04. Juli 2006 Nach zehn Minuten ist alles vorbei. Ein Gerichtsdiener verteilt Kopien mit Auszügen des Urteils im Fall Gröllmann gegen Mühe. Danach verstreut sich die kleine Gruppe der Zuschauer, und der nächste Fall wird aufgerufen für den Saal 143 im Landgericht Berlin. Der Schauspieler Ulrich Mühe darf die Schauspielerin Jenny Gröllmann, mit der er vor vielen Jahren einmal verheiratet war, nicht mehr Informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit nennen. So hat das Gericht am Dienstag entschieden. Zwar gebe es Verdachtsmomente, hat der Richter erläutert, doch sei es nicht zulässig, einen Verdacht wie eine Tatsache darzustellen. Wer wollte dem widersprechen?
Das Urteil war mit einiger Spannung erwartet worden. Einige Beobachter erhofften sich offenbar einen grundsätzlichen Spruch zum Wahrheitsgehalt der Stasi-Akten. Und auch Ulrich Mühe gab in Interviews immer wieder bekannt, ihm gehe es nur um die Wahrheit und die Freiheit, die Dinge beim Namen zu nennen. Beim Namen hat er Jenny Gröllmann genannt, zum ersten Mal am Ende eines langen Interviews mit seinem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und Christoph Hochhäusler, das im Buch zum Film Das Leben der anderen bei Suhrkamp erschienen ist. Seit April darf das Filmbuch nur noch mit geschwärzten Stellen vertrieben werden. Jenny Gröllmann wehrte sich gegen die Vorwürfe, die ihr früherer Ehemann darin erhob, mit einstweiligen Verfügungen und Unterlassungserklärungen.
Ein Agententhriller?
Sie habe nie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben, sagt Jenny Gröllmann, und tatsächlich ist nie eine gefunden worden. Es gibt überhaupt keine schriftlichen Berichte Gröllmanns, nur die eines Führungsoffiziers und die abgeschriebenen Tonbandmitschnitte. Es ist eine dicke Akte, ein Dokument absurder Konspiration. Der Führungsoffizier hat inzwischen dem Tagesspiegel erzählt, er habe die Gespräche mit der Schauspielerin heimlich aufgenommen, mit einem Kugelschreiber, in dem ein winziges Mikrofon untergebracht war. Ein Agententhriller? Er sei erschüttert gewesen, sagte Mühe im Filmbuch-Interview, als er vor fünf Jahren erfuhr, mit wem seine frühere Ehefrau in der DDR kooperiert habe. Er habe nichts davon gewußt, auch sei nicht er das Ziel ihrer Ausforschungen gewesen. Aber: Im Extremfall hätte sie es wahrscheinlich doch getan.
Sie hat es nicht getan; warum, mag sich jeder selbst zusammenreimen. Im Interview spricht Mühe darüber, wie man sich fühlt als im nachhinein betrogener Ehemann, der davon ausgegangen sei, daß man alles miteinander teilte. Doch die Ehe ist nicht an der Stasi gescheitert, nicht am Verrat, der nun Gegenstand einer erbittert geführten Auseinandersetzung vor Gericht wurde. Die Medien ließen vor der Verhandlung ein vermeintliches Traumpaar wiederauferstehen, das längst nicht mehr miteinander spricht und sich gegenseitig der Denunziation bezichtigt. Ein Fall wie aus einem Filmdrehbuch - nur daß die tragische Geschichte des Künstlerpaars in Donnersmarcks Leben der anderen sehr viel besser und ohne moralischen Eifer erzählt, was geschieht, wenn ein übermächtiger Staat und seine Geheimpolizei zum unentrinnbaren Schicksal ahnungsloser oder leichtsinniger Menschen werden.
Es gibt keine Erlösung vor Gericht
Das Gerichtsurteil wird viele enttäuschen. In dem Fall bleiben Persönliches und Stasi-Vergangenheit zu eng miteinander verwoben. Zudem hat sich der Richter trotz vorgelegter Gutachten zur Akte Gröllmann, die die Staatssicherheit unter dem Namen Jeanne abgelegt haben soll, nicht berufen gefühlt, ein letztgültiges Urteil zu Wahrheit und Lüge in der SED-Diktatur zu fällen. Ulrich Mühes persönlicher Wahrheitsbeweis zum Film aber hat einen unangenehmen Beigeschmack. Als 2001 eine Boulevardzeitung die Akte Jeanne groß aufmachte, lehnte er Interviewanfragen noch ab. Jetzt, seit dem Kinostart des Lebens der anderen, redet er ohne Unterlaß. Er hat seine eigene Akte gelesen, er weiß, daß er ausspioniert wurde, kennt jedoch noch nicht die Namen der Spitzel. Sagt er. Jenny Gröllmann aber kennt er gut.
Sie hat nach der Wende einigen Erfolg gehabt, den größten mit ihrer Rolle in Liebling Kreuzberg. Verglichen mit den Rollen ihres Exmannes, ein eher bescheidener Erfolg. 1999 erkrankt sie an Krebs. Sie arbeitet weiter, selbst dann noch, als die Krankheit wieder ausbricht. Seit einigen Monaten geht auch das nicht mehr. Sie muß Interviews absagen. Was die einen als Schuldeingeständnis werten, ist nichts als die Kapitulation vor einer unheilbaren Krankheit.
Niemand, der sich über die Akte Jeanne beugt und versucht, in den Aufzeichnungen eines Majors der Staatssicherheit die Wahrheit oder wenigstens ein Stück von ihr zu finden, kann davon absehen, daß hier ein hoffnungsloser Kampf ausgefochten wird. Und man fragt sich, welchen Sinn diese letzte Szene einer Ehe noch haben soll. Es gibt keine Erlösung vor Gericht, nur ein Urteil.
Text: F.A.Z., 05.07.2006, Nr. 153 / Seite 41
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