Toll, was Sie da schreiben: "Das Musical von Stephen Sondheim gefällt sich nicht nur in jener Art von mäßig komponierten, schlecht gereimten Selbstgefälligkeiten, die Filmmusical-Fans von jeher den Zugang zu Bühnenmusicals verstellt hat, sondern wird von Burton auch noch ohne jedes Gefühl für Musik und Choreographie inszeniert. Es gibt nicht einen einzigen Song, der im Ohr bliebe, nicht eine Szene, die sich über das bleierne Material emporschwingen würde."
Wie kann ein verfilmtes Bühnenmusical den Zugang zu Bühnenmusicals verstellen? Auch nett, dass Sie Sondheim mangelnde Ohwürmer vorwerfen. Normalerweise werfen deutsche Feuilleton-Kritiker Andrew Lloyd-Webber zu viele Ohrwürmer vor... man kann's Ihnen nicht recht machen! Aber allein wie Sie hier Sondheim kritisieren macht deutlich, dass Sie - wie in Deutschland leider üblich - keine Ahnung von Musicals haben, aber dafür ziemlich viel Ahnung davon wie man schlechte Kritiken über Musicals schreibt! Vielen Dank für die Erfüllung aller Klischees!
Wenn jemand Herzblut in eine Interpretation dieses Musicals gesetzt hat dann wohl Tim Burton. Dies kann man übrigens bei all seinen Filmen behaupten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Autor dieses Artikels jemals für Bühnenversionen des Musicals interessiert hat, denn davon gab es einige die es mit dem Film auf gar keinen Fall aufnehmen können.
Das Trio Burton/Depp/Carter hat sich trotz oder besser durch die häufige Zusammenarbeit zu einer eigenständigen Stilrichtung entwickelt und brilliert immer wieder aufs Neue mit einer einzigartigen Atmosphäre, die auch in diesem Werk mit "das gewisse Etwas" bezeichnet werden könnte.
Die Parallele zum Splattergenre kann ich beim besten Willen nicht entdecken. Höchstens einen morbiden Charme. Und etwas Blut - jedoch wäre eine Sweeney Todd Interpretation ohne Blut eher lächerlich. Mit Filmen wie Saw, Texas Chainsaw Massacre, Hostel...jedenfalls genauso unvergleichbar wie Gottfried Benn mit King Orgasmus One.
Zuletzt soll auch mal gesagt sein, dass der Ur-Verfasser des Musicals - Stephen Sondheim - den Film als eine der besten Interpretationen bisher ansieht.
lieber Rezensent, die aus Ihrem Artikel trieft.
Habe den Film zwar noch nicht gesehen, aber nach diesem Verriss fühle ich mich dazu verpflichtet, zumal ich alter Stephen-Sondheim-Fan bin.
Welche Sorte (Film- oder Musical-)Musik wünschen Sie sich denn so?
Grauslich neutönendes Gejaule in 12 nur aufeinander bezogenen Tönen, wobei der Kontrabass gespielt wird, indem der Orchestermusiker eine Tube Zahnpaste dagegen schlägt?
Oder oberlangweiliges Donizetti-Geträller?
Was gereicht Ihrem edel gebildeten Geschmack zur Ehre?
Also wirklich, wenn es nicht Ihr Ding ist, Sondheim und Burton und Depp - kein Problem. Keiner muss.
Aber sich so unappetitlich auszukotzen, das ist doch wirklich splattermäßig, und ganz bestimmt nicht auf eine künstlerisch wertvolle Art.
(Heute Hanslick nachzulesen, ist ja vielleicht ganz witzig, aber nacheifern muss man ihm wirklich nicht, lieber Rezensent.)
Ich habe den Film nicht gesehen und kann daher über ihn nichts sagen. Allerdings scheinen sich "als Kunst gerierende Splatterfilme" ja eher ein allgemeines Problem der Branche zu sein. Dieses Attribut könnte man problemlos auch sämtlichen mir bekannten Quentin Tarantino Filmen anhängen. Dass dies nun ausgerechnet diesem einen Film als Schwäche ausgelegt wird, während Kill Bill oder Death Proof (Faz: "dieser Film ist vermutlich eines der schönsten, wahrsten und sensibelsten Werke, die in diesem Jahr in unsere Kinos kommen"!!!) in den Himmel gelobt werden scheint mir ziemlich unfair.
Ich persönlich bin der Meinung, dass das Kino endlich wieder von diesem Irrweg der "sich als Kunst gerierenden Splatterfilme" wegkommen sollte. Denn diese Genre, das noch nie wirklich kreativ war, hat mittlerweile auch den Reiz des Neuen und Aufregenden gänzlich verloren. Nicht einmal provokant ist es mehr. Ähnlich wie der "Gangsterrap" in der Musik, hat es sich totgelaufen, denn jetzt wo die einstige Radikalität zu immer gleichen Schemata verkommen ist, die keinen mehr vom Hocker hauen, offenbart sich mehr und mehr der darunterliegende Mangel an künstlerischer Substanz.
Ich kann diese Rezension wahrlich nicht verstehen. Es muss wohl an den schwachen Nerven des Autors gelegen haben, wenn er solch ein hartes Urteil über diesen hervorragenden Film fällt. Sicherlich, an Kunstblut wird nicht gespart, doch in der schaurig-schönen Athmosphäre des Settings und der unausweichlichen Handlung des Films fiel mir dieser starke Akzent nicht negativ auf.
Ich bin mir nicht sicher ob Herr Althen hier eingängige Popschlager hören möchte - aber mir gefiel der Soundtrack ausgezeichnet, wie so vieles von Elfman. Der Film unterscheidet sich natürlich stark von Bühnenmusicals, aber gerade deswegen sollte man auch weniger mit solchen vergleichen. Und wer nur diesem Genre etwas abgewinnen kann, der sollte einfach keine Rezension zu Sweeney Todd schreiben.
Meiner Meinung nach ist dies ein wirklich guter Film von einem genialen Tim Burton und die schauspielerischen Leistungen von Johnny Depp und Helena Bonham Carter sind bemerkenswert.
Wer also ein wenig Kunstblut verträgt, der sollte sich dieses Schauermärchen unbedingt zu Gemüte führen.
"Sweeny Todd" ist ein einzigartiger kurioserer und fantastischer Film, welcher es im Rahmen einer durchaus langweiligen und tristen Story durchaus schafft den Figuren Tiefgang und Charakter zu verschaffen. Der Zuschauer versinkt von der ersten bis zur letzten Minute in der Welt von Sweeny Todd. Die Gesangseinlagen, ob Sie einem gefallen oder nicht, passen in das Gesamtbild des Filmes und verleihen ihm zusammen mit den Protagonisten einen einzigartigen Charme. Über Kunst läßt sich ja gewöhnlich streiten, sonst würde es sich ja schließlich nicht um Kunst handeln und "Sweeny Todd" ist sicherlich ein Pendant für Kunst im Bereich des Filmes. Sicherlich, Tim Burton geizt nicht mit Kunstblut, aber das ist noch lange kein Grund "Sweeny Todd" als Splatterfilm darzustellen. Jeder der sich für außer- und ungewöhnliche sowie durchaus charaktervolle Filme interessiert ist mit "Sweeny Todd" bestens bedient. Wer allerdings wie Herr Althen mit Kunstblut nicht umgehen kann, sollte sich den Film aber tatsächlich sparen. Meiner Meinung nach ein toller Film und alles andere nur kein Splatterfilm.
... ausgerechnet diesen netten, vielleicht sogar sehr guten Film von Tim Burton, so nieder zu machen. Tim Burton ist einer der letzten Talentierten.
Konsequent interpretiert er Material in seine Bildsprache, in sein „Universum” um und schafft es doch jedes mal etwas Neues.
Ausgerechnet auf Tim Burton los zu gehen, wenn die Kinos überquellen vor einfallslosen Spezialeffekt filmen, von „Regisseuren”, welche eben diese Effekte mit Ideen verwechseln, in Filmen mit dem immergleichen Strickmuster, aus dem Romancomputer von 1984 für die „Proles”, möchte man meinen.
Sweeny Todd gibt die Möglichkeit, endlich mal wieder in ein „normales” Kino zu gehen und es nicht zu bereuen. Sweeny Todd ist eben ein echter Kinofilm: Tim Burton hatte etwas vor und hat es konsequent ausgearbeitet und toll umgesetzt.
Natürlich bleibt immer noch die Frage des Geschmacks, aber ihn so schlecht da stehen zu lassen ist, nach Kultfilmen wie Kill Bill - da fließt das Blut nun wirklich Sinn- und Gedankenlos - und weiterem Dumpfgefilme, daß aus irgendwelchen Gründen bei den Kritikern so toll ankam, nur lächerlich.
Ich hätte erwartet, daß wenigsten in der FAZ erkannt wird, daß Tim Burton endlich mal wieder ein tollen Popcornfilm bringt, nach Jahren der Dürre.
Da ihnen bereits das Musical NICHT gefallen hat scheinen sie wohl kaum der geeignete Rezensent für diesen Film zu sein. Unter Fans des Musicals ist die Meinung nämlich nahezu eindeutig: Tim Burton ist eine herausragende Umsetzung, gerade weil er dabei vermieden hat die heftigen Darstellungen der Gewalt aus Gründen der politischen Korrektheit abzuschwächen. Ihr eigener Sinn von Ästhetik in allen Ehren, aber wie schon mein Vorredner etwas drastisch erwähnt hat: Eine Interpretation so subjektiv sie auch sein mag darf sollte begründet sein. Dies ist hier nicht der Fall.
"Denn bei Burton gibt es nichts Liebliches, Süßliches, ja nicht einmal Natürliches. Alles bei ihm ist widernatürlich, auf Teufel komm raus: Tod und Verwesung, Blut und Verzweiflung."
Tod und Verwesung, Blut und Verzweifung sind also "widernatürlich"?
Und ich habe sprechene Mäuse und Rehkitze mit Augen, groß wie Bratpfannen immer für widernatürlich gehalten.
Tod, Verwesung, Blut und Verzweiflung hingegen für ziemlich biologisch und natürlich.
(Gut... Verzweiflung muss man hier wohl ohnehin rausnehmen - denn die gibt es bei Disney auch zur Genüge).
Menschen zu Nahrungsmitteln verarbeiten und die Verzweifung, den Hass und die menschlichen Abgründe auf die geschehene Weise zu zelebrieren - das sind Dinge, die auf einem ganz anderen Blatt stehen und die einem sicherlich weder als Kunst, noch in sonstiger Form, zusagen müssen.
Aber können.
...nämlich die hier gezeigte Intoleranz gegenüber dem Neuen. Ausserdem gibt es auch in Burton's Universum undüstere Filme. Es gibt nur wenige Filme, die mich emotional so beindruckt haben wie 'Big Fish'.