Viva und MTV

Das Musikfernsehen ist am Ende

Von Stefan Niggemeier

Abschied von Viva: Sarah Kuttner

Abschied von Viva: Sarah Kuttner

25. November 2004 Im kommenden Jahr wird es keine „Sarah Kuttner Show“ mehr auf Viva geben. Die tägliche Personality-Sendung mit prominenten Gästen, Spielen, Reportagen und Live-Musik, die erst im August dieses Jahres gestartet wurde und seither das Aushängeschild des Musiksenders darstellt, ist im Sendeplan 2005 nicht mehr vorgesehen.

Möglich ist, daß Kuttner eine Sendung bei MTV bekommt, zur Zeit finden „lose Gespräche“ darüber statt, wie es heißt. Im Unternehmen wird aber ausgeschlossen, daß eine neue Sendung auch nur annähernd so aufwendig produziert würde wie die heutige Show von Kuttner. Aus den Sendelisten für nächstes Jahr geht gar keine Sendung mit Kuttner hervor. Es ist auch schwer vorstellbar, wie die Moderatorin in die alte und neue MTV-Welt passen soll.

Die große Hoffnungsträgerin

Auch für Charlotte Roches “Fast Forward“ ist bei Viva kein Platz mehr

Auch für Charlotte Roches "Fast Forward" ist bei Viva kein Platz mehr

Noch vor zwei Wochen hatte Viva in einer Pressemitteilung kundgetan, Sarah Kuttner zähle zu den „großen Hoffnungsträgern des deutschen Fernsehens“. Eine weitere Hoffnungsträgerin ist Charlotte Roche, deren Viva-Sendung ebenfalls Ende des Jahres eingestellt wird. Beide fallen einem beispiellosen Abbau von Programmen und Ambitionen zum Opfer, mit dem sich MTV in seiner neuen Rolle als Monopolist im Musikfernsehen präsentiert. Die MTV-Mutter Viacom hatte im Sommer den ehemaligen Konkurrenten Viva mehrheitlich übernommen. Jetzt geht es zur Sache.

Zu den Sendungen, die in den Plänen für 2005 nicht mehr auftauchen, zählen außerdem die Viva-Hip-Hop-Show „Mixery Raw Deluxe“, das Independent-Magazin „MTV Spin“ mit Markus Kavka und die nachmittäglichen Call-ins „Interaktiv“ (Viva) und „Select MTV“. Anstelle von „Interaktiv“ wird Viva täglich, zur besten Sendezeit für Musiksender, „Big Brother“ wiederholen. Statt „Select“ laufen englischsprachige Trash-Formate wie „Roomraiders“ (Kuppelshow, in der ein Mädchen die Schlafzimmer von drei Jungs durchsucht und umgekehrt), „Pimp my ride“ (Freaks bauen Autos um) und diverse Sendungen, in denen Menschen in extreme Situationen gebracht und mit versteckter Kamera gefilmt werden. Musik verschwindet zwischen 13.30 Uhr und 23 Uhr fast vollständig aus dem MTV-Programm.

Untertitelte Reality-Shows

Kurz nach dem Start schon wieder vorbei: Sarah Kuttners Show

Kurz nach dem Start schon wieder vorbei: Sarah Kuttners Show

„Alles, was man traditionell unter Musikfernsehen versteht, ist eigentlich erledigt“, sagt ein leitender Mitarbeiter von Viva. Was bleibt, sind Clip-Sendungen, die vom Publikum über kostenpflichtige Hotlines mitbestimmt und mitbezahlt werden - Viva Plus besteht von elf bis null Uhr nur aus einem solchen Programm namens „Get the Clip“. Und verschiedene Reality-Shows, die fast ausschließlich in den Vereinigten Staaten gekauft und untertitelt werden.

Bei Viva in Köln heißt es offiziell, die Programm-Planungen seien nur vorläufig; ohnehin werden die Entscheidungen offensichtlich nicht mehr dort getroffen. Die Pressestelle von MTV in Berlin macht sich den Spaß, auf die Kollegen in Köln zu verweisen, und erklärt, das „Programm-Schedule für 2005“ stehe „noch nicht definitiv fest“. Das Schema, das das Datum vom 10. November trägt und Werbekunden bereits zur Verfügung gestellt wurde, habe nichts zu sagen. Das Management von Sarah Kuttner wollte sich nicht äußern.

Stärkere Quoten-Fixierung

MTV-Geschäftsführerin Catherine Mühlemann hat die erklärte Aufgabe, die Gewinne der neuen Senderfamilie „deutlich“ zu erhöhen. Offiziell hieß es bislang, man werde in die Marken mehr investieren. Tatsächlich scheint es so, als solle die Profitsteigerung durch weniger Ausgaben und stärkere Quoten-Fixierung erreicht werden.

Mit Gewalt solle der Beweis erbracht werden, vermuten Insider, daß sich die Ausgabe von 310 Millionen Euro für den verlustmachenden Konkurreten Viva gelohnt habe. Dennoch erstaunt, wie fahrlässig ausgerechnet die imageprägenden Gesichter der Sender beschädigt werden, deren alte Sendungen aus dem Programm geworfen werden, bevor mit ihnen über neue Sendungen gesprochen wurde. Nichts spricht im Moment dafür, daß die Fusion „mehr Programmvielfalt“ bringen würde, wie MTV versprach.

Was gegenwärtig mit Viva passiert, wird übrigens nur in Berlin „Integration“ genannt. In Köln sagt man „Abwicklung“.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276 / Seite 43
Bildmaterial: AP, dpa

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