Filmfestspiele Venedig

Die tausend Gesichter des Mr. Dylan

Von Michael Althen

06. September 2007 Nicht immer ist das Gutgemachte, Wohldurchdachte, Rechtdosierte die beste Lösung für einen Stoff. Manchmal ist das Unausgewogene, Ungelenke, Überkandidelte der spannendere Weg, den ein Film einschlagen kann. Die befriedigenderen Filme sind womöglich die anderen, aber gerade auf Festivals sucht man nach Filmen, die sich nicht so leicht einordnen lassen, die sich dem leichten Urteil widersetzen und zu deren Bildern die Erinnerung immer wieder zurückkehrt wie die Zunge zum Loch im Zahn. „I’m Not There“ von Todd Haynes ist so ein Fall, der mal unausgegoren, mal überreif wirkt, mal genau auf den Punkt, mal völlig aus der Spur.

Der Film soll ein Biopic über Bob Dylan sein und will es auch wieder nicht sein, in jedem Fall will er nicht sein wie andere Filme, die sich am Leben von Legenden entlanghangeln, und ist es mitunter dann doch. Haynes hatte die haarsträubende und gleichzeitig geniale Idee, den Mann, an dessen Wandlungen sich die Biographen immer wieder die Zähne ausbeißen, nicht nur von verschiedenen Männern spielen zu lassen – Heath Ledger, Ben Whishaw, Christian Bale und Richard Gere –, sondern auch noch von einem kleinen schwarzen Jungen (Marcus Carl Franklin) und einer Frau (Cate Blanchett). Und das Tollste ist, dass Letztere den einleuchtendsten Dylan gibt, einen Mann, der irgendwie außer sich ist, weil er zum einen mehr Drogen nimmt, als ihm guttut, und zum anderen gerade den Bruch mit seinen Fans betreibt, die ihn als Judas beschimpfen, weil er sich von der traditionellen Folkmusik abkehrt.

Die Form hält nichts zusammen

Es hilft, wenn man Scorseses Dylan-Dokumentation „No direction home“ gesehen hat oder sonstwie bibelfest ist, weil man dann manches als Fakt wiedererkennt, was man sonst für überspannte Fiktion gehalten hätte, und weil ein Vorwissen zusammenhält, was sonst manchmal hoffnungslos auseinandertreibt. All die Marksteine in Dylans Karriere, all die Wendepunkte und Neuerfindungen kommen vor, aber natürlich als Travestie. Denn das war schon immer Haynes’ Methode, der Welt Herr zu werden, sei es in dem Glamrock-Musical „Velvet Goldmine“ oder in dem Douglas-Sirk-Melo „Far From Heaven“. Und wo man sagen könnte, dass die bloße Travestie im Grunde nur ihr Vorbild zur Pose gerinnen lässt, da ergibt sich im Spannungsfeld von sechs Travestie-Nummern bei aller Unausgewogenheit dann eben doch ein Persönlichkeitsprofil, das auf anderen Wegen immer verschwommen bleibt.

Gefürchteter Interview-Partner: Christian Bale mit Dylan-Schopf Erkennen Sie Dylan? Charlotte Gainsbourg und Heath Ledger Der Jeans-Dylan Hobo Gere als Bob Dylan Ben Wishaw Auch dieser schwarze Junge ist ein Dylan

Eine andere Form von Travestie betreibt Takashi Miike in „Sukiyaki Western Django“, einem Samurai-Spaghetti-Western, in dem das Genre so lange auf die leichte Schulter genommen wird, bis sich alles Interesse an den Figuren verflüchtigt. In einer kleinen Rolle als Erzähler tritt Quentin Tarantino auf, der als Regisseur im Unterschied zu seinem japanischen Verehrer allerdings stets begriffen hat, dass die Form allein nichts zusammenhält, wenn man nichts zu erzählen hat.

Lohnsklaven in einer globalisierten Welt

Für Ken Loach war das allerdings noch nie ein Problem. Der Brite hat stets ein Anliegen gehabt, dem er die Form dann entsprechend unterordnete. In „It’s a Free World ...“ erzählt er von Lohnsklaven in einer globalisierten Welt, von Zeitarbeitern aus der Ukraine und Polen, die in England nach Strich und Faden ausgebeutet werden, und von einer umtriebigen Frau (Kierston Wareing), die mit den besten Absichten antritt, in diesem Spiel mitzuspielen, weil es ihr reicht, immer auf der Seite der Ausgebeuteten zu stehen. Der Filmtitel ist natürlich der reinste Hohn, denn Loach zeigt mit flinker Hand, wie hoch der Preis ist, den die Frau für ihre Freiheit zahlen muss, denn am Ende unterscheiden sich ihre Methoden nicht von denen ihrer Ausbeuter.

Auch bei Abdellatif Kechiche geht es in „La Graine et le mulet“ auf den ersten Blick um Globalisierung und Arbeitslosigkeit, aber dann taucht der in Tunesien geborene Franzose auf eine Art ins bunte Familienleben seines Helden ein, bei der man anders als bei Loach nie den Eindruck hat, sie sei womöglich nur folkloristisches Mittel zum politischen Zweck. Der Sechzigjährige sieht als Hafenarbeiter in Sète keine Zukunft mehr und beschließt, einen alten Schrottkahn in ein Restaurant umzuwandeln. Der Plot hält aber nur notdürftig zusammen, was der Film an Reichtum zu bieten hat. Kechiches Meisterstück ist ein mindestens zwanzigminütiges Couscous-Essen einer Großfamilie in einer engen Wohnung, bei dem das Hin und Her des Gesprächs zwischen Eltern, Kindern, Nachbarn und Freunden mit einer Zugeneigtheit eingefangen wird, dass man bald vergessen hat, wo der Film herkommt oder wo er überhaupt hin will. In seinem Überraschungsfilm „L’Esquive“ hatte Kechiche zuletzt gezeigt, wie Jugendliche aus den Banlieues Marivaux einstudieren, und wie dort geht es ihm auch hier nicht ums Gelingen, sondern darum, das Leben in seiner rätselhaften Vielfalt einzufangen. Das ist ihm hier wie keinem anderen gelungen. Und als wolle er das noch unterstreichen, verweigert er dem Film ein Ende – im größten Durcheinander bricht er einfach ab. Wozu sollte er auch die Fäden verknüpfen, wenn der Weg das Ziel ist. Könnte allerdings sein, dass am Ziel der Goldene Löwe winkt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: image.net, Tobis/Cinetext

 
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