17. Februar 2005 Der Fernsehsender RTL trennt sich überraschend von seinem Geschäftsführer Marc Conrad. Der 44jährige hatte die Verantwortung für den Sender erst am 1. November 2004 übernommen. Die RTL-Geschäftsführung übernimmt wieder Conrads Vorgänger und Chef der RTL-Group in Luxemburg, Gerhard Zeiler. Das teilte der Kölner Privatsender am Donnerstag mit. Über die Hintergründe wurde offiziell nichts mitgeteilt.
Zeiler und Conrad hätten gemeinsam die Entscheidung getroffen, die Zusammenarbeit in der jetzigen Form nicht fortzuführen, heißt es in der von RTL am Donnerstag morgen verbreiteten Pressemitteilung. Conrad werde wieder als Produzent tätig sein. Stellvertretende Geschäftsführerin wird die Vox-Chefin Anke Schäferkordt, für die zugleich die Position eines COO (Chief Operating Officer) geschaffen wird. An sie sollen die Direktionen Finanzen, Technik, Information und Medienpolitik, das Generalsekretariat, die Vermarktungsorganisation IP sowie die Geschäftsführung von VOX berichten. Weiter wird sie für die Beteiligungen der RTL Group an den Sendern n-tv und Super RTL verantwortlich sein.
Konzepte vermißt
Aus gut informierten Kreisen verlautete am Donnerstag, daß bei Conrad Konzepte vermißt wurden, die den privaten deutschen Marktführer hätten nach vorne bringen können. Conrad hatte sich lange mit Äußerungen über seine Vorstellungen zum Programm des Senders zurückgehalten und zu spät Andeutungen zur weiteren Zukunft gemacht. Vor allem von Seiten der werbetreibenden Industrie, hieß es, sei über fehlende Impulse geklagt worden.
Interessante Monate
Marc Conrad ist ein herausragender Fernsehmacher und Kreativer. Ich danke ihm für die vielfältigen Anregungen in den vergangenen drei Monaten, teilt Zeiler mit. Daß wir beschlossen haben, die Zusammenarbeit in der bestehenden Form nicht fortzuführen, bedeutet nicht, daß wir nicht auch künftig zusammenarbeiten werden. Conrad wiederum erklärt: Die vergangenen Monate waren interessant und lehrreich. Ich freue mich, die Zusammenarbeit mit Gerhard Zeiler und RTL Television in anderer Form fortzusetzen.
Marc Conrad war schon von 1983 an Mitarbeiter bei RTL plus und wurde rechte Hand des Geschäftsführers Helmut Thoma. 1992 wurde er Programmdirektor bei RTL, 1994 stellvertretender Geschäftsführer. In dieser Phase galt er als knallharter Programmmacher mit dem Riecher für die richtigen Formate. 1998 verließ er den inzwischen von Zeiler geführten Sender. Er machte er sich mit seiner Produktionsfirma typhoon networks ag selbständig, die unter anderem für RTL die Serie Abschnitt 40 produziert und die Comedy Freitag Nacht News.
Doppelbelastung kein Problem
Als neuer Geschäftsführer hatte er Zeiler nun von seiner Doppelbelastung in Köln und Luxemburg befreien sollen. Jetzt aber teilt Zeiler mit: Ich habe ein starkes Management-Team sowohl bei der RTL Senderfamilie in Köln als auch bei der RTL Group in Luxemburg. Sie werden es mir ermöglichen, beiden Aufgaben zugleich in vollem Umfang gerecht zu werden.
Anke Schäferkordt, die früher beim Bertelsmann-Konzern in verschiedenen kaufmännischen Funktionen arbeitete, ist seit 1999 Geschäftsführerin beim Kölner Privatsender Vox. Ihr wird im Bertelsmann-Konzern hoch angerechnet, daß sie dem einstigen Problemkind der RTL-Senderfamilie mit einem geschickten Mix aus amerikanischer Lizenzware und Eigenproduktionen Profil verlieh und den Sender unaufhaltsam in die Gewinnzone führte.
In den vergangenen Tagen hatte Marc Conrad noch mit programmplanerischen Visionen für Aufsehen gesorgt. Das Fernsehen, so Conrad in einem Interview, müsse zu einer gewissen Ernsthaftigkeit zurückkehren und den nach Orientierung suchenden Menschen Halt geben. Habe das Medium den Zuschauern einst mit großer Lust das Korsett geöffnet, so sei nunmehr Politik der neue Sex: Damit sei alles gemeint, was die Gesellschaft betreffe. So plane RTL eine politische Talkshow und einen Wiedereinstieg in die Produktion von Fernsehfilmen. Mit diesen Plänen könnte es nun schon wieder vorbei sein.
Text: FAZ.NET
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