Oscar-Verleihung

Die Überraschung kam zum Schluß

Von Michael Althen

Clooney erklärt die Oscars

Clooney erklärt die Oscars

06. März 2006 Der Moderator Jon Stewart zählte auf, worum es bei den fünf Kandidaten für den Oscar als besten Film des Jahres ging: um Rassismus, Intoleranz, Zensur, Terrorismus und Verbrechen. Genau das sei es doch, warum wir ins Kino gingen, witzelte er weiter: „um dem Alltag zu entfliehen“. Und: Nur gut, daß es sich dabei um historische Stoffe handle, in der Gegenwart habe man mit diesen Problemen ja bekanntlich nichts mehr zu tun. Da ahnte Stewart noch nicht, daß die Academy aus dieser ironischen Bemerkung ihre eigenen Schlüsse gezogen hatte. Tatsächlich spielen ja vier der fünf Nominierten in der Vergangenheit: „Good Night, and Good Luck“ unter McCarthy in den Fünfzigern, „Capote“ und „Brokeback Mountain“ in den Sechzigern und Spielbergs „München“ in den Siebzigern. Nur „L.A.Crash“ ist in der Gegenwart angesiedelt - und gewann prompt den Oscar für den besten Film. Damit hatte sich die Verleihungszeremonie die größte Überraschung für den Schluß aufgespart.

Denn auf das Drama um den alltäglichen Rassismus in Los Angeles, in dem sich in einer Nacht verschiedene Lebensläufe kreuzen, hatte eigentlich keiner gesetzt. Schließlich hatte „Brokeback Mountain“ im Vorfeld alles abgeräumt, was die Branche an Preisen bereithält - nur die Schauspieler-Gilde hatte „L.A. Crash“ ausgezeichnet. Und weil diese in der Academy die meisten Mitglieder stellen, hätte man es vielleicht doch wissen können, daß „L.A. Crash“ größere Chancen hatte, als ihm im Vorfeld zugesprochen wurden. Womöglich liegt es aber einfach nur daran, daß eben doch die meisten Mitglieder in Los Angeles leben und schon deswegen dem Drama über die Verhältnisse vor ihrer eigenen Tür den Vorzug gegeben haben.

Kein Problem mit schwulen Cowboys

Es muß ja nicht gleich so sein, wie Larry McMurtry, der mit Diana Ossana für „Brokeback Mountain“ den Drehbuch-Oscar gewann, nach der Verleihung unkte, daß Amerika eben immer noch nicht reif sei für schwule Cowboys. Gerade die Filmbranche ist es allemal - wie auch George Clooney in seiner Dankesrede als bester Nebendarsteller für „Syriana“ noch mal betonte. Hollywood sei schon immer ein Vorkämpfer in gesellschaftlichen Fragen gewesen: „Wir haben von Aids gesprochen, als darüber nur geflüstert wurde, und haben über Bürgerrechtsfragen gesprochen, als es nicht populär war.“ Damit erwies er seiner Branche etwas zuviel der Ehre, aber so wie der Mann das bringt, möchte man ihm für Momente sogar glauben. Und acht Nominierungen für „Brokeback Mountain“ sind natürlich Beweis genug, daß Hollywood wirklich kein Problem mit schwulen Cowboys hat - auch wenn der Oscar für Regisseur Ang Lee am Ende wie ein Trostpreis wirken mußte.

Der Erfolg von „L.A. Crash“ gründet aber auch - das darf man bei den Oscars nie vergessen - auf einem ziemlich cleveren Schachzug der Firma Lions Gate. Weil der Film schon im Mai vergangenen Jahres in Amerika gestartet war und befürchtet wurde, daß ihn die meisten Mitglieder bis zu den Nominierungen schon wieder vergessen hätten, wurden hundertdreißigtausend DVDs in der gesamten Branche verschickt - mehr als zehnmal soviel wie üblich. Es hatten also nicht nur sämtliche Mitglieder den Film zu Hause, sondern auch noch sämtliche Nichtmitglieder, die jene kennen könnten.

Gralshüter des Mainstream auf Abwegen

Diese Investition hat sich nun unbedingt ausgezahlt für einen Film, dessen Aufnahme zwar positiv, aber keineswegs überwältigend war. Gut fünfzig Millionen Dollar hatte der Film im Sommer eingespielt (bei uns haben ihn zweihunderttausend Zuschauer gesehen) - und sein Sieg wird ihm sicher noch mal einen kleinen Schub geben, aber wie die anderen vier nominierten Filme wird sein Einspielergebnis unter dem des besten Dokumentarfilms bleiben. Daß keiner der Spielfilme die 77 Millionen Dollar von „Die Reise der Pinguine“ erreicht hat, wird erneut die Diskussion befeuern, ob Hollywood allmählich den Kontakt zum großen Publikum verliert. Auch dazu Clooney: Solange weiter wichtige Themen angeschnitten werden könnten, habe er nichts dagegen, wenn das so sei. Doch gerade die Oscars, die sich gerne als Gralshüter des Mainstream sehen, aber gegen sinkende Zuschauerzahlen kämpfen, werden auf Dauer ein Problem haben, wenn die Schere zwischen dem, was die große Mehrheit sehen will, und dem, was die Academy auszeichnet, immer weiter auseinandergeht. Denn Oscars Heimat war schon immer das mehr oder minder gepflegte Mittelmaß dazwischen.

So brachte der Abend vier Sieger hervor: Neben den drei Oscars für „L.A. Crash“ und „Brokeback“ gab es noch jeweils drei in den technischen Kategorien für „Die Geisha“ und „King Kong“, und die vier Schauspiel-Oscars gingen an vier verschiedene Filme: Philip Seymour Hoffman für „Capote“, Reese Witherspoon für „Walk the Line“, Rachel Weisz für „Der ewige Gärtner“ und eben Clooney für „Syriana“, was auch eine Auszeichnung dafür war, daß er gleichzeitig als Regisseur und Autor von „Good Night, and Good Luck“ nominiert war. Als er seine Statue in Händen hielt, witzelte er gleich: „Das heißt wohl, daß ich als Regisseur leer ausgehe.“

Leer ausgegangen sind nur die Deutschen. Diesmal keine Preise, weder für „Sophie Scholl“ noch für Ulrike Grothes Kurzfilm „Ausreißer“.

Text: F.A.Z., 07.03.2006, Nr. 56 / Seite 35
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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