06. September 2004 Das Kino kann Geschichten, es kann aber auch Geschichte erzählen. Vermutlich lag die Sehnsucht nach einer optischen Zeitmaschine der ganzen Kunstform in den Anfängen zugrunde. Und so ist der Blick durch die tiefe Kameralinse der Vergangenheit, die uns derzeit heimeliger erscheint als die Zukunft, von den Trojanern bis zu den Artusrittern, von Napoleon bis zu den Gladiatoren, wieder Normalität geworden - statt Popcorn endlich wieder olle Kamellen.
Gleich zwei große Produktionen bei den Filmfestspielen tauchen ausgiebig ab in die literarische Vergangenheit: Michael Radford nahm sich den "Kaufmann von Venedig" vor, seine Kollegin Mira Nair Thackerays Gesellschaftsroman "Vanity Fair".
Es beginnt mit einer Lüge
Beide Filme beginnen, wie es sich fürs Kino gehört: mit einer Lüge. "Venedig 1596" hebt Radford an und erzählt sogleich wie ein Geschichtsprofessor von der heiklen Stellung der Juden. Mit "London 1802" beginnt Nair und hat den malerisch herumlungernden Pöbel im Blick, während ein Lord im Seidenmantel durch den Matsch dahinschreitet.
Dabei ist Venedig für Shakespeare nur eine zeitlose Kulisse; vom Juden Shylock führt er uns in eine Märchenwelt mit Zauberschlössern und Geschlechtertausch. Und auch Thackeray hat als Romancier das Georgianische England nur zum Vorwand genommen, um seine Zeitgenossen mit der Eitelkeit und Brutalität der Klassengesellschaft zu konfrontieren. Wer solche Themen als historische Traktate anlegt, reduziert sie vom Universellen und Ewigen aufs Spezielle.
Die Stunde der Kostümbildner
Wenn Kino so Geschichte erzählt - und das macht dem Medium kein anderes nach -, schlägt die große Stunde der Kostümbildner, Bühnenbauer, Maskenkünstler, Modisten, Friseure. Seit Eichingers "Name der Rose"-Verfilmung, für die der Historiker Jacques Le Goff Pate stand, ist viel vom Hintergrundwissen der Sozialhistorie ins cineastische Dekor eingegangen, so auch bei Radford, der obendrein das Privileg genoß, daß Venedig, anders als Lord Nelsons London, an vielen Stellen in der baulichen Gestalt von 1596 erhalten blieb.
So mag man sich kaum satt sehen an Gondel-Fackelzügen durch stille Kanäle, in Brokat gewandete Tiziangestalten auf der Rialtobrücke oder einer Versammlung busenfreier Hürchen auf Stegen, die heute noch den Namen "Ponte delle Tette" tragen. Doch gerade solch suggestive Versinnlichung des Untergegangenen zeigt auch die Grenzen historisch korrekten Kinos auf. Man meint, an jeder Ecke auf Statisten, Gemalte, Ausgestopfte zu stoßen und nicht auf Menschen, deren Haß, Verlogenheit, Liebe und Raserei Shakespeare in Worte gefaßt hat.
Die letzte Schachpartie
Die Kostümpuppe Shylock zu beleben, bedarf es schon der Schauspielkunst von Al Pacino, der ein Jahr lang an geduckter Körperhaltung und Gestik, vor allem am jüdischen Tonfall seiner Figur gefeilt hat. Seinen Rachefeldzug gegen die christlichen Kaufleute, die ihm das Leben zerstörten, führt Pacino leise, fast müde wie ein alter Schachspieler seine letzte Partie. Zur Leinwand, auf welcher der eigentliche Film spielt, werden schließlich seine traurigen Augen.
Radford hat durchaus Sinn fürs Detail, etwa wenn er den beiden Freunden Antonio - allzu unterkühlt: Jeremy Irons - und Bassanio - arg glutäugig aus "Shakespeare in Love" im Fach verblieben: Joseph Fiennes - eine homosexuelle Vorgeschichte gibt. Doch fehlen seinen Tableaux vivants bereits die Mittel, in der wunderschönen Traumprinzessin Porzia die Zicke freizulegen und überhaupt in Shakespeares Hütchenspielen mit der Liebe, seinen Abrechnungen mit den Börsenjobbern seiner Zeit Ironie, Sarkasmus, Entsetzen aufzuspüren. Irgendwann aber nimmt man die kunstvolle Kulisse gar nicht mehr wahr und hört nur mehr auf die Sprache, die in dieser Geschichte vom gegebenen, verpfändeten und gehaltenen Wort Fleisch geworden ist.
Rothaariger Trotzkopf
Auch Mira Nair, wie Radford im epischen Indien großgeworden, arbeitet tapfer gegen die Genialität ihrer literarischen Vorlage an. So wischt sie Thackerays Hauptanliegen, einen "Roman ohne Held" zu konzipieren, souverän beiseite und stellt als Becky Sharp Reese Witherspoon ins Zentrum, die ihre Figur als rothaarigen Trotzkopf gehörig, aber sehr sexy unterspielt. Statt also Verlogenheit und Verkommenheit der englischen Gesellschaft mitleidlos abzubilden, schafft Nair eine protofeministische Überlebenskünstlerin. Diese durchtriebene Naivität nimmt man der Technicolor-Expertin Nair angesichts atemberaubend aufwendiger Schlachten, Kostümbälle und Landpartien gern ab. Stanley Kubricks "Barry Lyndon" hat als vorindustrielles Geschichtspanorama - auch in der Länge - ernsthafte Konkurrenz bekommen.
Außerdem holt Nair mit Feuerschluckern, Negerpagen, indischen Tänzen und Currygerichten die Exotik heim ins Herz des alten Empire und erinnert uns charmant daran, daß Multikulti eine Ausgeburt des Kolonialismus ist. Die Märchenregie läßt das Drama nicht in einem nachgebauten Baden-Baden ausklingen, sondern zaubert der eiskalten Heldin ein wärmendes Finale aus dem Turban: Becky darf in bester Bollywood-Manier auf einem Elefanten ins Glück reiten.
Das Filmfestival, das sich am angejahrten Lido gern so unnötig zukunftslastig gibt, hat übrigens diese Woche mit einem Barock-Opus von Manuel de Oliveira und dem neapolitanischen Kostümspektakel "Il resto di niente" den Mantel der Geschichte noch zweimal am Wickel. Die Pferde sind gesattelt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2004, Nr. 208 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb