Cannes vor dem Abschluß

Wer die Wolken auf den Boden holt

Von Verena Lueken, Cannes

26. Mai 2006 Der Festivalpalast in Cannes ist dekoriert mit einem riesengroßen Bild des Plakatmotivs. Es zeigt die verschattete schmale Figur einer Frau, die aus gleißendem Licht eine Treppe ins Dunkle hinabsteigt. Es ist eine Szene aus „In the Mood for Love“ von Wong Kar-wai, der als Jurypräsident eine ubiquitäre, freundlich elegante, stets hinter schwarzen Brillengläsern verborgene Präsenz war.

Jeden Morgen sah man dieses geheimnisvolle Bild (und oft auch Wong Kar-wai selbst), und jeden Morgen hoffte man auf einen Film, der einen ähnlich umfangen und erregen würde, ein Meisterwerk, das jeder erkennt und das den ganzen Aufwand des Festivals wie der Filmproduktion überhaupt lohnt und unsere Überzeugung vom Kino als unentbehrlicher Kunst lebendig hält. Doch einen solchen Film gab es in Cannes in diesem Jahr nicht.

Bloß kein Kompromißfilm

Zwei Filme werden im Wettbewerb noch gezeigt, bevor am Sonntag abend die Goldene Palme und die anderen Preise vergeben werden. Wong Kar-wai hatte am Anfang des Festivals verkündet, er werde alles dafür tun, daß nicht wie so häufig bei internationalen Juryentscheidungen ein Kompromißfilm preisgekrönt werde, weil die Jurymitglieder sich nur auf einen Film einigen könnten, den eigentlich niemand richtig möge. Bei den Filmen, die bisher als Favoriten gelten - immer noch Pedro Almodovars „Volver“ und Alejandro Gonzalez Inarritus „Babel“ vor allen anderen, zu denen sich inzwischen auch Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ gesellt hat - wäre diese Gefahr gering.

Bekäme Almodovar die Goldene Palme, wäre dies gleichsam eine Auszeichnung für sein Lebenswerk, bei Inarritu der Preis für eine radikale Vision, die er auf dem Weg vom Arthouse-Kino seiner ersten Filme in den Mainstream von „Babel“ zu retten versucht. Doch der Film seines mexikanischen Kollegen Guillermo Del Toro, „El laberinto del fauno“, läuft erst am Samstag, und auch ihm sprechen die Gerüchte Siegerqualitäten zu.

Ein wenig mau war es schon

Es war dennoch kein schlechtes Festival. Die Kritikervoten in den Branchenmagazinen erzielten sogar eine deutlich höhere Durchschnittswertung als in den vergangenen Jahren, aber ein wenig mau war es schon. Das gilt auch für den Filmmarkt, der in diesem Jahr die Grenze zum zehntausendsten Teilnehmer passierte. Nach ihrer Eindrücken gefragt, wiegen die Einkäufer den Kopf und sagen, dies war kein außergewöhnliches, sondern ein eher träges Jahr - und weisen vor allem darauf hin, daß sich eine Sorge der Europäer und Amerikaner verstärkt: Der asiatische Markt scheint nicht mehr so weit offen für westliche Produkte, sondern sich zunehmend aufs eigene Kino und die Filme seiner in der vergangenen Jahren exorbitant ausgeweiteten Produktion zu stützen.

Gab es Trends? Themen des Jahres? Vielleicht zwei, oder zweieinhalb. Sex zum einen, harter, ungestellter, unverstellter Sex in vielen möglichen Kombinationen. James Cameron Mitchell versucht in „Shortbus“ (außer Konkurrenz gezeigt), der vor allem in einem New Yorker Sexclub-Club spielt, seine Figuren allein durch die Beobachtung ihres (realen) sexuellen Verhaltens zu konstruieren und damit weg vom Sex zu Verantwortung, Liebe, Bedürftigkeit oder verwandten Gefühlen vorzustoßen. In „Red Road“, dem Wettbewerbsbeitrag von Andrea Arnold, gibt es eine „real life“ Cunnilingus-Szene, bei Bruno Dumont seinen üblichen trostlosen Sex in Scheunen und im Gras, außerdem eine Gruppenvergewaltigung und eine Kastration, beides allerdings - so ist zu hoffen - gestellt.

Fast immer wenig delikat

Der Türke Nuri Bilge Ceylan wirft sich in seinem Wettbewerbsfilm“Iklimler“ (Klimazonen), in dem er selbst die Hauptrolle spielt, eines Abends über eine Freundin, zerreißt ihr die Kleider und wendet einige Gewalt an, sie gefügig zu machen. „Summer Palace“ des Chinesen Lou Ye macht expliziten Sex zu einem seiner großen Themen, „Taxidermia“ von György Palfi beginnt mit dem Bild eines erigierten Penis, aus dem Flammen zischen wie aus einem Bunsenbrenner, und die Liste ließe sich noch lange fortführen. Nicht immer ist das schlecht, nicht immer überflüssig. Aber fast immer wenig delikat. Die Ankündigung von Wong Kar-wais neuem Film, „My Blueberry Nights“, seinem ersten englischsprachigen, mit Jude Law, Rachel Weisz, Norah Jones und Natalie Portman, dessen Dreharbeiten im Sommer beginnen sollen, läßt hoffen, daß das bei einem späteren Festival wieder anders wird.

Das zweite Thema war „der Fremde im anderen Land“. Das zeigt, daß das Kino nach wie vor auf die Welt reagiert und sich nur in Ausnahmefällen gar nicht um sie schert, wie etwa der „Da Vinci Code“, der hier so schnell vergessen war, wie er zweihundert Millionen Dollar einspielte. Wir haben Algerier in den Vogesen kämpfen gesehen („Indigenes“) und Iren in englischen Uniformen („The Wind That Shakes the Barley“), wir konnten beobachten, wie Mexikaner in Colorado Kühe schlachten („Fast Food Nation“) oder eine Chinesin in Berlin in den Tod springt („Summer Palace“), wie zwei Amerikaner in Marokko verzweifeln („Babel“) und eine Österreicherin in Frankreich sich ihrer Liebe zu fellgefütterten Stiefelchen hingibt („Marie Antoinette“). In der einen oder anderen Facette fanden sich Filme mit diesem Thema quer durch alle Sektionen, als beobachte das Kino eine weltweite geographische Deplazierung und ihre Folgen, die als Migration nur unzureichend beschrieben ist. Daß zu dem Fremden auch die gehören, die in ihrem eigenen Land nicht mehr heimisch sind, war immer ein Thema des Kinos, und so ist dies nur ein halbes, weil nicht besonderes Thema, präsent auch in diesem Jahr.

Depardieu als Schnulzensänger

Es sind nicht nur die einer anderen Zeit Verhafteten, wie Gerard Depardieu einen spielte, in einer Starperformance ohnegleichen in Xavier Giannolis leider ansonsten vergessenswertem Film, der „Quand j'etais chanteur“ hieß und im Wettbewerb gezeigt wurde. Depardieu ist hier ein alternder Schlager- und Schnulzensänger, der in der französischen Provinz durch Tanzhallen tingelt, Lieder über die Liebe und den Schmerz, sie zu verlieren, singt, ein vulgärer Typ mit großer Würde, weil er weiß, daß er seine kleine Welt niemals verlassen darf. Es sind auch die Figuren in Richard Linklaters „A Scanner Darkly“ - eine Philip-K.-Dick-Adaption, mit Schauspielern gedreht und dann in derselben Rotoscope-Technik animiert wie in „Waking Life“ -, die in einer Welt umfassender Beobachtung ihre Identitäten verlieren.

Und es sind die beiden Mädchen in Jane Campions Kurzfilm „Water Diary“, die irgendwo auf dem Land in Australien auf Regen warten. Ihre Pferde sind schon verdurstet, und so hoppeln die beiden selbst über den karstigen Boden und die kleinen Hindernisse und fragen sich, warum die Wolken eigentlich am Himmel hängen und nicht über dem Boden schweben, woraufhin genau das geschieht. Das war ein hübsches Bild, wenn auch nicht das, das uns allen den Atem nahm und auf das wir das ganze Festival lang sehnlich gewartet hatten.

Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Filmfestspiele in Cannes 2006



Text: F.A.Z., 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 33
Bildmaterial: AP, Cinetext/Allstar, Cinetext/Distler, Cinetext/Mona Filz, REUTERS

 
Kirsten Dunst Famke Janssen Laura Chiatti, italienische Schauspielerin Jamie Foxx Rebecca Romijn Regisseur Tim Burton Robert Downey Jr. Cate Blanchett Sarah Michelle Gellar Keanu Reeves Bai Ling Beyoncé Knowles Sharon Stone Rosario Dawson Nick Nolte Gael Garcia Bernal Regisseur Pedro Costa Elizabeth Hurley Sophie Marceau Andie McDowell Ganz in Schwarz: Juliette Binoche bei der Premiere zu “The Wind That Shakes T... Ethan Hawke schaut seltsam: Sein Film „Fast Food Nation” kann einem aber auch... Actrice Aishwarya Rai aus Indien Sidney Poitier (M.) mit seiner Frau Joanna Shimkus (l.) und Juliette Binoche Von Amélie zu Da Vinci: Audrey Tautou Schauspielerin Michelle Yeoh Halle Berry Pedro Almodóvar Monica Bellucci bei der Premiere von “Indigenes“ Aki Kaurismäki Regisseurin Sofia Coppola Samuel L. Jackson Unser Mann in Cannes: Daniel Brühl sitzt in einer Jury Gerard Depardieu Chloe Sevigny Bruce Willis Faye Dunaway Adriana Karembeu Charlie Sheen Sandrine Bonnaire Zhang Ziyi Anna Paquin William Shatner Sängerin Avril Lavigne Dita von Teese Publikumslieblinge in Cannes 2006: Penelope Cruz und Pedro Almodovar Alter Bekannter in Cannes: Ken Loach Tom Hanks mit seiner Frau Rita Wilson Ein Amerikaner in Cannes: Dan Brown Jean Reno ist im “Da Vinci Code“ als Kommissar dabei, seine Begeleiterin hat ... Die amerikanische Schauspielerin Rachel Leigh Cook Die Jurymitglieder Monica Bellucci (l.) und Zhang Ziyi