„Buddenbrooks“-Verfilmung

Die Phantome von Lübeck

Von Andreas Kilb

Welche Tablette hilft? Heinrich Breloer verfilmt die „Buddenbrooks”

Welche Tablette hilft? Heinrich Breloer verfilmt die „Buddenbrooks”

21. Dezember 2008 Geben wir gleich dem Meister das Wort. Am 3. Februar 1934 kommt Thomas Mann in gehobener Stimmung in Zürich aus dem Kino: „Sah die zweite Hälfte zuerst, dann Bilder aus aller Welt . . . und verfolgte dann noch bis nach 10 Uhr die früheren Teile des Filmes, der vorzüglich aufgenommene, lebensvolle Bilder und anziehende junge Menschen zeigt. Ging von da, befriedigt, ja beglückt vom Schauen natürlichen Lebens und prächtiger Fluss- und Meeresbilder, ,schöner' junger Körper in das dem Hotel nahe gelegene Café.“

Donnerwetter! Was hat er da gesehen? Vielleicht die neueste Tolstoi-, Flaubert- oder Dickens-Verfilmung? Oder doch wenigstens eine Garbo-, Crawford- oder Bette-Davis-Schnulze? Nein, es ist „Abel mit der Mundharmonika“, ein Binnenschifferfilm von Erich Waschneck mit Carl Balhaus und Hans Brausewetter - heute wohl zu Recht vergessen -, der den Großschriftsteller so ergreift, dass er im Hotel nicht einschlafen kann: „arger Erregungs- und Erschöpfungszustand“, notiert er am folgenden Tag, „den ich mit einer Tablette Phanodorm allmählich besänftigte“. Noch Wochen später bezeichnet er den „Abel“-Film in einer Umfrage der „Neuen Zürcher Zeitung“ als „das Hübscheste, was ich in jüngster Zeit gesehen habe“.

Der Kick vor der Leinwand

Höhere Tochter des Digitalzeitalters: Jessica Schwarz

Höhere Tochter des Digitalzeitalters: Jessica Schwarz

Warum? Auch dazu gibt das Tagebuch Auskunft: Weil dem Autor der „Buddenbrooks“ das „Zeigen jungmännlicher Nacktheit in kleidsamer, ja liebevoller photographischer Beleuchtung“, sprich: der muskulöse Oberkörper des Darstellers Balhaus („hier besonders ergiebig“) ans erotisch Eingemachte ging. Trotz aller Kulturbeflissenheit und aller Dichterworte über das „sinnreiche Spielzeug“ und die moralischen Pflichten des „Kientopp“ suchte also auch Thomas Mann vor der Leinwand, was wir alle suchen: den Kick. Den Kitzel. Das Bild, das ans Unterbewusste rührt. Das war seine Wahrheit, und es sollte auch unsere sein, besonders, wenn es um Thomas-Mann-Verfilmungen geht.

Welche Tablette also hilft gegen Heinrich Breloers „Buddenbrooks“? Das Schlafmittel Phanodorm jedenfalls nicht, denn aufputschende Wirkung kann man dem Film beim besten Willen nicht nachsagen. Eher käme schon der Stimmungsaufheller Prozac in Frage, mit dem sich bereits Generationen von Amerikanern den Ruhestand versüßt haben. Denn Breloers Verfilmung ist eine entschieden - der Literaturwissenschaftler Breloer, der über „persönliche Erfahrung und ästhetische Abstraktion“ promoviert hat, würde sagen: „dezidiert“ - pessimistische Version der Buddenbrooks-Geschichte.

Erzählen, nicht Nachklappern!

Es ist, als wäre die epische Ironie des Romans in der Hitze der Filmscheinwerfer verdampft und hätte nur einen Bodensatz aus schwarzem Kummer hinterlassen. So kommt man, nachdem Thomas Buddenbrook und der kleine Hanno in die Grube gefahren sind und die alte Ida Jungmann an Stelle von Sesemi Weichbrodt das Schlusswort gesprochen hat, mit dem Gefühl aus dem Kino, dass das neunzehnte Jahrhundert auch nicht mehr ist, was es mal war. Erst Betriebspleiten, Abschreibungen, Spekulationsverluste, dann Nervenschmerzen, Typhus und Infarkt, das ist die dramaturgische Kurve dieser „Buddenbrooks“. Dass der malade Thomas zwischendrin zum Senator aufgestiegen ist, ja dass das Haus Buddenbrook einmal regelrecht geblüht hat, spielt am Ende keine Rolle mehr. Kalt streicht der Wind durch die leeren Kontorräume, über die Vorhänge, Wandbilder und abgehängten Lüster, mit denen der ewige Buddenbrook-Konkurrent Hermann Hagenström in Bälde sein neues Heim dekorieren wird. Es ist die Schlüsselszene des Films. Mit brachialer Eleganz löst sie das Versprechen ein, das Thomas Mann mit dem Untertitel seines Buches gegeben hat: „Verfall einer Familie“.

Dabei hat alles so munter begonnen. Lübeck im Biedermeier: spielende Kinder, wiehernde Pferde, Frauen mit Hauben, Männer mit Stehkragen - das ganze Menü. Nur dass bei Breloer, für den, wie schon bei den „Manns“, der bewährte Gernot Roll die Kamera geführt hat, alles einen Zahn schneller geht. Nach kurzem Blick auf die Kulisse sind wir schon mitten in einem Wagenrennen zwischen den Buddenbrook-Kids und dem kleinen Hagenström, und von da geht es zack-zack über zehn Jahre hinweg auf einen Ball, auf dem Tony Buddenbrook (Jessica Schwarz) von ihren Eltern, dem Konsul Jean (Armin Mueller-Stahl als lebendes Mueller-Stahl-Denkmal) und seiner Gattin Bethsy (Iris Berben), in die Gesellschaft eingeführt wird. Beides, Ball und Wagenrennen, steht so nicht im Buch. Aber beides ist am richtigen Ort bei Breloer, der sich an die erste und wichtigste Regel für literarische Adaptionen hält: Erzählen, nicht Nachklappern! Darum ist es nur konsequent, dass sich die erste Stunde dieses zweieinhalbstündigen Films vor allem um Tony dreht: ihre Flausen, ihre Verehrer, ihr Ferientechtelmechtel mit Morten Schwarzkopf, ihre Rebellion gegen die väterlichen Heiratspläne, schließlich die Ehe mit dem Bankrotteur Bendix Grünlich (Justus von Dohnányi). Jessica Schwarz spielt diese höhere Tochter so, wie man sie im Digitalzeitalter wohl spielen muss: mit einem stillen Erstaunen darüber, wie fern uns dieser Typ und seine Probleme inzwischen doch sind. So fern wie fast alles in dieser Geschichte - außer dem Stoff, der alles zusammenhält: dem Geld.

Ohne Stimme

Jene Rezensenten, die ihre Tinte nicht halten konnten und schon Wochen vor dem Filmstart ihr Urteil über die „Buddenbrooks“ abgaben, haben Breloer fast durchweg die großen Vorbilder der Vergangenheit mahnend entgegengehalten: den Fernseh-Elfteiler von 1979, den zweiteiligen Spielfilm mit Lilo Pulver von 1959, zuletzt noch, als Totschlag-Vergleich größten Kalibers, die Filme Luchino Viscontis. Dabei kann man von dem Italiener in dieser Sache gar nichts lernen - außer, dass „Buddenbrooks“-Adaptionen eigentlich überflüssig sind, weil es mit Viscontis „Verdammten“ von 1968 schon die aufregendere, triftigere deutsche Familienchronik gibt. Und die sogenannten Klassiker des bundesrepublikanischen Thomas-Mann-Kinos entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als bloße Popanze: ein steifes, in Öl gepinseltes Ausstattungsstück der eine, eine brettflache und kreuzfidele, mit „Racke Rauchzart“ gespülte Fünfziger-Jahre-Sause der andere. Dass Breloer alles ganz anders gemacht hat als Franz Peter Wirth und Alfred Weidenmann vor ihm, spricht nicht gegen, sondern für ihn: Es konnte nur besser werden mit den „Buddenbrooks“.

Ihre Rivalität steht im Mittelpunkt des zweiten Teils: Christian (August Diehl) und Thomas Buddenbrook (Mark Waschke)

Ihre Rivalität steht im Mittelpunkt des zweiten Teils: Christian (August Diehl) und Thomas Buddenbrook (Mark Waschke)

Breloers Film hat ein anderes Problem. Es ist das Problem vieler Literaturverfilmungen, aber bei Breloer, eben weil er mit so viel Kennerschaft an die Vorlage herangeht, wird es besonders schmerzhaft deutlich: Sein Film hat keine Stimme. Er spielt, zum Teil mit großem Geschick, die Motive Thomas Manns nach, aber er entwickelt keine eigene Melodie. Er verdaut gewaltige Stoffbrocken, ohne daran zu wachsen. Besser, als nichts zu wollen, sei es, das Nichts zu wollen, hat der von Thomas Mann schaudernd vergötterte Friedrich Nietzsche geschrieben. Breloer will nicht mehr, als einem alten Buch ein neues Kleid aus Bildern zu schneidern. Für den Fernsehregisseur, der er nicht mehr sein möchte, ist das genug, für einen Stammplatz im deutschen Kino ist es zu wenig.

Breloers Erklärungssucht

An ästhetischer Unentschiedenheit krankt besonders der zweite Teil des Films, in dem die Rivalität zwischen Christian (August Diehl) und Thomas Buddenbrook (Mark Waschke) im Zentrum steht. Man riecht förmlich, wie gern Waschke und Diehl aufeinander losgehen würden, wie viel Spannung in dem Gegensatz zwischen Christians Verlotterung und der mühsam errungenen Selbstdisziplin seines Bruders steckt. Aber Breloer schafft es nicht, sich von der Chimäre einer möglichst vollständigen Bebilderung des Romans zu befreien. Die Energie, mit der er Vignetten der Geschichte wie den Tod des fresssüchtigen Senators Möllendorpf (Josef Ostendorf) ausmalt, geht der Haupthandlung verloren, und als mit Thomas' holländischer Gattin Gerda (Léa Bosco) das romantische Lebensgefühl im Hause Buddenbrook Einzug hält, verkürzt Breloer den Konflikt auf ein Orgasmusproblem im Ehebett. Selbst vor dem kleinen Hanno (Raban Bieling) macht Breloers Erklärungssucht nicht Halt: Der Knabe holt sich den Typhus, als er in die Trave springt, um seine Schopenhauer-Notizen zu retten. Thomas Mann kam ohne solche Denkhilfen aus. Aber Mann war ja auch ein Erzähler, kein Geschichtendekorateur.

Sein Typhus wird erklärt: Der junge Hanno (Raban Bieling)

Sein Typhus wird erklärt: Der junge Hanno (Raban Bieling)

Am Ende ist es mit den Thomas-Mann-Verfilmungen wie mit den zyklisch wiederkehrenden Versuchen, Proust, Joyce oder Dante auf die Leinwand zu bringen: Man nimmt es als Kuriosität, nicht als Anschlag auf die Literatur. Was den Autor der „Buddenbrooks“ angeht, so war er, wie Peter Zander in seiner lesenswerten Studie „Thomas Mann und der Film“ aufdeckt, im Kino gar nicht so sehr an Werktreue interessiert - für ihn zählte vor allem Bargeld. Als Hollywood Mitte der Vierziger Anstalten machte, den Josephsroman zu verfilmen, geriet er in einen „echt amerikanischen Prosperity- und Dollar-Rausch“. Wenig später kam die Ernüchterung: „Wer auf den Film baut, baut auf Satans Erbarmen“, schrieb der enttäuschte Thomas Mann an seinen Sohn Klaus. So gesehen wäre er mit Heinrich Breloers rechtschaffen unsatanischer Adaption vermutlich ganz zufrieden gewesen. Sein Kino war ohnehin anderswo.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Warner Bros./Cinetext

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