Iranischer Film

Mein Chomeini ist der wahre

Von Alessandro Topa, Teheran

Objekt der Verehrung: Ayatollah Ruholla Chomeini

Objekt der Verehrung: Ayatollah Ruholla Chomeini

10. Juni 2008 Der Dreh zum Fernseh-Thriller „Operation 125“ kommt nur schleppend voran. In den hallenden Gängen der Teheraner Amir-Kabir-Universität will sich die zum Arbeiten erforderliche Stille partout nicht einstellen. Der Regisseur Behruz Afkhami nutzt die Unterbrechung, um sich die zuletzt abgedrehten Szenen zeigen zu lassen. Der drahtige Mann in den frühen Fünfzigern sieht nicht wie ein Regisseur aus, der zuletzt einen Propagandafilm über den Revolutionsführer Ajatollah Chomeini gemacht hat. Er ist ein smarter Typ, dessen Gesamterscheinung - das Gesicht von einem silbrigen Vollbart umrahmt, mit Wanderschuhen und in offenem Holzfällerhemd und in Jeans - eher an den Paul Breitner von heute als an einen Regimetreuen von gestern denken lässt.

„Farzand-e Sobh“ (Kind der Morgenröte) heißt sein Chomeini-Film, den Afkhami bereits Ende 2007 abgedreht hat. Noch hat ihn aber niemand gesehen, denn - so meldet zumindest die iranische Nachrichtenagentur Mehr - der Regisseur warte noch auf die Musik von Morricone. Ist das wahr? „Gewiss, gewiss“, sagt Afkhami, „durch Ennio waren wir in Kontakt mit Andrea Morricone getreten, da uns der vielbeschäftigte Ennio vorschlug, sein Sohn Andrea könne doch den Soundtrack mit seiner Unterstützung schreiben. Aber dann stand täglich der Reporter von ,Voice of America' in Rom bei Morricone vor der Tür und wollte wissen, ob er wirklich die Musik zu meinem Chomeini-Film machen werde.“ Und was antwortete er? „Morricone“, erläutert Afkhami belustigt, „hat alles bestritten. Daraus kann man nur schließen, dass ,Voice of America' massiven Druck auf ihn ausgeübt hat.“

Das ist die iranische Rhetorik der Mystifikation. Kein Morricone wird jemals wieder die Wahrheit über das Projekt sagen können - selbst wenn bereits seit Ende Februar auf der Homepage des Maestro erklärt wird, dass „weder Ennio noch Andrea die Musik zu dem iranischen Film über Chomeini schreiben werden“.

Aus dem Blickwinkel des Reformisten

Behruz Afkhami zählt nicht zu den international renommierten Regisseuren aus Iran wie Abbas Kiarostami oder Mohsen Makhmalbaf. Er ist aber einer der kommerziell erfolgreichsten einheimischen Regisseure, bei Kritik und Publikum gleichermaßen beliebt. Neben historischen und literarischen Stoffen hat er vor allem Geschichten verfilmt, die Frauenschicksale in den Fokus rücken. „Die Braut“ machte 1990 die neunzehnjährige Niki Karimi zur ersten Leinwandgöttin der Islamischen Republik. Mit „Hemlock“ folgte eine in die iranische Mittelschicht transponierte Adaption von Adrian Lynes Film „Eine verhängnisvolle Affäre“.

Wie kam er nach solchen Arbeiten zu seinem Chomeini-Film? „Als mir die Chomeini-Stiftung, die auch die Schriften des Imam ediert, den Film vorschlug, fiel mir erst gar nichts ein, und ich lehnte ab“, erinnert sich Afkhami an die Anfänge des Projekts vor rund zehn Jahren. Erst Martin Scorseses Film „Kundun“ über den Dalai Lama habe ihn zu einem Drehbuch inspiriert. Da er nicht die typische Karriere im Konzert medialer Gleichschaltung absolviert hat, verzögerten sich die Dreharbeiten lange - auch deshalb, weil der gebürtige Teheraner im Jahr 2000 als Abgeordneter der Reformorientierten ins Parlament gewählt worden war. „Das war anfangs ungeheuer spannend, doch insgesamt war das sechste Parlament nicht sehr erfolgreich“, beschreibt er nüchtern das Zerplatzen seiner Hoffnungen.

Hagiographische Tendenzen?

Sein Drehbuch stellt Chomeinis Kindheit in den Mittelpunkt: „Ich wollte zeigen, wie ein kleiner Junge, der im Alter von wenigen Monaten seinen Vater verliert, durch die großen politischen Umbrüche in seiner Kindheit geprägt wird.“ Erst am Ende werde deutlich, dass der gesamte Film aus Erinnerungen des auf dem Sterbebett liegenden Imam bestehe. Geradezu „verträumt“, so betont der Regisseur, sei der Film.

Die Biographen Chomeinis sind sich über dessen Kindheit höchst uneins. Gesichert ist, dass Ruhoallah (“Seele Gottes“) um 1902 als Sohn eines geistlichen Landbesitzers in einem Wüstendorf nordwestlich von Esfahan namens Chomein geboren wurde. Gesichert ist des Weiteren, dass der Vater bald ermordet wurde. Ob der kleine Ruhoallah nach oder schon vor dem Tod der Mutter bei einer Tante aufwuchs, lässt sich nicht mehr verifizieren. Alle weiteren malerischen Ausschmückungen und Erzählungen vom schön gewachsenen Hirten, der dichtend unter Dattelpalmen sitzt, entspringen wohl zumeist dem Bedürfnis, die Vita Chomeinis hagiographisch an die eines anderen Waisen anzulehnen - jene des Propheten Mohammed.

Der postmoderne Imam

Welche Mächte waren für die Politisierung des jungen Chomeini ausschlaggebend? Die Frage gefällt Afkhami. Mit flotter Hand zeichnet er zwischen Tee, Kandiszucker und aktuellem Drehplan die Türme des Städtchens Chomein auf den Tisch, doziert über die Rolle von Großgrundbesitzern und Steuerbeamten, betont, wie sehr ihn das Geburtshaus des Ajatollah inspiriert habe, das er für den Film nachbauen ließ, und kommt schließlich zum springenden Punkt: „Durch die konstitutionelle Revolution wurde der junge Chomeini Zeuge einer Massenbewegung, die sich erst gegen die Monarchie und später auch gegen die Religion und ihre Werte richtete. Das war der Beginn der iranischen Moderne. In der Lebensspanne des Imam ist der Modernismus gescheitert und hat seine Antithese hervorgebracht - weltweit: Sehen Sie sich nur die Achtundsechziger-Revolte an! Zehn Jahre später gingen dann wir in Teheran auf die Straße.“

Afkhami denkt Geschichte offenbar gern in dialektischen Figuren: „Jeder Prozess birgt etwas in sich, das sein Gegenteil erzeugt.“ Doch die Begriffe, die in seine Denkfiguren eingehen, bergen eigenartige Konnotationen: Nicht „antimodernistisch“ sei der Imam gewesen, sondern „postmodern“. Das klingt wie ein großes Lob, auch wenn Afkhami einschränkend „aus einem bestimmten Blickwinkel“ nachschiebt.

Im Geist des Fundamentalismus?

„Er war ein weltgeschichtlicher Wendepunkt. Aber auch meine Persönlichkeit als Filmemacher wurde durch ihn geprägt“, entgegnet Afkhami auf die Frage, wie Chomeini ihn beeinflusst habe. „Wir alle dachten, er könne globale Veränderungen bewirken, eine neue Ära einleiten. Er war ein tragischer Held, seiner Zeit voraus, deshalb sagte ich vorhin, er sei postmodern.“ Es wird deutlich, dass Afkhamis Postmoderne vage für die Zeit nach dem Zusammenbruch der jetzigen Weltordnung steht. Postmodernsein bedeutet für ihn demnach gerade nicht, sich in der Kunst des Pluralismus zu üben.

Ist Afkhami aber ein islamischer Fundamentalist? Der Erfolgsregisseur mit der Vorliebe für Heidegger und Hitchcock hatte schon vor Beginn der Dreharbeiten schwere Kritik einstecken müssen - und zwar von Fundamentalisten. „Nicht zuletzt die ultrakonservative Tageszeitung ,Keyhan' hat mich und meine Schauspieler so scharf unter Beschuss genommen, dass einige abgesprungen sind.“ Insbesondere die Rollenbesetzung der Amme Chomeinis durch die anrüchig-erotische Hediyeh Tehrani sorgte in konservativen Kreisen für Entrüstung. Als „talibanmäßig“ beschimpft Afkhami im Gegenzug das Chomeini-Bild der Sittenwächter. Sie wollten die Erinnerung an den Imam auslöschen, um ihn als leere Hülse für ihre plumpen Slogans zu missbrauchen. „Doch Chomeini“, ereifert sich Afkhami, „war ein paradoxer Geist, der uns Dinge sagte wie: ,Ihr wollt mit eurer Revolution die Welt verändern? Ha! Die Propheten haben es nicht geschafft, und wir werden es auch nicht schaffen. Dennoch müssen wir es versuchen!'“

Chomeini, meine Seele

Also ist Afkhami kein Fundamentalist? Nein, sein existentialistischer Imamismus ist letztlich nur der ideologische Überbau gleichermaßen vager wie weitverbreiteter Überzeugungen. In der heutigen iranischen Gesellschaft findet man nach wie vor in allen Schichten Verehrer Chomeinis. Selbst überzeugte Demokraten, die das gegenwärtige System zutiefst verachten, gestehen dem Revolutionsführer die historische Leistung zu, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Fremdherrschaft über das Vaterland beendet zu haben. Bei den Parlamentswahlen im März beriefen sich sämtliche politischen Lager ostentativ auf ihren Chomeini - von den Prinzipientreuen um Ahmadineschad über die Realo-Fundamentalisten im Gefolge Laridschanis bis hin zu den Reformern Chatamis: Alle legitimierten sich durch Bilder und Zitate des toten Staatsgründers.

Die historische Gestalt Chomeini bleibt in ihrem Heimatland indessen intellektuell unberührt wie am ersten Tag der Revolution. Behruz Afkhami hat denn auch keinen kritischen Film über den Ajatollah Chomeini gedreht. Im Gegenteil: „Farzand-e Sobh“ ist das Werk eines glühenden Verehrers: „Ich habe ihn geliebt“, bekennt Behruz Afkhami. „Er hat uns unser Selbstwertgefühl wiedergegeben“, ergänzt der Produzent des Films, Mohammad Reza Sharafeddin. „Chomeini, du bist meine Seele!“ - das riefen die Menschen 1979.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS, UPI/laif

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