16. Juni 2008 Die Oscargewinnerin Tilda Swinton spielt meist ein anämisches, der Welt entrücktes Fabelwesen. In Erick Zoncas neuem Film Julia hat sie die Rolle einer Alkoholikerin. Im Gespräch äußert sie sich über den ganz normalen Wahnsinn ihres Berufs und über die Schwierigkeit, als Betrunkene nüchtern auszusehen.
In Ihrem neuen Film Julia spielen Sie eine Alkoholikerin. Joaquin Phoenix machte einen Alkoholentzug, nachdem er Johnny Cash gespielt hatte. Wie ist Ihnen die Rolle bekommen?
Ich bin Schauspielerin. Ich verstehe meinen Beruf als: verkleiden und spielen. Es war ganz einfach.
Sie haben sich für die Rolle einen Tick zugelegt, eine Art Züngeln: Wie eine Echse stoßen Sie immer wieder mit der Zunge zwischen den Lippen hervor. Wie kamen Sie auf diese Geste?
Es ist eins der vielen Details, die mir an Alkoholikern aufgefallen sind, und es erzählt mir sehr viel. Es zeigt dieses unaufhörliche, unbewusste Interesse an Alkohol, den Versuch, noch den letzten Tropfen Alkohol aus den Zähnen, aus dem Zahnfleisch, aus der Zunge zu saugen. Unablässig. Und vollkommen unbewusst.
Es sieht auch nach einem schrecklich trockenen Mund aus.
Das auch. Aber ich glaube . . . Ein anderer Freund hat mir erzählt, dass er einen sehr alten Onkel von sich, einen Alkoholiker, kurz vor dessen Tod besucht hat. Während sie sich unterhielten, bewegte sich die eine Hand des Onkels unaufhörlich von oben nach unten und zurück. Mein Freund konnte sich diese Bewegung nicht erklären. Später fiel ihm ein, dass der Arm seines Onkels achtzig Jahre lang gewohnt war, ein Glas zum Mund zu führen. Es war eine Muskelerinnerung, es geschah unbewusst.
Also haben Sie die Runde bei Ihren Alkoholikerfreunden gemacht und recherchiert?
Ich habe, wie die meisten von uns, ob wir es zugeben oder nicht, einen Großteil meines Lebens umgeben von Alkoholismus verbracht. Es ist keine exotische Krankheit, es ist keine exotische Situation.
Aber die Julia im Film ist ein schwerer Fall. Sie ist nicht die übliche Freizeitalkoholikerin.
Stimmt. Aber so exotisch ist sie auch wieder nicht. Ich finde die erste Szene im Film sehr bezeichnend: eine Freitagnacht-Crowd in einer Diskothek, vierzig Leute, die trinken. Unter ihnen vielleicht zwei oder drei Alkoholiker. Der Rest besteht aus Freitagabendtrinkern. Aber in ihrer Mitte sind ein paar Leute, die aussehen, als wären sie auch nur zum Spaß da, aber in Wahrheit sind sie wegen des Alkohols da.
Was muss man beachten, wenn man jemand Betrunkenen spielt?
Das Wichtigste, was man beachten muss, ist, dass Betrunkene versuchen nüchtern auszusehen. Dadurch entsteht eine körperliche Anspannung, eine ganz bestimmte Haltung. Ich habe das allerdings an mir selbst nie erlebt. Ich bin keine besonders gute Betrunkene.
Ich habe gelesen, Sie schlafen immer sofort ein, wenn Sie Alkohol trinken.
Ja. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.
Wie haben Sie sich also auf die Rolle vorbereitet?
Die erste Frage ist immer, vor jedem Film: Wie muss der Körper aussehen? Wie ist die Beziehung zum eigenen Körper? Zum Beispiel bei Michael Clayton: Da gibt es diese Szene im Fitnessstudio, wo sie auf dem Laufband trainiert. Ich habe sie mir in dieser Szene in meinem Körper vorgestellt, ziemlich dünn und muskulös. Das sagt aus, sie ist wahrscheinlich eine ziemliche Zicke. Aber das wäre total unpassend. Und dann fiel mir ein, dass es viel interessanter wäre, jemanden zu sehen, der sich abmüht und versagt und sich weiter abmüht. Es ist alles eine Nummer zu groß für sie. Während sie auf dem Laufband trainiert, liest sie Akten, sie arbeitet halb, halb trainiert sie, sie trainiert also nicht richtig. Das war eins der ersten Bilder, die mir zu ihr einfielen. Und als ich sie mir im Badezimmer vorstellte, stellte ich sie mir mit dieser Speckrolle über der Hüfte vor.
Sie haben zugenommen für Ihre Rolle in Michael Clayton.
Ja. Und ein Freund von mir, der viele Jahre lang mit Rechtsanwälten gearbeitet hat, hat mich in dieser Entscheidung sehr bestätigt. Er sagte, seine Lieblingssache im ganzen Film war diese Speckrolle. Er sagte, er habe mit solchen Frauen gearbeitet, Sie seien unglaublich organisiert, unglaublich diszipliniert - aber um elf Uhr nachts bestellen sie dann Burger, Burger, Burger. Da gibt es eine Schizophrenie, ein leicht masochistisches Gefühl.
Wie musste Ihr Körper sich für die Rolle der Julia verändern?
Julia musste aussehen, als hätte sie seit fünfundzwanzig Jahren getrunken, und ich tue das ja nicht. Sie musste eine bestimmte Art von Aufgedunsenheit haben.
Wie haben Sie die erreicht?
Ich hab' einfach viel gegessen.
Unterschiedliche Sachen für die beiden Filme?
Waren es unterschiedliche Sachen? Hm. Ich glaube, ich war fetter in Michael Clayton. Und die Kleider waren etwas enger. Es musste unangenehm für sie sein, sich zu bewegen - sie läuft fast nie, das kann man sehen. Der Julia-Charakter war dagegen verletzter. Physisch verletzt. Das kenne ich von meinen Alkoholikerfreunden - immer schmerzt sie irgendetwas, das Bein, sie haben Krämpfe in den Gliedern. Das Gefühl körperlichen Ruins.
Deshalb auch die High Heels immer? Um diese Unsicherheit auch im Gang zu zeigen?
Ja, die waren sehr wichtig für den Charakter. Sogar in der Wüste trägt sie noch kleine Absätze. Immer. Sie ist nie auf dem Boden. Immer ein wenig wankend.
Sie sagen, Ihr Beruf sei Verkleiden und Spielen. Dafür muss dann aber die Vorbereitung sehr gründlich sein, nein?
Die Vorbereitung ist wie Detektivarbeit. Es braucht Zeit, den richtigen Körper zu bekommen, das Gefühl dafür, Entscheidungen zu treffen, was Haare, Gesicht, Kleidung angeht. Das ist die ganze Arbeit. Wenn die Dreharbeiten losgehen, ist es nur noch Spiel. Es ist toll. Wenn man jemanden wie Julia spielt und sich abends das Gesicht wäscht, sieht man immer frischer aus. Du wäschst dir das Make-up ab, du gehst nach Hause, du fühlst dich großartig.
Würden Sie sagen, Sie sind eitel?
Definieren Sie eitel. Leute verstehen verschiedene Dinge darunter.
Nicht jede Schauspielerin würde ihr Aussehen opfern, um eine Rolle zu spielen.
Aber es ist nicht mein Aussehen, es ist Julias Aussehen.
Aber Sie ändern den Körper von Tilda Swinton dafür.
Ja, aber danach ändere ich ihn wieder zurück. Es wäre wirklich unpassend und ich persönlich fände es auch respektlos, eine Frau zu spielen, die seit fünfundzwanzig Jahren trinken soll, und dabei den Körper von jemandem zu zeigen, der das nicht getan hat. Ich meine, natürlich ist es in Wahrheit Fake, denn es ist ja nicht wirklich der Körper einer Alkoholikerin, aber er sieht mehr danach aus als mein eigener. Für mich besteht darin die Aufgabe: zu versuchen, so überzeugend zu sein, wie man irgendwie kann.
Konnten Sie sich in eine Alkoholsüchtige hineinversetzen - oder müssen Sie das vielleicht gar nicht, so wie Sie Ihren Beruf verstehen?
Ich habe diese Julia nicht in mir gefunden. Wenn überhaupt, ist es mehr eine Imitation von etwas außerhalb meiner selbst.
Es ist keine Heldin, die es einem leichtmacht, sie zu mögen. Sie entführt und misshandelt ein Kind, sie ist bereit, für Geld zu töten - ist das schwierig zu spielen?
Es ist jedenfalls sehr interessant. Ich beschreibe Erick Zoncas Kino als zoologisch: Er nimmt ein Tier und folgt ihm. Er filmt diesen Käfer dabei, wie er ein Nest baut, isst, schläft, sich fortpflanzt, seine Kinder aufzieht, andere Tiere tötet - er bewertet nicht, er ist von einer unmoralisierenden Warte aus mitfühlend. Das war das Projekt: Diese Frau zu beobachten. Ihr lange genug zu folgen, um Mitgefühl mit ihr zu entwickeln. Trotz allem, was sie tut.
Julia ist ganz anders als die Rollen, für die Sie bekannt sind. Man hat fast das Gefühl, sie riechen zu können, sie ist sehr Fleisch und Blut, sehr weiblich, körperlich. Das ist neu für Sie, nein?
Ja, aber es hat eine Art Evolution dorthin gegeben. Ich bin schon seit einiger Zeit interessiert daran, mit einem solchen Naturalismus zu arbeiten. Ich nehme an, auf einem bestimmten Level geht es ums Älterwerden. Ich denke auch an den Michael Clayton-Charakter - auch sie ist gefangen in einer bestimmten Identität. Ihr ganzes Menschsein liegt im Krieg mit den Entscheidungen, die sie trifft. Die Art, wie sie schwitzt und sich so unwohl fühlt in ihrer Haut, ihrem Körper. Ihre Kleider passen nicht richtig, und sie hat dieses Gefühl, dass sie unmenschlich sein muss, um zu tun, was sie tut. Sie tut unmenschliche Dinge, aber ihr Menschsein rebelliert dagegen.
Die Klischee-Tilda-Swinton-Rolle ist ein anämisches, der Welt entrücktes Fabelwesen: Orlando, der Engel Gabriel, die weiße Hexe in Narnia . . .
Ja, immer so ziemlich der gleiche Typ, aber das geht allen so: Schauspieler pflegen immer die Rollen angeboten zu bekommen, die sie gerade gespielt haben.
Gibt es auf der anderen Seite Rollen, die man Ihnen nie anbietet? Weil Sie alleine schon aufgrund Ihres Aussehens immer etwas sehr Eigenes in eine Rolle mitbringen?
Um ehrlich zu sein, ich konzentriere mich nicht so sehr auf die Rollen. Für mich kommt es darauf an, wer fragt.
Sie entscheiden Ihre Rollen allein nach dem Regisseur?
Ausschließlich.
Wie würden Sie Ihre Beziehung zum Regisseur beschreiben? Als Partnerschaft? Als Team?
Der Regisseur ist der einzige Grund, warum ich einen Film mache. So habe ich angefangen. Ich habe angefangen Filme zu machen mit Derek Jarman, ich habe neun Jahre mit ihm gearbeitet, wir haben sieben Filme gemacht, es war eine fortlaufende Konversation, die sich entwickelt hat wie jede Beziehung zwischen Freunden. Das ist es, was ich gelernt habe. Ich weiß nicht, wie man eine Beziehung mit einem Projekt herstellt oder auch mit einer Rolle. Ich habe gehört, dass Schauspieler sagen, sie haben eine Rolle gewählt - ich habe nie eine Rolle gewählt.
Alle sagen das.
Ich weiß nicht, wie das geht.
Wie entscheiden Sie sich für einen Regisseur? Gucken Sie sich erst mal an, was er gemacht hat? Treffen Sie sich und entscheiden nach Sympathie?
Zonca zum Beispiel - ich hatte seine Filme gesehen, ich war sehr interessiert an seinem Kino. Ich habe ihn getroffen, ich mochte ihn sehr, und das Gespräch, das wir über dieses Projekt hatten, war wirklich fesselnd. Aber das bisherige Werk ist nicht so wichtig, denn Menschen entwickeln und verändern sich - vielleicht wollen sie heute etwas ganz anderes machen als früher. Es ist einfach die persönliche Kommunikation. Das ist es, was mich antreibt. Vor allem, wenn man Independent-Filme macht, weil man viel Zeit miteinander verbringen wird, Jahr für Jahr geht man auf Filmfestivals. Man muss befreundet sein.
Nach Ihrer Dankesrede beim Oscar war klar: Wenn alle wären wie Sie, gäbe es die Oscarverleihung nicht. Sie wirkten vollkommen unbeeindruckt, als wäre das nur ein Preis, was es ja letztlich auch ist. Lässt Sie dieser ganze Glamour unberührt?
Um ehrlich mit Ihnen zu sein, ich weiß, dass es Leute gibt, denen das alles sehr viel bedeutet, mir nicht. Andere verwenden mehr Zeit auf ihre Auftritte auf roten Teppichen als auf die Arbeit an Filmen, ich gehöre nicht dazu. Ich weiß darüber auch nicht viel. Es gibt Fernsehberichte darüber, ich gucke kein Fernsehen; es wird in Magazinen darüber berichtet, ich lese diese Magazine nicht. Also habe ich nur eine sehr begrenzte Beziehung dazu. Was mich betrifft, so sehe ich es als Gelegenheit, auszusehen wie ich selbst. Was, wie wir besprochen haben, nicht das ist, womit ich meine öffentliche Zeit sonst verbringe. In meiner öffentlichen Zeit versuche ich auszusehen wie andere Leute. Also ziehe ich mich dann zu so einer Veranstaltung zur Abwechslung mal an wie ich selbst, tue, was zu tun ist, sehe einen Film, kriege einen Preis, und dann gehe ich nach Hause.
Die Fragen stellte Johanna Adorján.
Julia (Regie Erick Zonca) läuft ab Donnerstag im Kino
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Alamode/Cinetext, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, Cinetext/Allstar/Krieger, Cinetext/Distler, Cinetext/Mona Filz, Constantin/Cinetext, Kinowelt/Cinetext, Stardust/Cinetext, Tobis/Cinetext, Universum Film/Cinetext