Von Manfred Bitter, Berlin
11. Februar 2002 Die Geschichte beginnt an einem regnerischen Tag mit der Autofahrt der Gräfin von Trentham (Maggie Smith) und ihrer Kammerzofe Mary (Kelly McDonald) zur Jagdgesellschaft bei Sir William McCordle. An deren Ende wird sie, die ihr Ziel trocken und im warmen Innenraum der Karosse erreicht hat, sich in der oberen Etage des Hauses von der Reise ermattet auf ein Fauteuil sinken lassen, während die nasse und durchgefrorene Zofe, die im offenen Führerhaus des Wagens saß, ihren Arbeitstag im von Dienern schwirrenden Keller des Hauses beginnt.
Als würde ein Zeichner mit wenigen Strichen ein Gesicht auf dem Papier entstehen lassen, um den Charakter des Porträtierten zu zeigen, so zeichnet Robert Altmann mit diesen ersten Szenen die Synopse seines Filmes "Gosford Park". Sparsam und ruhig verteilt er Rollen, führt das enge Korsett der Gesellschaft vor, die feinen Bande, die es zusammenhalten, zeigt, dass die Abhängigkeiten zwischen oben und unten durchaus in beide Richtungen verlaufen und wie empfindlich das System auf Störungen von außen reagiert.
Unter den Augen Hollywoods
Auf dem Landsitz des alten Sir William (Michael Gambon) hat sich eine kleine Gesellschaft eingefunden, um zu jagen, zu essen, zu plaudern und Bridge zu spielen. Die Party steht unter keinen guten Vorzeichen: Finanzielle Schwierigkeiten, sexuelle Frustration, zerstörte Liebe, Neid, Eifersucht und Streit beherrschen die Figuren, und immer spielt Sir William bei diesen Problemen eine zentrale Rolle. Die meisten hätten also guten Grund, den Patriarchen zu töten, der seinen Schoßhund mit Süßigkeiten füttert und gerne an Gewehren fummelt. Und so geschieht es.
Aber damit ist wenig gesagt. Gosford Park zitiert, variiert und ironisiert zugleich eines der schönsten und beständigsten Motive der Literatur- und Filmgeschichte, das Whosdunit der Agatha-Christie-Romane. Zur Schar der Gäste gehört auch ein Filmteam aus Hollywood, das für den Detektiv-Film Charlie Chan in London die englische Gesellschaft studieren will. Die Neue Welt betrachtet die Alte Welt nicht mehr als Teil ihrer eigenen Geschichte, sondern nur noch mit Neugier und Staunen, und ist nur gekommen, um zu recherchieren - gedreht wird natürlich in Hollywood.
Intelligent erzählt, wenig gewagt
Doch die Frage Wer hat gemordet - und warum? ist nur ein Vorwand für Altman, sich ganz den einzelnen Figuren zu widmen, so wie er es oft und gerne getan hat. Während zu Beginn des Filmes alles an seinem Platz ist und die Verbindungen zwischen Ober- und Unterklasse auf Befehlen und Ausführen beschränkt zu sein scheinen, durchdringen sich die beiden Gruppen nach und nach immer mehr. Hier wie dort herrscht Verzweiflung und Leere, jeder hat sozusagen mindestens eine Leiche im Keller, und wenn die Chefhaushälterin Elsie (Emily Watson) sagt, I am a servant, I have no life, so gilt zumindest der zweite Teil des Satzes ebenso für ihre Herrschaft.
Robert Altman hat mit Gosford Park nichts wirklich Neues geschaffen, sondern oft Erzähltes auf intelligente Weise neu zusammengefügt. Der Film lädt ein, das Schauspiel der durchweg exzellenten britischen Schauspieler zu genießen, den ätzenden Snobismus der Oberklasse und die perfekte Servilität der Unteren - die Alan Bates als Butler Jennings großartig verkörpert. Gosford Park ist meisterlich gemacht, jedoch kein Meisterwerk, sehr gutes Kino und jedem schon wegen des wundervollen Soundtracks zu empfehlen.
Text: @kue
Bildmaterial: FAZ.NET, Internationale Filmfestspiele Berlin