„Persepolis“ in Teheran

Zwanzig Minuten kürzer

Von Simon Fuchs, Teheran

Umstritten: “Persepolis“

Umstritten: "Persepolis"

18. Februar 2008 Der Film endet unvermittelt. Ohne Abspann. Aber mit der offiziellen iranischen Sicht, die urplötzlich mit harter Stimme aus den Lautsprechern schallt. „Persepolis“ sei kein isoliertes Machwerk. Der Film stehe in einer Reihe mit anderen antiiranischen und antiislamischen Projekten des Westens wie zum Beispiel „Nicht ohne meine Tochter“. Marjane Satrapi übertreffe diese sogar noch mit ihrer generell antireligiösen Haltung, wie in der Verhöhnung von Nonnen deutlich werde. Die Sachlage sei nur zu augenscheinlich: Der in Frankreich lebenden Autorin gehe es um die Verbreitung von kommunistischem Gedankengut, Anstiftung zu nichtehelichen Beziehungen, Aufwiegelung von Frauen zu übertriebenen Freiheitsforderungen.

Als die Lichter wieder angehen, kehrt auch die Nüchternheit zurück in den Saal des Rasaneh-Kulturzentrums im Zentrum von Teheran, Ort der öffentlichen Vorführung von „Persepolis“ mit folgender Kritik. Dieser Donnerstag ist der zweite Abend. Zwei mal sechzig Personen, mehr Menschen dürfen den Film in der Islamischen Republik nicht zu Gesicht bekommen, wenn es nach dem Ministerium für Kultur und islamische Führung geht - der Schmuggelmarkt jedoch boomt.

Die Magie des Fremden

„Fast alle meine Freunde haben den Film gesehen und geben ihn untereinander weiter“, sagt Mehdi, der islamische Philosophie studiert und spontan noch gekommen ist. Unterdessen setzt sich vorne für den zweiten Teil des Abends der Filmkritiker Hossein Moazzezinia zurecht. Er fragt danach, warum sich der Westen so sehr mit Iran beschäftige. Gleichzusetzen sei das wohl mit der Neugier seines Landes für Afghanistan, mit der Magie des Fremden. Mit Verschwörungstheorien sei das nicht zu erklären. Schließlich habe ja nicht die französische Regierung in Cannes angerufen und den Jurypreis für „Persepolis“ bestellt.

Moazzezinia ist ersichtlich bemüht, der Diskussion ein ruhiges Tempo vorzugeben. Die Fragen aus dem Publikum lassen ihm wenig Spielraum. Ungefiltert kommen diese auf den Tisch. Ja, er denke schon, dass man den Film als antiislamisch bezeichnen könne, schließlich mache sich Satrapi ja ganz offensichtlich über das Kopftuch lustig. Und sie zeichne ein gänzlich falsches Bild von mangelndem Rückhalt des Regimes, ergo sei der Film antiiranisch. Ein anderer Frager will wissen: „Warum haben wir heute Abend einen Film gesehen, der zwanzig Minuten kürzer als das Original ist?“ Moazzezinia windet sich ein wenig, weist auf die Weglassung von sexuell anstößigen Szenen hin. Prompt wird er aus dem Publikum darüber belehrt, dass er selbst in seinem vorangegangenen Vortrag auf Szenen über politische Gefangene Bezug genommen habe. Szenen, die an diesem Abend definitiv nicht zu sehen waren. Heiterkeit. „Da habe ich wohl etwas durcheinandergebracht, ich habe zu Hause eben den ganzen Film, ohne Zensur.“

Lebhaft wird diskutiert

Nächste Frage. Ein Langhaariger im Podium beharrt auf der Bedeutung der goldenen Plastikschlüssel fürs Paradies, die zum Märtyrertum anstiften sollten. Andere widersprechen: Systematische Indoktrination von Schülern während des Krieges mit dem Irak, das habe es nie gegeben. Lebhaft wird diskutiert an diesem Abend. Moazzezinia schließt die Sitzung mit dem Bedauern, dass der zweite Teil des Films leider nur westliche Klischees und unwahre Übertreibungen über Iran biete. Da meldet sich als Letzter noch ein vollbärtiger, ruhiger Zuschauer: „Das kann ich aber so nicht akzeptieren, warum sollen die Eindrücke von Frau Satrapi vor der Revolution eine allgemeine Sicht widerspiegeln, alles danach nur noch ihre unzutreffende Privatmeinung sein?“

Einen Tag später in einer geräumigen Wohnung im Westen der Stadt. Eine Gruppe von säkularen Studenten, keiner älter als fünfundzwanzig. Sie studieren Physik, Kommunikationswissenschaften, Kunst und Theater. Farshad übersetzt. Er ist der Einzige, der Französisch beherrscht. Die raubkopierte Persepolis-DVD in voller Länge verfügt über keine Untertitel, schließlich wurde sie mutmaßlich in Frankreich abgefilmt. „Der Film zeigt vollkommen richtig, wie es bis zehn Jahre nach der Revolution war“, sagt Farshad nach getaner Übersetzungsarbeit. „Und er hat viele Grausamkeiten dieser Zeit gar nicht erwähnt. Es sind ja auch Teenager hingerichtet worden, nur weil sie kommunistische Zeitungen an der Straßenecke verkauft haben.“ Ali pflichtet ihm bei: „Und heute ist es kein bisschen anders, dank Ahmadineschad.“

Nur dunkel und gefährlich

Wegen der Zensur sei eine bekannte Übersetzerin dazu übergegangen, nur noch Kochbücher zu übertragen, die könnten wenigstens erscheinen. Der Physikstudent will das nicht so stehenlassen. Heute sei doch die Angst der Menschen vor dem Staat viel geringer. Außerdem habe er das Gefühl, dass unter seinen Freunden auch der Stolz auf das eigene Land wieder zunehme. Farnaz, die einzige Frau in der Runde, kommt ihm zur Hilfe: „Mich stört, dass überhaupt nicht deutlich wird, welche Zeit der Film behandelt und wie es heute ist. Khatami, unser letzter Präsident, hat in uns eine Hoffnung entfacht. Er wird nicht umsonst der Präsident der Jugend und der Frauen genannt. Plötzlich hatten wir eine international geachtete, intellektuelle Persönlichkeit an der Spitze des Staates.“ Und nun zeige der Film wieder nur einen dunklen, gefährlichen Iran.

Ali winkt ab: „Mir ist es wirklich egal, ob die Europäer denken, wir sind Wilde. So, wie der Iran heute ist, ist er eine ehrlose, verfluchte Nation. Ich habe keine Beziehung zu diesem Land, mir gehört hier nicht einmal ein Baum.“ Dass die Ablehnung der Jugendlichen gegenüber dem System des religiösen Staates heute jedoch unzweifelhaft größer, umfassender ist als in der Generation Satrapis, darüber sind sich alle einig. „Aber wahrscheinlich sind wir eben auch egoistischer, zufrieden mit unserer eigenen kleinen Freiheit. Wir verstecken uns hinter der Abschirmung unserer Kopfhörer“, sagt Farshad. Aber wieso, wirft Farshad ein, komme denn auch für die Leute, die Änderung wollen, keine Hilfe aus dem Ausland? Er zeigt sein Handy herum. Fotos von einem Platz voller Menschen, von demonstrierenden Studenten. Vor zwei Monaten war das. „Wir haben gebrüllt: Tod dem Diktator, Tod dem faschistischen System. Wieso zeigt CNN nur Ahmadineschad, wenn er wieder einmal darauf hinweist, dass Israel vom Erdboden verschwinden soll? Warum nicht auch uns?“

Achtung für die Märtyrer

Am Abend gehe ich mit Mehdi in seiner Wohnung noch einmal alle zensierten Szenen von „Persepolis“ durch. Um uns Regale, vollgestellt mit arabischen, persischen, englischen und deutschen Büchern. An der Wand ein beeindruckendes, visionäres Porträt von Chomeini und dem gegenwärtigen Revolutionsführer Chamenei. Mehdi lacht viel, „Persepolis“ amüsiert ihn auch beim zweiten Mal. Trotz aller Empörung. „Wenn man den Film sieht, entsteht der Eindruck, dass nach der Revolution alle Iraner Kommunisten waren, Alkohol tranken und sich gegen das Kopftuch auflehnten.“ Dieser Tage seien vielleicht nur die Hälfte der Einwohner Teherans praktizierende Muslime, aber während des Krieges war das anders. Noch heute mache sich niemand über die Märtyrer des Krieges lustig, selbst säkulare Iraner achteten dies.

Mehdi ist religiös und ein Anhänger der Revolution. Er benennt gleichzeitig offen ihre Schwächen. Den Kopftuchzwang sieht er als Fehler, die Sittenpolizei möchte er am liebsten abschaffen. „Aber ich kann einfach nicht akzeptieren, dass in ,Persepolis' der Eindruck entsteht, die Islamische Republik sei brutaler und diktatorischer als das Regime des Schahs. Nach der Revolution wurden doch nicht wahllos politische Gefangene gemacht und hingerichtet, nur solche, die bewaffnete, oppositionelle Kämpfer waren.“ Ebenjene Islamische Republik sah es aber als notwendig an, sämtliche Bezüge zur Ausschaltung der Opposition in der offiziellen Ausstrahlung des Filmes zu tilgen. Konsequent und allzu deutlich.

Ali und Farshad hatten von Tausenden Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil gesprochen. Mehdi hält unbeirrt dagegen. Er will sich den guten Willen, die lauteren Absichten der Revolution, deren neunundzwanzigster Jahrestag vor wenigen Tagen im ganzen Land begangen wurde, nicht nehmen lassen. Die Diskussion um „Persepolis“, um die Seele Irans, hat, so scheint es, unter den jungen Leuten in Teheran gerade erst begonnen.

Text: F.A.Z., 18.02.2008, Nr. 41 / Seite 35
Bildmaterial: Prokino/Cinetext

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