Celebrity-Magazin „OK!“

Klatschkrieg im Prominenten-Journalismus

Von Nina Rehfeld, Phoenix

200.000 Dollar für ein Interview in der Startausgabe von “OK!“: Jessica Simpson

200.000 Dollar für ein Interview in der Startausgabe von "OK!": Jessica Simpson

12. August 2005 Als der "Hustler"-Verleger Larry Flynt im Oktober 1998 in der "Washington Post" eine Anzeige schaltete, in der er demjenigen bis zu eine Million Dollar versprach, der eine außereheliche Affäre eines Kongreßmitglieds oder eines Regierungsbeamten beweisen könne, richtete er ein grelles Schlaglicht auf den sogenannten Scheckbuchjournalismus. Flynt, der die Doppelmoral puritanischer Politiker bloßstellen wollte, was einen hochrangigen Abgeordneten die Karriere kostete, wagte eine bedenkliche Prophezeiung. "Bald", sagte der Pornokönig, "werden alle großen Nachrichtenorganisationen für Geschichten bezahlen." Vergangene Woche ist in Amerika eine Prominenten-Zeitschrift auf den Markt gekommen, die sich offen zu dieser Praxis bekennt: "OK!", die amerikanische Ausgabe des gleichnamigen britischen Magazins.

200.000 Dollar soll das Blatt, das im kommenden Jahr auch nach Deutschland expandieren will, für ein Exklusivinterview mit Jessica Simpson in der Startausgabe gezahlt haben. Über die Summe wird bloß spekuliert, doch die Tatsache wird nicht bestritten: "OK!" bekennt sich offen dazu, Prominenten Geld zu geben. Ist das verwerflich? Nein, findet Christian Toksvig, der Geschäftsführer der amerikanischen "OK!": "Wir zahlen Prominenten, deren Zeit nun einmal überaus wertvoll ist, bloß so was wie ein Modelhonorar."

„Wir machen ja kein Nachrichtenmagazin“

Soll von NBC ein sechsstelliges Honorar für ein Exklusivinterview bekommen haben: Jennifer Wilbanks

Soll von NBC ein sechsstelliges Honorar für ein Exklusivinterview bekommen haben: Jennifer Wilbanks

In England sind solche Methoden bei Zeitschriften wie "Hello" und eben "OK!" seit langem gang und gäbe. Doch in der amerikanischen Medienlandschaft befürchten viele, daß ein neuer Tiefpunkt journalistischer Integrität erreicht ist. Der Skandal um die Bestechung von Radiostationen durch den Musikkonzern Sony BMG und Berichte über ein sechsstelliges Honorar, das der Sender NBC für ein Exklusivinterview mit der "Braut, die sich nicht traut", Jennifer Wilbanks, zahlte, sind der Glaubwürdigkeit der Journalisten nicht eben zugute gekommen, die jüngeren Studien des Pew Research Center und des Annenberg Public Policy Center zufolge sowieso in einer dauerhaften Talfahrt begriffen ist.

Dem Vorwurf des Niedergangs journalistischer Ethik hält Christian Toksvig entgegen, Promi-Berichterstattung habe mit Nachrichtenjournalismus und also mit den Grundregeln des Berufs wenig zu tun. "Für mich gibt es einen großen Graben zwischen Promi-Berichterstattung, wo es bloß um Spaß und Unterhaltung geht, und ernsthaftem Nachrichtenjournalismus. Bei uns geht es um Lifestyle und die Bewunderung berühmter Leute. Wir machen ja kein Nachrichtenmagazin." Er fürchtet auch nicht, die Sitten zu verderben: "Wenn Leute anfangen, von der ,New York Times' Geld für Geschichten zu fordern, dann ist das ein Problem für die ,New York Times'."

„Eigentlich zahlt jeder für seine Geschichte“

Um ihre vermeintliche Affäre tobte die jüngste Schlacht im Klatsch-Krieg: Filmpaar Brad Pitt und Angelina Jolie

Um ihre vermeintliche Affäre tobte die jüngste Schlacht im Klatsch-Krieg: Filmpaar Brad Pitt und Angelina Jolie

Toksvig, der zuletzt den Start der dann aus wettbewerbsrechtlichen Gründen untersagten Londoner Gratiszeitschrift "London I" managte, sieht sein Magazin nur offen praktizieren, was in der Promi-Berichterstattung sowieso passiere: "Eigentlich zahlt jeder für seine Geschichte. Andere bezahlen eben die Kellner, die Gespräche belauschen." Die Frage sei nicht, ob bezahlt werde, sondern wer wen bezahle. Der Journalismusprofessor und Zeitschriftenexperte Samir Husni stimmt dem zu. "Alle Magazine kaufen sich ihre Geschichten irgendwie zusammen - entweder bestechen sie einen Prominenten mit einer Titelgeschichte, oder sie kaufen die Story von einer anderen Zeitschrift, oder sie bezahlen für skandalöse Paparazzi-Fotos. Nicht umsonst nennt man sie in Europa Klatschmagazine."

Doch neben der offenen Prominentenbestechung stößt auf Empörung, daß "OK!" den Prominenten auch noch den "Endschnitt" der Geschichte einräumt. "Wir bieten das nicht an", sagt Christian Toksvig, "aber wenn wir einen großen Star, der uns eine hohe Auflage verkauft, unbedingt im Blatt haben möchten, könnte die Abnahme der Story Teil des Deals sein."

Klatschkrieg im Prominenten-Journalismus

Auf dem Fest der Konkurrenz: Tara Reid bei der „Vanity Fair”-Party nach der Oscar Verleihung im Februar

Auf dem Fest der Konkurrenz: Tara Reid bei der „Vanity Fair”-Party nach der Oscar Verleihung im Februar

Prominenten-Journalismus sei eben in erster Linie von Geschäftsmoral geprägt, sagt auch Stan Rosenfield, als Publicity-Agent von Robert De Niro und George Clooney einer der Torwächter zur Superstar-Welt. "Wir machen Deals. Man sagt etwa zum Produzenten eines Fernsehmagazins: ,Mein Klient bringt einen Film heraus. Wenn ihr uns soundsoviel Zeit einräumt, garantieren wir euch diesen und jenen Star in eurer Sendung.' Und in dem Moment, wo eine Zeitschrift einen Superstar auf den Titel hebt, geht es nicht mehr um Integrität, sondern um Marketing, und dabei beanspruche ich ein Mitspracherecht."

Freilich fordert der immer titelreichere Markt den Stars inzwischen viel mehr Geschichten ab, als diese hergeben wollen, auch wenn sie die Konditionen diktieren können. Im Prominenten-Journalismus ist der Klatschkrieg ausgebrochen, die jüngste Schlacht tobte um die vermeintliche Affäre zwischen Brad Pitt und Angelina Jolie.

Deeskalation durch Bakschisch

Verkauft keine Hochzeitsfotos an “OK!“: Sandra Bullock

Verkauft keine Hochzeitsfotos an "OK!": Sandra Bullock

Bei einer Pressekonferenz im Juni legten die beiden den anwesenden Journalisten Verträge vor: persönliche und ungehörige Fragen verboten. Wer unterschreibt, der bleibt, die anderen mußten gehen.

Und so verkörpert "OK!" offenbar auch ein Bedürfnis nach Deeskalation durch Bakschisch. Schon Ende April kamen mit "Celebrity Living" und "Inside TV" zwei neue Titel auf den amerikanischen Markt, die sich auf naive Starverehrung konzentrieren. In seinem Blatt würden die Promis in die Kamera strahlen, statt wie in die Enge getriebene Tiere zu gucken, sagt Steve LeGrice, der Chefredakteur von "Inside TV". Auch "Celebrity Living" ist vor allem eines: lieb.

"OK!" treibt die Anbiederung nun auf die Spitze - mit in extravagante Kleider und weiches Licht gehüllten Schauspielerinnen wie Jessica Simpson und Tara Reid, mit seitenlangen, gehaltfreien Interviews, mit einer satten Entlohnung für die Bereitschaft, sich zur Möchtegerndiva aufmotzen zu lassen. Und mit geballtem finanziellem Willen: Mit 1,3 Millionen Exemplaren ist "OK!" auf dem amerikanischen Markt aufgeschlagen, der Besitzer der Zeitschrift, der britische Medienunternehmer Richard Desmond, hat hundert Millionen Dollar für den Marktauftritt bereitgestellt. Im Bedarfsfall, sagt Christian Toksvig, werde man auch noch nachlegen. "Unser erster Gedanke gilt nicht dem Geld, sondern die Nummer eins des Marktes zu werden."

Sandra Bullock verkauft keine Fotos

Die Konkurrenz beäugt das mit Skepsis. "Ein Superstar wie Jennifer Aniston braucht weder die Publicity noch das Geld", sagt Steve LeGrice. "Ich frage mich, wo der Anreiz liegen soll." Und siehe da: Jennifer Aniston gab vor einer Woche weder "OK!" noch "Inside TV", sondern "Vanity Fair" das erste Interview zu ihrer Trennung von Brad Pitt. "Für die meisten A-Stars", erklärt Professor Husni, "ist das Cover von ,Vanity Fair' weit mehr wert als eine Million Dollar auf die Hand."

Auch Hollywood zeigte sich zunächst nicht beeindruckt. Sandra Bullock hat einem Bericht von "USA Today" zufolge eine "OK!"-Anfrage über den Erwerb der Rechte an ihrer Hochzeit abgelehnt. "Mrs. Bullock verkauft keine Fotos", wird ihre Agentin Cheryl Maisel zitiert. Cindi Berger, die unter anderen Rosie O'Donnell und Laura Linney vertritt, spricht gar vom "Stigma eines bezahlten Interviews". Und Stan Rosenfield, der Robert De Niro und George Clooney vertritt, sagt: "Ob ich meinen Klienten zum Interview mit einer Zeitschrift rate, hängt nicht vom Geld ab, sondern von der Qualität der Zeitschrift." Momentan sei man "nicht interessiert", seinen Klienten rate er zum Abwarten. "Man wird sehen, wie sich das entwickelt."

Vage Bedenken hat Rosenfield allenfalls im Hinblick auf einen möglichen Schneeballeffekt. "Scheckbuchjournalismus steht nicht in hohem Ansehen, und viele werden kein Geld annehmen wollen, weil es den Eindruck erweckt, sie wären der Zeitschrift zu Dank verpflichtet. Aber falls sich das verbreitet, könnte etwas Ähnliches passieren wie im Steroidskandal der amerikanischen Baseball-Liga: Wenn es jeder macht, werden alle dazu gezwungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben."

Text: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 38
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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