Berlinale-Wettbewerb

Die Zeiten ändern sich, die Filme leider auch

Von Verena Lueken

Bizarre Idee: “Carmen“ auf Xhosa. Szene aus “U-Carmen eKhayelitsha“

Bizarre Idee: "Carmen" auf Xhosa. Szene aus "U-Carmen eKhayelitsha"

13. Februar 2005 Das Berlinale-Wochenende ist vorbei, und die Hoffnung auf erste Höhepunkte schwand mit jedem Film, jedenfalls im Wettbewerb. Frankreich, Irland, Südafrika, Italien, Deutschland und die Vereinigten Staaten - aus all diesen Ländern, manchmal aus einigen gleichzeitig, kamen die Filme bisher, doch keiner bot sich als deutlicher Favorit in der Konkurrenz um die Festivalpreise an.

Einzig "Les temps qui changent" von Andre Techine machte einigen Eindruck, vor allem bei jenen, die diese Art des französischen Schauspielerdramas um alte und neue Lieben schätzen und Geschichten mögen, die sich im Lauf von eineinhalb Stunden aufeinandertürmen und nur durch das Geschick des Regisseurs in der Balance gehalten werden, ohne daß wirklich klar würde, wozu.

Depardieu und Deneuve

Gerard Depardieu, der seine gewaltige Körpermasse mit einiger Behendigkeit durch die Landschaft bugsiert, spielt Antoine, einen Bauingenieur. Er soll die Errichtung eines Audiovisions-Zentrums in Tanger überwachen, ein Job, um den er sich beworben hat, um seine große Liebe wiederzutreffen, die er seit dreißig Jahren nicht gesehen hat. Das ist Catherine Deneuve als Cecile, verheiratet, ein Sohn, der mit seiner Freundin gerade aus Paris zu Besuch ist. Cecile zieht ihren Mund verbittert zusammen und tritt mit einiger Ruppigkeit ihrer Familie und auch Antoine gegenüber.

Es gibt also diese alte Liebe und ihre Zurückweisung, es gibt Eheprobleme und Ehebruch, den Sohn, der bisexuell ist und seine Nächte in Tanger mit seinem Liebhaber verbringt, und dann ist da noch seine Freundin, die ein Kind hat. Außerdem hat sie, wie sich spät im Film herausstellt, ein Drogenproblem und eine Zwillingsschwester, die streng muslimisch ist, am Ende aber mit dem Ehemann von Cecile ans Meer geht.

Der Plot bläht sich gewaltig, was schade ist, weil man bei Techine wunderbarerweise gleichsam nebenbei sowieso so viel zu schauen bekommt. Denn immer zeigt er uns auch das Leben an den Schauplätzen, nicht als Kulisse, sondern als kleines Universum, das sich unbeeindruckt von seiner Geschichte weiterdreht. Hier sind es etwa die marrokanischen Flüchtlinge im Wald, die Spanien sehen können, aber wahrscheinlich niemals erreichen werden, die Baustelle im Niemandsland und die Straßen von Tanger, die sich so völlig geheimnislos präsentieren, als habe Paul Bowles hier nie von Afrika geträumt.

Die alte Liebe und ihre Zurückweisung: La Deneuve in “Les Temps qui changent“

Die alte Liebe und ihre Zurückweisung: La Deneuve in "Les Temps qui changent"

Die bisher bizarrste Idee: „Carmen“ im südafrikanischen Township

In "Asylum", dem irisch-amerikanischen Beitrag von David Mackenzie, spielt Natasha Richardson die verbitterte Frau, allerdings aus einer anderen Zeit. England Mitte der fünfziger Jahre, eine psychiatrische Klink auf dem Land, eine verklemmte Ehe, ein attraktiver Patient, dessen ganze Gestalt Sex verspricht. Am Anfang scheint es, als würde aus dieser Verfilmung eines Romans von Patrick McGrath ein gothic thriller, ein Film um eine Frau, die an ihren Begierden verrückt wird, was sich ziemlich früh bereits andeutet. Doch dann erstickt alles Unheimliche in den Dekors. Wenn man der Modeparade von Natasha Richardson müde geworden ist, die jeden Tag in einem anderen Sommerkleid mit großem Ausschnitt vorn und hinten zum Manne geht, kann man einen Augenblick schlafen, wozu in Berlin außer im Kino wenig Zeit bleibt.

Die Idee, jene Geschichte um Liebe und Eifersucht, die als "Carmen" auf allen Opernbühnen der Welt gespielt worden ist, als Drama in einem südafrikanischen Township zu inszenieren, war bisher die bizarrste im Wettwerb. "U-Carmen eKhayelistha" heißt der Film von Mark Dornford-May, die Originalsprache ist Xhosa, die Melodien bleiben dieselben, die Länge von zwei Stunden auch. Was Techine uns alles bietet, wenn man an seiner Geschichte sozusagen vorbeischaut, wird noch einmal wertvoller, wenn man diesen Film sieht, der uns gar nichts zeigt und so wenig in den Wettbewerb gehört wie "In Good Company" von Paul Weitz, eine sehr unterhaltsame, ziemlich verlogene amerikanische Komödie um einen jungen corporate superstar, der aufsteigt und fällt - ein Film, der demnächst in die deutschen Kinos kommt und mit seiner routinierten Komik, seinen sarkastischen, aber nicht zu bösartigen Beobachtungen aus der Welt globaler Konzerne und mit seiner Besetzung - Dennis Quaid, Topher Grace und Scarlett Johansson - ohne jede Festivalunterstützung den Weg zum Publikum finden dürfte.

Das Unheimliche in den Dekors erstickt: David Mackenzies “Asylum“

Das Unheimliche in den Dekors erstickt: David Mackenzies "Asylum"

Im Panorama: die Filme von Im Kwon-Taek

Trotz der mannigfachen Themen stellt sich nach den ersten Tagen der Eindruck einer beklemmenden Eintönigkeit ein, einer fehlenden Brisanz und Notwendigkeit. Besonders spürbar wurde das, als die Monotonie ein einziges Mal durchbrochen worden war - nicht im Wettbewerb, sondern im Panorama. Dort läuft eine kleine Reihe mit Filmen des koreanischen Meisterregisseurs Im Kwon-Taek (die über das Ende der Berlinale hinaus weitergeführt wird), und dort lief am Samstag "Jokbo" (Genealogy). Es ist ein alter Film aus dem Jahr 1978, und die Kopie ist mit den Jahrzehnten so blaß geworden, daß man fürchten muß, bald werde alle Farbe aus ihr verschwunden sein. Der Schauplatz ist Korea in den späten dreißiger Jahren, von Japan besetzt.

Im Kwon-Taek erzählt eine einzige Geschichte: Die Besatzer verlangen, daß die Koreaner ihre Namen japanisieren, und versuchen diese Forderung mit aller Macht durchzusetzen. Sie schicken ihre Bediensteten mit den entsprechenden Formularen über Land und bringen die Widerständigen zur Polizei, wo sie gefoltert werden. Ein Familienvater widersetzt sich länger als alle anderen. Es ist Seol Jin-Hyeong (Ju Seon-Tae), der auf einen Stammbaum von siebenhundert Jahren zurückblickt und seine Vorfahren nicht verraten will. Immer wieder macht sich der junge Beamte, der seine Einwilligung einholen soll, auf den Weg von der Stadt aufs Land, läuft durch Felder mit hohem Gras und immer wieder über dieselbe Brücke, doch am Ende ist der widerspenstige Familienvater tot, und aus den Blicken, die zwischen seiner Tochter und dem Beamten zaghaft hin- und herglitten, ist nichts geworden als eine Erinnerung. Alles, was im Wettbewerb bisher zu sehen war, müßte uns näher sein, aber nichts hat uns so berührt.



Text: F.A.Z., 14.02.2005, Nr. 37 / Seite 36
Bildmaterial: Berlinale

 
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