Von Michael Althen
23. Februar 2008 Tim Burton war einst Zeichner bei Disney, und es hat ihm, gelinde gesagt, nicht gefallen. Seither ist er andere Wege gegangen - und wenn Uncle Walt noch leben würde, sähe er in ihm garantiert den Antichristen.
Denn bei Burton gibt es nichts Liebliches, Süßliches, ja nicht einmal Natürliches. Alles bei ihm ist widernatürlich, auf Teufel komm raus: Tod und Verwesung, Blut und Verzweiflung. Kein anderer Regisseur hat ein so eigenes, so phantastisches Universum geschaffen, und stets nach seinem eigenen Bilde. Seine Helden sehen stets aus wie er, umschattete Augen und wirres Haar, und entweder werden sie von seinem Alter Ego Johnny Depp dargestellt oder von seiner Lebensgefährtin Helena Bonham Carter - es gibt schlechtere Weggefährten.
In Corpse Bride hat er die beiden auf geniale Weise in Stoptrick-Puppen verwandelt, aber allmählich schleicht sich der Zweifel ein, ob sie nicht auch in den Realfilmen langsam zu Puppen erstarren. Burtons überbordende Phantasie mag unerreicht sein, aber in Sweeney Todd läuft sie sich auf eine Weise tot, dass man sich fragt, ob Burton nicht der Disney des eigenen Reiches geworden ist - Herrscher im Reich des eigenen Warenzeichens.
Ohne jedes Gefühl
Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street ist genau das, was man sich unter diesem Titel von einem Tim-Burton-Film vorstellt: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, viktorianische Kulissen, jede Menge Kunstblut. Wer darauf hofft, dass der Umstand, dass es sich um eine Musical-Verfilmung handelt, diesen Zutaten irgendetwas hinzufügt, wird bitter enttäuscht. Das Musical von Stephen Sondheim gefällt sich nicht nur in jener Art von mäßig komponierten, schlecht gereimten Selbstgefälligkeiten, die Filmmusical-Fans von jeher den Zugang zu Bühnenmusicals verstellt hat, sondern wird von Burton auch noch ohne jedes Gefühl für Musik und Choreographie inszeniert. Es gibt nicht einen einzigen Song, der im Ohr bliebe, nicht eine Szene, die sich über das bleierne Material emporschwingen würde. Alles ist so trocken wie das Talkumpuder, unter dem die Helden lebendig begraben sind.
Kameramann Dariusz Wolski tut das Mögliche, den Londoner Kulissen Atmosphäre abzugewinnen, aber am Ende wirkt alles nur wie Kulissenschieberei, und ob diese nun am Computer simuliert oder real in Szene gesetzt wurde, ist auch schon egal. Depp spielt den Barbier, der nach fünfzehn Jahren Straflager zurückkehrt, um den Verlust seiner Frau zu rächen. Ein Richter (Alan Rickman) hat das junge Glück entehrt und hält die Tochter als Mündel gefangen. Die Rache sieht so aus, dass der Barbier so vielen Männern wie möglich die Kehle durchschneidet, bis er endlich an den Richter gerät.
Dabei lässt Burton das Blut so fontänenartig fließen, dass es einem nur schlecht werden kann und man sich fragt, ob womöglich deswegen so wenig Herzblut für die Geschichte übriggeblieben ist. Die Leichen wiederum werden von einer Bäckerin verbacken, die vorher nur Maden und Kakerlaken verwendet hat. Das alles ist von einem mutwilligen Hautgout, der nie den Witz früherer Burton-Filme hat, sondern beim Zusehen einfach nur aufstößt. Sweeney Todd ist ein Splatterfilm, der sich als hohe Kunst geriert. Etwas Schlimmeres gibt es fast nicht.
Text: F.A.Z., 23.02.2008, Nr. 46 / Seite 36
Bildmaterial: ddp
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