Journalismus im Internet

Der neue Wilde Westen

Von Jordan Mejias, New York

Ausgezeichnet: eine Mitmachseite aus den Rocky Mountains

Ausgezeichnet: eine Mitmachseite aus den Rocky Mountains

03. November 2005 Was ist ein Wiki? Ein Phlog? Ein Blog? Ein Podcast? Ein Webcast? Die mehr als achthundert amerikanischen Journalisten, die sich in der Online News Association (ONA) zusammengeschlossen haben, wissen das natürlich. Aber müßte nicht auch der Rest der Welt die Antworten kennen? Arthur Sulzberger Jr., der Herausgeber der „New York Times“, weiß, daß er es sich nicht leisten kann, ein elektronischer Analphabet zu bleiben. Mitten in den fortgesetzten Wirren um die Washingtoner Informantenaffäre und einer ganz altmodischen Krise, die der „Times“ von ihrer Reporterdiva Judith Miller und deren weiterhin undurchsichtigen Manövern eingebrockt wurde, hat es sich Sulzberger nicht nehmen lassen, auf der Jahrestagung der ONA aufzutreten.

Und dort weiß eben jeder, daß ein Wiki den Leser einlädt, im Internet am Text mitzuarbeiten, daß ein Blog das Tagebuch mit dem Kommentar öffentlich verschmelzen läßt und ein Phlog das Ganze noch mit Fotos anreichert, daß beim „Webcast“ Radio oder Fernsehen mit dem Internet gemeinsame Sache machen und ein Podcast es so jedem erlaubt, mit einem iPod oder einem vergleichbaren Digitalspeichergerät persönlich auf Sendung zu gehen, nicht viel anders, als es zuvor nur die Profis zustande brachten. Verfügt nun aber der Amateur über die gleichen oder wenigstens konkurrenzfähige Produktionsmittel, mag der Profi ins Schwitzen kommen. Was er im Internet anbietet, sollte sich schon einmal durch Qualität und maßstabsetzende Produkte auszeichnen. Nicht zuletzt deswegen wurde die ONA 1999 gegründet.

Journalismus von jedem

Ihre sechste Jahrestagung, die am vergangenen Wochenende in New York stattfand, stand ganz im Zeichen des Zusammenpralls des traditionellen, in ein strenges Regelwerk eingebundenen Journalismus mit den unregulierten Formen des Blogging und des „participatory journalism“, worunter etwa der Versuch zu verstehen ist, Artikel nach Wiki-Art für die Bearbeitung durch User freizugeben. Bei der „Los Angeles Times“ ging das Experiment fürchterlich schief, im Gegensatz zu Wikipedia, wo sich jeder als Enzyklopädist betätigen kann und die Enzyklopädie doch, cum grano salis, keinen Schaden davongetragen hat, ja vom Einsatz potentiell unzähliger Mitarbeiter profitiert.

Blendend funktioniert hat dieser Beteiligungsjournalismus während und nach der Katastrophe von New Orleans, als bloggende Bürger Zeitungen ersetzten, die sich bestenfalls im Internet über Wasser hielten, und Nachrichtenkanäle mit selbstgefilmten Augenzeugenberichten versorgten. Journalismus als Volkssport? Auch Al Gore hat den Gedanken längst in die Tat umgesetzt. „Current TV“, die von ihm gegründete Fernsehgesellschaft, lädt den idealen Zuschauer ein, sich in einen Bürger-Journalisten zu verwandeln, der mit der Kamera in der Hand das Wort ergreift und damit das Fernsehen gleichsam direktdemokratisiert. Ein Drittel des Angebots von „Current TV“ besteht bereits jetzt aus Zuschauerbeiträgen.

„Unser kulturelles Firmament ist in Bewegung“

Was Wunder, wenn Zeitungsleute erblassen. Sulzberger machte sich und ihnen Mut mit einem Siebenpunkteplan, der das alte Medium in die Lage versetzen soll, im neuen Zeitalter zu überleben, und zwar ohne die bewährten journalistischen Tugenden zu verraten. So müsse Glaubwürdigkeit, garantiert durch ethische Grundsätze bei der Nachrichtengebung, auch online als Fundament jeder journalistischen Betätigung dienen. Wie das freischaffenden Bloggern beizubringen wäre, steht allerdings nicht in seinem Rezept.

Zumindest in ihrem Wildwuchs taugen sie nicht als Vorbild für einen Journalismus, der noch an Regeln glaubt. Gleichwohl warten sie mit Lehren auf, vom vitalen Unruhestiften bis zur interaktiven Einbindung ihrer Leser, Nutzer, Fans und Feinde. Eine Zeitung wird also nicht darum herumkommen, sich künftig auch als Organisator zu bewähren oder, wie Sulzberger es nennt, als „convener of communities“, der Gleichgesinnte zusammenführt und Gegner zu Debatten anregt: „Unser kulturelles Firmament ist in Bewegung, wir müssen dem Rechnung tragen, und zwar schnell.“ Die bisher auf die Zeitungsspalten begrenzte Konversation muß sich im Internet nicht nur ausdehnen, sondern neu erfinden in Modus und Tempo.

Den Zeitdruck, der sich immer mehr verschärft, betrachtet Sulzberger mit einiger Sorge. Instant-Journalismus schmeckt eben oft nicht besser als Instant-Suppen, und er kann, wie die „Times“ aus eigener Erfahrung mit Fälschungen weiß, dazu noch mehr Unheil anrichten. Auch für dieses Problem kannte niemand die Lösung. Sandy Close, eine Veteranin im amerikanischen Nachrichtengewerbe, hielt sich lieber an die allgemein gepriesene „communal function“ des allerneuesten Journalismus, will heißen, an die soziale, wirtschaftliche, kulturelle Vernetzung des unmittelbaren Umfelds. So gedeihen auch Utopien weiter, zumal wenn Close dem Internetjournalismus mutig zutrauen will, die Segmentierung Amerikas zu überbrücken und womöglich zu überwinden.

Auch die Virtualität hat ihre Träume

Nun hat der „participatory journalism“ die Besonderheit und den Vorteil, trotz seiner globalen Reichweite auf die lokale Verankerung nicht verzichten zu müssen. Christopher Grotke und Lisa LePage, die in Brattleboro, Vermont, ihre Mitbürger interaktiv zusammenbringen und versuchen, so etwas wie ein „institutionelles Gedächtnis“ zu schaffen, haben dabei eine kuriose Erfahrung gemacht. Ihre User stellen Lokales in einen globalen Kontext und filtern umgekehrt aus Weltnachrichten lokale Bedeutung. Der Journalist braucht da nur noch Moderator zu spielen.

Ein Trost für die Dinosaurier der Printmedien mag sein, daß die Online-Version der „New York Times“ von den Preisen, die während der Tagung vergeben wurden, immerhin drei gewann, und zwar die Auszeichnungen für „General Excellence“, „Breaking News“ und den Einsatz „multipler Medien“. Ebenso viele gingen aber auch an das Internetmagazin „Slate“, und „New West“, eine Website, die „online communities“ vernetzt, gerade acht Monate alt ist und in den dünnbesiedelten Rocky-Mountains-Staaten einen völlig neuen Kommunikationsmodus eingeführt hat, konnte zwei Preise mit nach Hause nehmen.

In „New West“, also weit draußen in der Provinz, offenbart sich so am deutlichsten eine Zukunft, in der Zeitungen und Magazine sich wiederfinden als virtuelles Forum, wo Nachrichten nicht nur abzurufen, sondern auszutauschen sind, wo sich verstreut lebende Bürger zu Interessengruppen zusammenfinden, wo sie sich miteinander streiten und Lösungen suchen und, statt nur passiv die Neuigkeiten des öffentlichen Lebens über sich rieseln zu lassen, es aktiv gestalten. Auch die Virtualität hat indes ihre Träume, und sie sind nicht alle zukunftshörig. „New West“, ein Avantgardist, wie die elektronischen Medien sich ihn nicht klarer und reiner wünschen könnten, hat angekündigt, ab nächstes Jahr auch ein Magazin anzubieten, ein ganz altmodisches Magazin aus Papier und Druckerschwärze.

Text: F.A.Z., 03.11.2005, Nr. 256 / Seite 44
Bildmaterial: New west

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