Marc Conrad geschasst

Der Untergang des Hauses RTL

Von Michael Hanfeld

In Zeiten der Ratlosigkeit: RTL-Quotenflop “Die Bachelorette“

In Zeiten der Ratlosigkeit: RTL-Quotenflop "Die Bachelorette"

17. Februar 2005 Der Sender RTL hält es in der Fernsehbranche seit einiger Zeit wie die Union in der Bundespolitik: Er verliert die Führung oder zumindest die Fassung. Es könnte alles so schön sein bei den aufs Marktführen geeichten Kölnern, ist es aber nicht: Nach nur dreieinhalb Monaten muß der neue Geschäftsführer Marc Conrad seinen Posten abgeben.

Es sei eine gemeinsame Entscheidung gewesen, sagt der Chef der RTL-Gruppe, Gerhard Zeiler, der Conrad selbst ablöst und damit den Job wieder übernimmt, den er eigentlich wegen Arbeitsüberlastung im vergangenen November abgegeben hatte. Es war Zeilers Entscheidung, sagt Conrad gegenüber dem Fachdienst epd medien. Es ist auf jeden Fall eine Entscheidung, die verdeutlicht, wer die Geschicke bei RTL - dem größten Gewinnbringer der Bertelsmann AG - lenkt. Und es ist eine, die zeigt, unter welchem Druck der Sender steht und wie sehr die Dinge aus dem Lot geraten sind.

Vox-Chefin Anke Schäferkordt neue Stellvertreterin Zeilers

Die alt-neue RTL-Spitze: Zeiler und Schäferkordt

Die alt-neue RTL-Spitze: Zeiler und Schäferkordt

Sie sind so sehr aus dem Lot, daß am Mittwoch, am Tag vor der Bekanntgabe der Demission Conrads, bei besagtem Fachdienst epd medien sein erstes und zugleich letztes Interview als Chef von RTL erschien, in dem er Perspektiven für den Sender eröffnet, die - sage und schreibe - bis ins Jahr 2009 reichen. Geführt worden war das Gespräch am Donnerstag vor einer Woche, am Montag abend erfuhr Conrad, daß sich sein Amtsvorgänger und Chef Zeiler gegen ihn entschieden hatte. Ohne Angabe von Gründen, wie es heißt. Die konnte Gerhard Zeiler leider auch im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht präzisieren.

Man habe die Entscheidung gemeinsam gefällt, sagte er, doch sei sie nicht über Nacht gefallen. Manchmal kämen die Dinge eben anders, als man es sich vorgestellt habe. Doch hegten er und Marc Conrad den "gemeinsamen Wunsch, aus dieser Situation als Freunde herauszugehen". Als klare Nummer zwei im Sender, sagte Zeiler weiter, werde im Sender nun die Vox-Chefin Anke Schäferkordt als seine Stellvertreterin positioniert. Während er sich gemeinsam mit Frank Berners um das Programm kümmern will, soll sie sich um die Direktionen Finanzen, Technik, Information, Medienpolitik und die Vermarktung sorgen, ihre Nachfolge bei Vox werde baldmöglichst geregelt.

Er schwieg - bis es zu spät war

Somit ist im Augenblick der Absetzung Conrads die Nachfolge schon geregelt und dürfte vorgezeichnet sein, daß nach einer Übergangsphase Anke Schäferkordt nicht nur stellvertretende, sondern die Geschäftsführerin von RTL ist. Sie hat den Sender Vox als kleines, aber feines Beiboot im Geleitzug der RTL-Sender positioniert und genießt - das ist der springende Punkt - das Vertrauen Zeilers und der Werbewirtschaft. Diese hatte in den letzten Wochen zunehmend rumort und sich zum Teil öffentlich gefragt, wohin die Reise mit RTL denn gehe. Marc Conrad aber schwieg beharrlich, bis es - zu spät war. Weder nach innen noch nach außen habe er rechtzeitig für Orientierung gesorgt, heißt es aus Senderkreisen. Sondern im Innern eher für kreatives Chaos gesorgt. Und dabei sei nichts wichtiger, als daß sich eine Marke wie RTL über eine markante Persönlichkeit profiliere. "Personal branding" nennen das die Fachleute.

Doch sollte es ausgerechnet Marc Conrad daran mangeln? Der bei seinem Antritt im November noch mit viel Vorschußlorbeer als Heilsbringer angekündigt wurde, als ehemaliger Programmchef (der er bis 1998 bei RTL war) sich die Spitznamen "Napoleon" und "Stalin" gleichermaßen verdiente und zwischenzeitlich als Erfolgsproduzent mit seiner Firma Typhoon für RTL genauso wie für Sat.1 und andere Sender reüssierte? Mit dem und dessen Firma Gerhard Zeiler, wie er sagt, künftig noch mehr zusammenarbeiten werde?

Was sich im Programmportefeuille finden läßt

Als das missing link sollte Conrad wirken zwischen den RTL-Direktoren, von denen manche seit langem nicht mehr genau wissen, welches Programm sie machen sollen, und der Werbewirtschaft, die wissen will, woran sie bei einem Sender ist. An diesem Spagat ist Conrad allerdings gescheitert, bevor man ihn es hat wirklich versuchen lassen. "Ich selbst bin - als Unternehmer und Produzent - mit leeren Händen gekommen", sagt Marc Conrad in dem nunmehr historischen epd-Interview. Sein Problem aber war, daß er auf eine große Leere traf. Wer heute ins Programmportefeuille von RTL schaut, der wird dort nur uralte Langlaufserien finden, neue Flops und immer mal wieder Trash-Geschichten wie das Dschungelcamp.

Und auch wenn man vorsichtig sein sollte, den ehemaligen RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma als Berater zu zitieren - der er vor ein paar Wochen bei RTL mal wieder zu sein glaubte -, ist an seinem Monitum, das er dieser Zeitung mitgab, schon etwas dran: Conrad habe, sagt Thoma, bis zur zweiten Jahreshälfte 2006 Zeit haben wollen, um RTL neu zu positionieren, doch habe man ihm offenbar weder die nötige Zeit noch das notwendige Geld zur Verfügung stellen wollen.

Das Programm von RTL sieht anders aus

Und ums Geld geht es bei RTL im Endeffekt immer. Obwohl der Sender seine Marktführerschaft beim Publikum im letzten Jahr an die ARD verlor - die Sport satt senden konnte - und gemeinsam mit dem ZDF auf dem zweiten Platz landete, hat die gesamte RTL-Gruppe im ersten Halbjahr 2004 einen fabelhaften Gewinn vor Steuern von 397 Millionen Euro und einen Nettogewinn von 195 Millionen Euro erwirtschaftet. Danach werden die Gruppe und ihre Manager bei Bertelsmann bewertet, deshalb war Gerhard Zeiler auch der unumstrittene Star auf der letzten Bilanzpressekonferenz des Konzerns. Es muß ihn daher umgetrieben haben, daß sich sein Nachfolger so defensiv oder gar nicht zu den Themen äußerte, auf die es neben dem Programm ankommt: Bezahlfernsehen, wegbrechende Werbemärkte, technische Dienste, die Werbung beim Live-Fernsehen ausschalten, und das Budget an sich.

In besagtem Gespräch mit Marc Conrad, das man zur Exegese nun heranziehen muß und entsprechend hin und her wenden kann, ist davon herzlich wenig die Rede, viel mehr aber von dem Programm, von neuem Qualitätsbewußtsein, neuer Ernsthaftigkeit und den engen Kontakten zu Produzenten und Autoren. Früher, sagte Marc Conrad, habe RTL den Zuschauern "das Korsett geöffnet". "Heute ist ,Politik der neue Sex', damit meine ich alles, was unsere Gesellschaft betrifft."

Das ist genau das, worauf die Kreativen, die Kritiker und vielleicht ja sogar das Publikum gewartet haben, nur offenbar nicht die Werbewirtschaft und auch nicht Gerhard Zeiler. Er sagt zwar, daß er mit Marc Conrad und dessen Betonung übereinstimme, daß RTL ein Programm für die ganze Familie sei, eines, das die Zuschauer in ihrem Alltag abhole und nicht Trash nur um der Quote willen aufbereite - das real existierende Programm von RTL und also auch das, für das Zeiler als Geschäftsführer steht, aber sieht anders aus.

Die Zeit der Ratlosigkeit ist nicht vorbei

Für RTL ist die dramatisch getroffene Entscheidung, sich von Marc Conrad - der sich noch am Mittwoch mit Zeiler in einem letzten gemeinsamen Gespräch über Programmfragen auseinandergesetzt haben soll - als Geschäftsführer zu trennen, vielleicht ein Ende mit Schrecken, für die Branche jedoch bedeutet es Schrecken ohne Ende. Die Zeit, in der sie sich bei RTL nicht entscheiden können, welches Programm sie machen wollen, und Produzenten ratlos herumprobieren, darauf warten, ob es grünes Licht für ihre Projekte gibt oder nicht, ist nicht vorbei.

Die Hoffnung, daß RTL stärker ins Programm investiert und wieder mehr selbst produziert, hingegen hat einen kräftigen Dämpfer bekommen. Und für wie gewaltig auch immer die Intendanten von ARD und ZDF ihre eigenen Probleme halten - die hätten viele gerne mit rund sieben Milliarden Euro Gebührengeld pro Jahr im Rücken. Die Privatsender können ins Schlingern geraten, weil sie sich aus anderen Gründen nicht auf ihr Programm konzentrieren können: weil alle naselang ein neuer Eigentümer ins Haus steht, wie seit Jahr und Tag bei Pro Sieben Sat.1, oder die Rendite so gewaltig ausfallen soll, daß das "Produkt", vulgo Programm darunter leidet. Was man sich - das sieht man jetzt bei RTL - aber nicht leisten kann. Fällt man dort ab, sinkt der Wert des Unternehmens als solches.

Insofern steht nun Anke Schäferkordt an der Seite von Gerhard Zeiler vor der gewaltigen Aufgabe, das eine tun zu müssen, ohne das andere zu lassen. Sie hat sich bei den Werbetreibenden nicht nur dadurch als charmante Verkäuferin ihres Senders Vox etabliert, weil sie ihr Programm auf der wichtigsten Werbemesse des Jahres mit einem Karaoke-Auftritt verband. Sie scheint vielmehr das Vertrauen von allen Seiten zu haben, das bei Marc Conrad nicht mehr hinreichte, seine Pläne zu verwirklichen. Wie sagte er zum Schluß seines Interviews? "Mich macht gar nichts mehr nervös." Ihn nicht, aber offenbar andere.

Text: F.A.Z., 18.02.2005, Nr. 41 / Seite 44
Bildmaterial: dpa, RTL

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