16. Juli 2009 Mit Birdwatchers, seinem Doku-Drama über das Schicksal südamerikascher Indios, drehte Marco Bechis einen der wichtigsten politischen Filme des Jahres (siehe auch Birdwatchers im Kino: Die Indianer sind noch fern). Peter Körte sprach mit dem Regisseur über Werner Herzog, westliche Projektionen und die Vorzüge naiver Schauspielkunst.
Die Ironie, die im Titel Birdwatchers“ liegt, ist nicht zu übersehen – wie sind Sie zu dem Titel gekommen?
Der Film ist Ergebnis eines langen Prozesses, der 2002 begann, als ich durch Lateinamerika reiste, weil ich einen Film über die Probleme der Indios drehen wollte, genauer gesagt: über den Genozid an ihnen. In Ecuador besuchte ich eine Lodge im Urwald, in der wohlhabende Touristen Vögel und andere Tiere beobachten können. Es gab dort auch Indios, für die sich die Touristen weit weniger interessierten als für die Tiere. Später stieß ich dann in einem anthropologischen Buch auf die Geschichte einer Frau im Amazonasgebiet, die als Kind von Indios entführt wurde und dann fast dreißig Jahre unter ihnen lebte. Als sie den Urwald verließ und nach Manaus zurückkehrte, erkannten ihre Verwandten sie nicht wieder. Diese Geschichte wollte ich verfilmen, merkte aber bald, dass ich nur einen Hollywood-Film im Tarzan-Stil hinkriegen würde, weil ich unsere, die Projektionen der Weißen verfilmen würde. In Mato Grosso dann lernte ich Ambrosio kennen, der im Film den Nadio spielt, und die Gruppe von Guarani-Kaiowá. Da stellte sich ein anderes Problem: Was passiert mit den Indios, wenn der Wald als ihr Lebensumfeld nicht mehr da ist? Auf einmal sah ich einen besseren Filmstoff. Von meiner alten Idee ist nur der Anfang geblieben, die Touristen, die sich scheinbar naturbelassene Indios anschauen. In gewisser Weise war ich auch ein Birdwatcher“, weil ich mir Indios vorgestellt hatte, die nur in meiner Phantasie existieren.
Ist es nicht für einen weißen Regisseur unausweichlich, dass er projiziert?
Alle, zum Teil sehr gute Filme über Indianer wie die von Werner Herzog oder Terrence Malicks The New World“ setzen die indigenen Völker in den Hintergrund; im Zentrum steht ein weißer Schauspieler. Das wollte ich nicht, ich wollte etwas anderes probieren: Indios, die als Schauspieler agieren. Die Arbeit bestand also darin, die Indios nicht dokumentarisch zu zeigen, wobei ich ihnen wie ein Anthropologe zuschaue. Da hätte es keinen Austausch der Perspektiven gegeben, und ich wollte, dass die Perspektiven sich vermischen.
Und wie haben Sie die Guarani zu Schauspielern ausgebildet?
Ich begriff, dass sie ein schauspielerisches Potential haben, als ich eine Szene erlebte, in der eine Guarani-Frau sich mit einem Beamten auseinandersetzte. Sie sprach laut und heftig, sie hatte die Strategie, den Mann verbal hart anzugehen, dann wandte sie sich ab und ging zu den Männern, die die eigentlichen Verhandlungen mit der Behörde führen sollten. Es war ein klarer rhetorischer Schachzug. Ich sagte mir: Sie wissen genau, was Theaterspielen heißt. Wir haben dann vier, fünf Monate gearbeitet, aber das waren keine Proben. Sie improvisierten und begannen zu verstehen, was ein Film ist. Ich habe ihnen Ausschnitte aus Hitchcocks Vögeln“ gezeigt und aus Spiel mir das Lied vom Tod“, vor allem Szenen ohne Dialoge, weil ich wollte, dass sie die stumme, gewaltige Wirkung der Nahaufnahme eines Gesichts erleben.
Was hat die Situation im Film, wenn die Guarani ihr Reservat verlassen und ein Stück Land am Rande der Straße besetzen, mit dem Alltag der Darsteller zu tun?
Ambrosios Schicksal war ja die Inspiration für die Geschichte, er hat vier Jahre lang ein Stück Land besetzt, er hat Plastikhütten gebaut, wie im Film. Die beiden jungen Männer im Film haben die Rollen getauscht. Derjenige, der den angehenden Schamanen spielt, ist eine Art Lebenskünstler, der andere Junge ist tatsächlich ein angehender Schamane.
Sie haben eine ziemlich bewegte Biographie. In Chile geboren, in Brasilien und Argentinien aufgewachsen, wegen der argentinischen Militärjunta nach Italien ausgewandert – haben Sie sich schon in Ihrer Jugend für die Lage der Indios interessiert?
Als ich in Argentinien aufwuchs, bestand das Hauspersonal überwiegend aus Indios. Ich wusste nichts über sie, war aber neugierig. Mit Anfang zwanzig habe ich dann als Grundschullehrer gearbeitet, ich war ein junger Militanter und wollte, dass die Kinder anders unterrichtet würden als vom Establishment. Ich habe in der Nähe der argentinisch-bolivianischen Grenze gearbeitet, wo hauptsächlich indigene Völker leben, und meine Tätigkeit war vor allem gegen die Unterrichtspraxis der katholischen Kirche gerichtet. Und nach zwei Filmen über verschwundene, verschleppte Menschen wollte ich einen Film machen, der von Überlebenden handelt, von Überlebenden des Genozids und der Conquista.
Sie versuchen im Film auch, die Rolle und Interessen der Grundbesitzer begreiflich zu machen...
... es ging auch um eine Art der Kommunikation. Wenn man als Europäischstämmiger in Lateinamerika lebt, begreift man irgendwann, dass man ein Nachfahre der Konquistadoren ist. Nur mit den Indios zu reden reicht nicht. Es gibt kein dringendes Bedürfnis nach Austausch auf der alltäglichen Ebene. Im Film sieht man das am Konflikt mit dem Grundbesitzer. Er beharrt auf dem Land, das ihm gehört und das seine Familie kultiviert hat, für die Guarani gibt es dagegen eine religiöse Verbindung zu dem Land, die nichts mit einer Eigentumsbeziehung zu tun hat.
Ihre Filme haben immer einen klaren politischen Subtext.
Aber ich bin kein politischer Filmemacher im üblichen Sinne. Das Politische liegt darin, wie ich einen Film mache, also im Sinne von Godard, der gesagt hat, man müsse nicht politische Filme machen, sondern Filme politisch machen. Deswegen ist mir auch das Wie des Films wichtiger. Es geht mir nicht um Aussagen zu einem bestimmten Thema.
Wie hat man denn in Brasilien auf Ihren Film reagiert?
Mein Drehbuchautor hat mir aus Brasilien gemailt: Brasilianer mögen keine Filme, die von leidenden Indios handeln.“ Ist doch klar: Weil sie sich schuldig fühlen. Die Kritiker und Intellektuellen mochten meinen Film, das Publikum blieb fern. Aber in Mato Grosso do Sul, wo ich gedreht habe, kursieren unzählige Kopien des Films auf DVD. Das gefällt mir, auch wenn keiner dafür bezahlt.
Das Gespräch führte Peter Körte.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Pandora/Cinetext
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