion wuchs, konservative Kritiker schossen sich begeistert auf die liberale "Times" ein, und die Bewunderer des Blattes begannen einen rapiden Bedeutungsverlust zu fürchten.
Wohl nicht nur Sturheit im Spiel
Dennoch hielten viele Beobachter Raines' Position für ungefährdet, nicht zuletzt wegen seiner Erfolge in der Berichterstattung über den 11. September, die der "Times" sieben Pulitzer-Preise eingetragen hat - ein Triumph sondergleichen. Während einer Redaktionsversammlung wenige Tage nach der Enthüllung von Blairs Betrügereien hatte der Verleger Arthur Sulzberger jr. nach Berichten von Teilnehmern denn auch vehement ausgeschlossen, Raines und Boyd zu entlassen. Selbst wenn diese ihren Rücktritt anbieten sollten, werde er ihn nicht annehmen. Eine Hartleibigkeit, die der "publisher" Pressemeldungen zufolge zuletzt am Dienstag bei einem Besuch im Washingtoner Korrespondentenbüro der "Times" bekräftigt hatte. Und tatsächlich war dabei wohl nicht nur Sturheit im Spiel.
So verheerend der Schaden ist, den Jayson Blair angerichtet hat: ein anderer Chefredakteur als Raines hätte die Krise vielleicht durchstehen können. Als vor Jahren aufflog, daß eine Reporterin der "Washington Post" einen Pulitzer-Preis für eine komplett erschwindelte Reportage gewonnen hatte, überlebte der "Post"-Chef den Skandal fast unbeschädigt, und der unmittelbare Vorgesetzte der Autorin, der Watergate-Enthüller Bob Woodward, gilt weiter als Doyen des investigativen Journalismus.
Vertrauen in den Mann ganz oben
Warum also mußten Raines und Boyd abtreten? Nicht seine erstaunlichen Fehler im Umgang mit Blair haben Howell Raines seinen Posten gekostet, sagen seine Kritiker, sondern sein autokratischer Führungsstil, seine verletzende Arroganz, die Unfähigkeit - oder der Unwille - mit seinen Redakteuren zu kommunizieren, und das Klima der Angst, das seit seinem Amtsantritt vor kaum neunzehn Monaten entstanden sei. Die Stimmung in der Redaktion ist verheerend, heißt es, einige der angesehensten Korrespondenten und Reporter haben das Blatt verlassen. Raines habe durch Furcht geführt, klagen seine Gegner im Hause, nicht mit Lob oder ansteckender Begeisterung, und kaum, daß sein eisiges Regiment ins Wanken geriet, ließen ihn alle im Stich, die sich vorher von ihm gedemütigt, übergangen oder schikaniert fühlten. Niemand, so scheint es, hatte Vertrauen in den Mann ganz oben. Und Sulzberger wird erkannt haben, daß der notwendige Klimawandel einen Wechsel an der Spitze voraussetzt.
Aber diese Erkenntnis kam offenkundig spät. Jacques Steinberg, der Medienkritiker der "Times", schreibt in seiner Nachricht vom Ausscheiden der beiden Führungsleute, Raines habe bis zuletzt bei Abendessen und in privaten Aussprachen versucht, das Vertrauen seiner schärfsten Kritiker zurückzugewinnen. Gerüchte wollen sogar wissen, der Chefredakteur sei noch am Mittwoch mittag ahnungslos gewesen, daß sein Verleger ihn am nächsten Morgen fallenlassen werde. Einstweilen ist unklar, was diesen abrupten Sinneswandel Sulzbergers herbeigeführt hat. Aber er zeigt drastisch, wie unerträglich die Situation offenbar geworden war. Jayson Blair, der Auslöser des Erdbebens, erklärte unterdessen in E-Mails und Interviews, es tue ihm leid, vom Sturz weiterer Menschen hören zu müssen "in dieser Kette von Ereignissen, die ich entfesselt habe. Ich wünschte, das Köpferollen hätte mit meinem aufgehört." Ob man dem Lügenbold nun ausgerechnet dieses Mitgefühl glauben soll?
Tritt Bill Keller die Nachfolge an?
Vorerst wird Raines' Vorgänger Joseph Lelyveld noch einmal das Blatt leiten, dessen "executive editor" er bereits von 1994 bis 2001 war. Doch die Rückkehr des allseits beliebten Sechsundsechzigjährigen ist nur eine Interimslösung, höchstens auf ein Jahr befristet, vielleicht nur auf Wochen. Die Sprecherin der Zeitung, Catherine Mathis, erklärte jedenfalls, ein neuer Chefredakteur werde dringlich gesucht, sowohl "innerhalb wie außerhalb" der Redaktion. Auch das wäre ein Bruch mit den Traditionen der NYT, die Führungskräfte meist aus den eigenen Reihen rekrutierte.
Im Gespräch sind viele Namen. Besonders häufig fällt der von Bill Keller, angesehener Kolumnist und Autor des Magazins der Zeitung, der vor zwei Jahren als schärfster Konkurrent Raines' gehandelt wurde, damals aber im Rennen um den Spitzenposten das Nachsehen hatte. Weitere Kandidaten sind Jill Abramson, die Leiterin des Washingtoner Büros der Zeitung, Gail Collins, verantwortlich für die einflußreiche Meinungsseite, sowie Lokalchef Jonathan Landman, von dem die mittlerweile berühmte E-Mail stammte, in der er vergeblich forderte: "Wir müssen dafür sorgen, daß Jayson Blair nicht weiter für die Times schreibt. Und zwar sofort." Unter den Außenseitern gelten zwei Journalisten als beförderungsverdächtig, denen die "New York Times" nicht fremd ist: Dean Baquet von der "Los Angeles Times" und Marty Baron, derzeit Chefredakteur beim "Boston Globe", eine Zeitung, die zur Verlagsgruppe der NYT gehört. Beide haben jahrelang für das New Yorker Blatt gearbeitet, kennen das Haus und ihre Kollegen, und könnten doch unbefleckt von den Machtkämpfen der vergangenen Wochen glaubwürdig einen neuen Anfang verkörpern.
Die Sehnsucht nach einem scharfen Schnitt mag auch erklären, wie ruppig der Personalwechsel ins Werk gesetzt wurde. Raines und Boyd verlassen die Zeitung ohne Aussicht, je zurückzukehren. Keine Korrespondentenstelle in Übersee, keine Kolumne auf der Meinungsseite versüßt den Trennungsschmerz. Sulzberger pufferte den Sturz nur mit ein paar sentimentalen Dankesworten ab. Nach Pfingsten könnten sich Raines und Boyd auf dem Arbeitsamt melden, höhnte ein Kommentator. Und der Medienredakteur der "Times" schrieb mit einigem Gespür für das melancholische Pathos des Augenblicks, nach seiner Abschiedsrede an die Redaktion habe Howell Raines einen Strohhut aufgesetzt, das Verlagshaus gemeinsam mit seiner Frau durch die Drehtür verlassen und sei im Gewühl der dreiundvierzigsten Straße verschwunden. "Gerald Boyd folgte ihm ein paar Minuten später."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.06.2003, Nr. 131 / Seite 40
Bildmaterial: New York Times
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