David Montgomery

Er hat Murdoch widersprochen - und überlebt

Von Michael Hanfeld

Neuer Herr im Haus: David Montgomery

Neuer Herr im Haus: David Montgomery

25. Oktober 2005 David Montgomery gibt der deutschen Medienbranche dieser Tage Rätsel auf. Da tritt ein Mann auf, den sein Ruf wie Donnerhall aus Großbritannien längst überholt hat, kauft mit Hilfe seiner amerikanischen Partner den Berliner Verlag - und spricht wie ein Prophet. Man werde von Berlin aus ganz Europa erobern, sagt Montgomery und verspricht, in den Verlag zunächst einmal zu investieren. Ein neues Computersystem für die Redaktion und die Anzeigenabteilung soll es geben, eine neue Einsteckmaschine für Beilagen für die Druckerei. Und die Chefredakteure von "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier", Uwe Vorkötter und Hans-Peter Buschheuer, die Montgomery und die Mitinvestoren bis dato heftig und öffentlich kritisiert haben, sollen bleiben, wo und wie sie sind, und alles machen wie zuvor - nur noch besser.

Wenn man David Montgomery solche Ruck-Reden halten hört, denkt man an einen energischen Vortrag wie den des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog. Doch nichts dergleichen. David Montgomery spricht leise. Er ist von der äußeren Statur her klein und drahtig, fast schmächtig. Für einen Beamten würde man ihn halten, nicht für einen Investor, der Europa erobern will. Allerdings für einen, der viel zuviel gearbeitet hat und mit 56 Jahren älter aussieht als viele seines Jahrgangs. Ein Genußmensch ist dieser David Montgomery mit Sicherheit nicht, keiner, der den Saal mitreißt - im Berliner Verlag herrschte bei seiner Rede gestern auf der Betriebsversammlung eisige Stille -, und auch nicht jemand, den man sich bis in die Morgenstunden auf der After-Work-Party vorstellen kann. Ihm wird schwere Arbeitssucht nachgesagt.

Auf einen einfachen Nenner zu bringen ist David Montgomery nicht. Unter all den eindeutigen Urteilen aus Großbritannien ist ein Attribut zu finden, von dem man sich denken kann, warum der Kollege es verwendet hat: Montgomery sei "finster", hieß es da. Er hält mit konkreten Dingen hinter dem Berg, und er ist ein echter Anti-Saban. Wer erlebt hat, wie der amerikanische Medienunternehmer Haim Saban vor zwei Jahren die deutsche Medienbranche, -politik und -aufsicht um den Finger gewickelt hat, muß sich David Montgomery auf der entgegengesetzten Seite der Showskala vorstellen. Er spricht mit einem leicht gehärteten Akzent, der seine Herkunft aus Nordirland verrät und für deutsche Gesprächspartner den Vorteil hat, daß sie den eigenen Sprachfluß in der fremden Sprache für nicht gar so zäh halten.

Zähigkeit und Durchhaltevermögen, das bewundert David Montgomery an den Deutschen. Er ist in den vergangenen Jahren häufig in Berlin gewesen und glaubt, daß die Berliner und die Deutschen noch gar nicht realisiert hätten, was sie seit dem Fall der Mauer geleistet haben. Genauso sei es beim Berliner Verlag: Potential, das nur noch entfaltet werden muß. Wo bitte gebe es zum Beispiel im übrigen Europa eine Stadt mit drei Opernhäusern? Das paßt ganz und gar nicht zur deutschen Hauptstadt und Befindlichkeit (auch im Berliner Verlag), so daß man glaubt, dieser Investor habe sich auf der Landkarte um ein paar tausend Kilometer verirrt. Doch dürfte er über genau die Fähigkeit verfügen, die er an den Hiesigen schätzt: Zielstrebigkeit, Durchsetzungsvermögen und sicherlich eine Portion Härte. Die hat David Montgomery, verbunden mit moderierendem Geschick, als politischer Vermittler hinter den Kulissen im Nordirland-Konflikt übrigens bewiesen. Zwischen seiner Heimat und dem wiedervereinigten Deutschland kann Montgomery ohnehin einige Parallelen entdecken.

Als Manager bei Rupert Murdoch und in der Mirror-Gruppe hat Montgomery einige Niederlagen erlebt. Wenn es stimmt, was er sagt, dann haben die kritischen Redakteure im Berliner Verlag nichts zu fürchten. Er sei als Chefredakteur auch kein lahmer Hund gewesen, sagt Montgomery. "Ich habe sogar Rupert Murdoch widersprochen - und überlebt." Wie lang die Verletztenliste bei ihm in Berlin sein wird, darauf wird sicherlich nicht nur im Berliner Verlag geachtet.



Text: F.A.Z., 26.10.2005, Nr. 249 / Seite 18
Bildmaterial: AP

 
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