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Kino

Warten, bis es dunkel ist

23. September 2004 Ein Interview mit dem Filmregisseur Michael Mann über seinen Film „Collateral“ und seinen Star Tom Cruise, über die Stadt Los Angeles und die wundersame Architektur von Moçambique.

Ihr Stil ist in "Collateral" unverkennbar. Manche Bilder sind so schön, daß man sie sich am liebsten wie ein Gemälde an die Wand hängen möchte. Gibt es eigentlich schon Künstler, die so malen, wie Sie filmen?

Michael Mann: Keine Ahnung. Ich liebe eine gewisse Flüssigkeit. Seit 1995 drehe ich in Los Angeles, und ich sehe die Stadt immer wieder mit anderen Augen. Es interessiert mich schon lange, wie Dinge durch Teile oder Fragmente vermittelt werden können, so daß sie Repräsentationen eines Ganzen enthalten, das man nicht sieht. Man sieht nur den wesentlichen Teil. In "Collateral" steckt das schon in der Form. Zehn Stunden werden aus dem Leben einiger Menschen herausgelöst, die Zeit wird komprimiert. Wie kommt man hinein in einen solchen Lebensabschnitt? Es muß etwas Abgerissenes haben, es soll so sein, als ob man in eine Stromschnelle springt und davongetragen wird.

Haben Sie den Film auch auf Digitalvideo gedreht, weil diese Technik etwas Flüchtiges, Verwischtes hat?

Ohne die Technik würde man das meiste gar nicht sehen. Da wären nur Schwarz und ein paar vage Umrisse. Man sähe auch die Unterkanten der Wolken nicht, die vom Widerschein der Neonreklamen und der Straßenbeleuchtung aus Hunderten von Metern Entfernung aufgehellt werden. 85 Prozent des Films wurden auf Digitalvideo gedreht. Wir haben alles ausprobiert. Als Maßstab haben wir dabei nicht eine perfekte Filmkopie genommen, wir wollten, daß es auch bei niedrigster Kopienqualität noch gut aussieht.

Das ist die technische Seite. Es geht aber auch, wie Sie einmal gesagt haben, um das Sehen im Dunklen. In Ihren Filmen gibt es immer wieder großartige Nachtaufnahmen, man könnte fast sagen, es sei ein Kino der Nacht.

Ich will die Nacht fühlbar machen. Nachtaufnahmen sind stimmungsvoller, Personen, Häuser, Straßen werden in eine andere Stimmung versetzt.

Dieses Noir-Gefühl hat offenbar auch Tom Cruise gereizt, der zum ersten Mal in seiner Karriere einen hundertprozentigen bad guy spielt. Wie sind Sie zusammengekommen, wer hat sich wen ausgesucht?

Tom war schon lange an dem Stoff dran, und wir wollten schon seit langer Zeit mal zusammenarbeiten. Es gab immer wieder Verzögerungen, er hat lange überlegt. Ich erinnere mich noch gut, daß ich bei dem entscheidenden Telefonat zu ihm gesagt habe: Wenn du an diesem Punkt deiner Karriere keinen Antihelden spielen kannst, wann dann? Wenn Steve McQueen es getan hat, kannst du es auch.

Los Angeles ist in "Collateral" wie ein Hauptdarsteller. Wie schaffen Sie es, immer wieder einen neuen Blick auf die Stadt zu finden?

Ich fahre einfach ziellos in der Gegend herum, ich halte immer die Augen offen. Wenn ich hier in Berlin aus dem Fenster schaue, sehe ich sofort Dinge, die man filmen kann. Es ist ein bißchen lächerlich, aber ich tue das die ganze Zeit. Wenn ich unter einer Brücke durchfahre, hochschaue und sehe, wie sich das Gitterwerk gegen den Himmel abzeichnet, denke ich daran, wie man das filmen kann.

Man sucht sich Orte und versucht, eine besondere Stimmung zu erzeugen. Bei mir geht das manchmal stark ins Expressionistische. Auch die Innenarchitektur in einem Restaurant dient ja dazu, uns in eine Stimmung zu versetzen. Der Ort muß gar nicht zu einer Figur passen, er kann auch einen scharfen Kontrast bilden. Wenn Max, der Taxifahrer, in "Collateral" in die Diskothek in Koreatown kommt, muß sofort klar sein, daß er da sowenig hingehört wie Gringos oder Mittelklasseschwarze. Und man findet in Los Angeles immer wieder Schauplätze und Phänomene, von denen man zuvor noch nie gehört hatte, selbst wenn man schon lange dort lebt.

Mitunter zitieren Sie sich auch selbst. Der Zug am Ende von "Collateral" ist der gleiche, aus dem Robert De Niro in der ersten Szene von "Heat" steigt . . .

Es ist noch viel schlimmer: Es ist dieselbe Haltestelle, und wenn gerade der Gegenzug einfahren würde, könnte De Niro aussteigen. Ich habe das nicht geplant, es war bloß die einzige Station, die wir für die Dreharbeiten bekommen konnten.

Was macht eine Stadt für Sie interessant oder inspirierend?

Das hängt davon ab, was man sucht. Aber eine der faszinierendsten Städte, in denen ich je war, ist Maputo in Moçambique, wo ich Szenen für "Ali" gedreht habe. Ich bin frustriert abgereist, weil ich wußte, daß ich kaum die Oberfläche berührt hatte. Die Architektur dort ist phänomenal.

Die moderne Architektur des frühen 20. Jahrhunderts hat sich im Vergleich zum Westen weiterentwickelt, weil es dort keinen Zweiten Weltkrieg und infolgedessen keinen Nachkriegsbauboom gab. In Amerika hat die Architektur 1929 für rund 20 Jahre einfach aufgehört, wegen der großen Depression und wegen des Krieges wurde nicht viel gebaut. In Maputo findet man Art déco, Streamline Deco, alles mögliche. Sie haben einfach weitergebaut, aber als die Portugiesen 1974 gingen, war's das. Seit 30 Jahren gibt es keinerlei Instandhaltung mehr. Durch die Korrosion sieht das aus wie Science-fiction-Architektur, es ist unglaublich.

Das ist die dunkle Seite der Globalisierung. Sie waren im Krieg mit ihren Nachbarn, sie hatten kein Geld, sie haben keine Waren oder Rohstoffe, die die Welt will. Aus Haß auf die Portugiesen haben sie alles runterkommen lassen, da liegen halbversunkene Schiffe im Hafen, das Eisenbahnsystem wurde sabotiert, die Wasserversorgung. Es ist einfach brutal.

Jetzt fahren Sie weiter nach Venedig. Die Stadt ist auf eine ähnliche Weise zu Tode fotografiert worden wie Los Angeles.

Ich glaube, es ist sehr schwer, sie neu aussehen zu lassen. Mit Berlin wäre das vielleicht möglich. Städte im Übergang sind immer interessant. Ich würde auch gern mal in Europa drehen. Nach "Ali" wollte ich einen Spionagefilm machen und habe ausgiebig in Europa recherchiert. Aber das Skript war einfach zu schlecht.

Von Venedig fahren Sie nach Hause mitten in den Wahlkampf. Haben Sie schon öffentlich Position bezogen, oder halten Sie sich lieber raus?

Ich war Mitglied einer Jury, die von der Initiative Moveon.org ins Leben gerufen wurde. Wir haben Anti-Bush-Commercials beurteilt.

Und sonst?

Mal schauen, was passiert. Ich bin natürlich für John Kerry, aber ich mische mich nicht zu sehr in die Politik ein, meine Perspektive ist zu radikal. Der Unterschied zwischen links und rechts ist in Amerika ja nur minimal. Ich befürchte allerdings, daß Bush wiedergewählt wird.

Die Fragen stellte Peter Körte.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.2004, Nr. 222 / Seite 38
Bildmaterial: AP

 

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