05. August 2005 Wenn ein Actionfilmregisseur einen anspruchsvollen Science-fiction-Film zu drehen versucht, muß er nicht unbedingt so aussehen wie "Die Insel". Daß man die Zukunft im Kino auch ganz unkindisch ernst nehmen kann, hat Steven Spielberg mit "Artificial Intelligence" (nach einer Idee von Stanley Kubrick) und "Minority Report" gezeigt. Aber Michael Bay ist kein Spielberg, und wenn er außer den Einspielergebnissen seiner Filme überhaupt etwas ernst nimmt, dann ist es die Kinetik jener Blech-und-Feuer-Sequenzen, die seit "Bad Boys" und "Armageddon" Bays Markenzeichen sind.
Deshalb sieht "Die Insel" auch nur ungefähr eine halbe Stunde lang wie ein anspruchsvoller Science-fiction-Film aus, danach folgt die bewährte Mischung aus Männergeschwätz, Kugelhagel und Warmverschrottung sämtlicher im Bild befindlicher Fahrzeuge, von der das amerikanische Publikum offenbar nie genug bekommt.
Preisreduziertes Faksimile
Oder doch? Nach zehn Tagen hat Bays Opus erst knapp fünfundzwanzig Millionen Dollar eingespielt, einen Bruchteil seines Budgets, so daß der Regisseur selbst von einem "Debakel" spricht. Die tragische Ironie dieses Flops besteht darin, daß Steven Spielberg persönlich Bay das Drehbuch zugespielt und das von Spielberg mitgegründete Studio Dreamworks den Film produziert hat. Und vielleicht hätte wirklich der Regisseur von "A. I." diese Geschichte von zwei Klonen verfilmen sollen, die sich auf der Suche nach ihren Originalen im Los Angeles des Jahres 2050 verirren (das bei Bay vom heutigen, durch Digitaltechnik futuristisch aufgemöbelten Detroit gedoubelt wird).
Dann hätten Ewan McGregor als Zuchtmensch Lincoln Six Echo und Scarlett Johansson als Klonfrau Jordan Two Delta nicht bloß wie ein Paar aus der Sportartikelwerbung ausgesehen, und am Ende wäre mit dem Stahl und Glas des unterirdischen Riesenbunkers, in dem man die beiden ausgebrütet hat, vielleicht auch die eine oder andere Science-fiction-Stereotype zu Bruch gegangen. Bei Michael Bay dagegen wirkt jedes Stück Realität, das auf der Leinwand erscheint, immer wie sein eigenes preisreduziertes Faksimile.
Dieser Warencharakter der Bilder scheint zunächst auf irritierende Weise zu der Doppelgängerstory zu passen, aber im Verlauf des Films verschenkt Bay alle Möglichkeiten seines Themas, weil er es nur als Anlaß für visuellen Krawall und skrupelloses Product Placement begreift. Das Skript, das Caspian Tredwell-Owen für "Die Insel" geschrieben hat, war ein Rohdiamant; Bay hat einen geschmacklosen Klunker daraus gemacht, ein Stück Popcorn-Problemkino, das nicht einmal als Unterhaltungsprodukt etwas taugt. Aber vielleicht ist richtiges Entertainment ja mittlerweile die schwierigste Kunst in Hollywood.
Text: F.A.Z., 06.08.2005, Nr. 181 / Seite 34
Bildmaterial: Warner Bros.