Janosch-Verfilmung

Fischdame als Quotenmädchen

Von Monika Osberghaus

Die Tigerente zeigt den Weg nach Panama

Die Tigerente zeigt den Weg nach Panama

22. September 2006 Es gab Zeiten, da jede Theaterkompanie zunächst eine Kontrolle durchlaufen mußte, wenn sie eine Geschichte von Janosch auf die Bühne bringen wollte. Sein berühmtes Bilderbuch „Oh, wie schön ist Panama!“ rief geradezu nach einer Inszenierung fürs Kindertheater, und es wurde auch viele Male aufgeführt. Bevor aber die Proben überhaupt losgehen konnten, gingen die Spielfassungen an den lizenzgebenden Verlag, der strenge Auflagen verfügte: Nur der Originaltext galt, keine Zusatzgeschichten, keine Abweichungen irgendwelcher Art. Da gutes Kindertheater auch Freiheit braucht, kam es so zu braven Bühnenillustrationen der Geschichte statt zu eigenständigen Stücken. Zuviel Kontrolle erstickt die Kunst.

Was dagegen geschieht, wenn es gar niemanden mehr kümmert, was aus einem Originalwerk wird, kann man jetzt sehen, wenn eine dreiviertelfremde Geschichte unter dem wohlbekannten Titel „Oh, wie schön ist Panama!“ in die Kinos kommt. Hier hat niemand mehr auf die Beziehung des Endprodukts zu seinem Ursprung geachtet. Auch Janosch nicht. Er legte sein Werk in die Hände „der Filmemacherin seines Vertrauens“, wie der Pressetext berichtet.

Ur-Geschichte könnte kaum dreißig Minuten füllen

Irina Probost hat auch schon die NDR-Serie „Antje“ mit ihm zusammen produziert. „Oh, wie schön ist Panama!“ sei schon immer der Film ihrer Träume gewesen, sagt sie. Da Janosch beschloß, sich in ihre Arbeit nicht einzumischen, ist aus seiner liebenswerten philosophischen kleinen Geschichte um zwei Lebenskünstler, die ihre Heimat mit anderen Augen sehen lernen, ein beliebiger, oberflächlich aufregender Film geworden, bestückt und behängt mit allen Accessoires, die ein Kinderfilm heute braucht, um Kasse zu machen.

Das sind: prominente Namen, eine gefällige Ästhetik, Action und eine gewisse Mindestlänge. Letzterem Diktum mußte die Treue zur Ur-Geschichte weichen, die selbst kaum dreißig Minuten füllen könnte. Nach einem wunderschön gemächlichen, harmonisch-idyllischen Start, der dreijährige Zuschauer genauso wie erwachsene Janosch-Liebhaber schon fast in Sicherheit wiegt - allein die kränklich wirkenden Augen aller Beteiligten irritieren -, könnte die Story ebenso langsam auf ihren guten Schluß zusteuern. Nur wäre es dann kein nachmittagfüllender Film mehr.

„Großes Frauendefizit“ der Geschichte ausgleichen

Daher gebärdet sich die Handlung plötzlich wie entfesselt, wird hektisch und immer unglaubwürdiger. Statt eine kleine Runde ums Feld zu drehen und anschließend ihr eigenes Zuhause mit dem Blick des Fremden zu betrachten und glücklich zu erobern, reisen der kleine Tiger und der kleine Bär tatsächlich um die halbe Welt und erleben zum Teil schreckliche Abenteuer. Begleitet werden sie dabei von einem aufdringlichen kleinen Fisch, der mit Anke Engelkes Stimme spricht.

Diese Fischdame ist das Quotenmädchen des Films, sie soll das „große Frauendefizit“ der Geschichte ausgleichen, das die Produzentin ausgemacht hat. Zu Recht natürlich. Es gibt nun einmal Geschichten mit geringem Frauenanteil, und Janosch ist bekanntermaßen einer der besten Erzähler solcher Geschichten - kein Grund, sie gleich umzuschreiben.

Warum sollten Kinder diesen Film mit Gewinn sehen?

Schwerer wiegt die Entscheidung, der Geschichte ihren eigentlichen Clou zu nehmen, nämlich den, daß die beiden Helden gar nicht richtig fortgewesen sind, sondern nur die Perspektive gewechselt haben. Alles futsch! - möchte man den wackeren Kinderfilmemachern mit Janoschs eigenen Worten zurufen. Warum sollten Kinder diesen Film nun noch mit Gewinn sehen? Weil sie Til Schweigers Stimme hören, wenn der kleine Tiger spricht, und Dietmar Bärs Stimme, wenn der kleine Bär spricht?

Weil es ein paar aufregende Szenen gibt, in denen die beiden ziemlich gemein in Lebensgefahr kommen (was derart ausgereizt wird, daß kleinere Zuschauer lieber den Saal verlassen), weil die Musik nett klingt und sehr gut eingespielt wird, weil die polnischen Zeichner schöne, detaillierte Hintergründe gemalt haben? Das reicht für einen mittelnetten Nachmittag mit irgendeiner mittelnetten Geschichte. Das reicht nicht für einen Kinofilm, auf dem der Name Janosch steht.



Text: F.A.Z., 23.09.2006, Nr. 222 / Seite 43
Bildmaterial: Warner Bros.

 
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